Verehrung von Sonne, Himmel und Erde
Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde. Eine eindrucksvolle Vielfalt an Landschaftsformen dehnt sich vom westlich gelegenen Kaspischen Meer und der Wolga-Ebene zum Altaj-Gebirge an der östlichen Grenze zu China und der Mongolei. Die Tjan-Shan-Gebirgskette, der Aralsee und die Kysylkum-Wüste schließen das Land nach Süden ab und im Norden reicht Kasachstan bis in das Westsibirische Tiefland hinein. Wüste, Halbwüste und Steppe nehmen zusammen mehr als die Hälfte der Fläche ein, so dass Kasachstan das größte Steppengebiet der Erde darstellt.Harte Lebensbedingungen herrschen in der weiten Steppe: Wasserknappheit zwang früher die Nomaden, die Weiden zu wechseln, sobald das frische Gras aufgebraucht war. Das praktische Haus, die Jurte, wurde auf dem Kamel transportiert, man hinterließ dabei keinerlei naturbelastenden Müll. Somit liegt im Kern der ursprünglichen nomadischen Wirtschaftsweise das natürliche Gleichgewicht: Ressourcen wie Wasser und Futterweiden wurden im ökologischen Sinne genutzt. Später wurde diese Lebensweise der „progressiven“ westlichen Zivilisation geopfert, die einen krassen Gegensatz zu den Werten der kasachischen Nomaden darstellt. So erreichte das Echo der industriellen Revolution Kasachstan in Form von beispielloser Belastung der Natur, ähnlich wie in vielen anderen Ländern der Erde. Gleichwohl ist Kasachstan ein faszinierendes Beispielland für die Unachtsamkeit, Ausnutzungsgier und Irrationalität menschlichen Handelns bei der Nutzung natürlicher Ressourcen in den letzten hundert Jahren. Denn Kasachstan hat mindestens zwei Katastrophen globalen Ausmaßes: die Austrocknung des Aralsees und die Folgen der Atomwaffentests (insgesamt über 500). Als wenn das nicht genug wäre, droht die nächste Katastrophe – die totale Verschmutzung und Gefährdung der Biodiversität des Kaspischen Meeres dank der Ölbohrung und -förderung. Die Verschmutzung und Verknappung des Wassers, die radioaktive Kontamination und Ölverschmutzung, die Pestizidverseuchung der Agrarflächen, die Entwaldung der Bergregionen, in einem gesprochen also der verheerende Zustand der Umwelt, sind Ergebnisse einer fahrlässigen Planwirtschaft. Heute wird öffentlich über die fatalen Fehler diskutiert. Offensichtlich ist, dass die Umwelt über Jahrzehnte einen kostenlosen Wirtschaftsfaktor darstellte, die Spezifik der Steppenregion vernachlässigt wurde und Kasachstan zum bloßen Rohstofflieferant degradiert war. Besonders bemerkbar macht sich die steigende ökologische Belastung im Landwirtschaftssektor, denn der verschwenderische Wasserkonsum der sowjetischen Wirtschaftsstrategie überwiegend für Baumwollanlagen hat verheerende Folgen für die Umwelt und Gesundheit der Menschen. Viele Umweltprobleme sind noch nicht erkannt worden, viele der breiten Öffentlichkeit unbewusst. Ich glaube daran, dass man Werte wie den hochachtungsvollen Umgang mit der Natur, die Verehrung von Sonne, Himmel und Erde, den freiheitlichen Geist eines Nomaden, gebunden nur an sein Pferd, sein Vieh und seine Sippe – mit anderen Worten, die weise und jahrhundertealte Steppenkultur – so zum Leben wiedererwecken sollte, dass Tradition und Moderne vereint werden und das Verhältnis von Natur und Mensch wiederhergestellt wird. Ich denke, dass in Kasachstan bald eine Wandlung des Umweltbewusstseins bevorsteht und die Entwicklung der ökologischen Landwirtschaft unumgänglich ist. Dabei könnte man viel von Deutschland lernen, denn hier hat der Ökologiegedanke schon eine lange Geschichte. Dina Satvaldinova |
||
| Impressum | zum Seitenanfang | |