Regionalverband

25 Jahre Tschernobyl – Zeitzeugen berichten

Der ehemalige „Liquidator“ Nikolai Bondar zu Gast beim Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn




Am Samstag, 09. April 2011 war Nikolaj Bondar, der bei der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl als „Liquidator“ eingesetzt worden war, beim Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn und der Volkshochschule im Deutschhof zu Gast.

Nikolaj Bondar wurde am 29. April 1986 als 22-jähriger Reservist zum Einsatz in Tschernobyl verpflichtet – zuerst in der Annahme, es handle sich um ein Manöver. Vor Ort wurde er zusammen mit anderen Mitgliedern zum Beladen von Hubschraubern mit Sand, Blei und Dolomit eingeteilt. Als eine zweite Explosion im zerstörten Reaktor befürchtet wurde, meldete er sich freiwillig zum Abpumpen von stark radioaktivem Wasser unterhalb des Reaktors. „Ich war damals unter den 25 Freiwilligen. Deshalb, weil sonst 30-40 Millionen Menschen im Umkreis von 500km hätten sterben können. Wir hatten es in der Hand, vielen Menschen das Leben zu retten“, begründete Bondar die Entscheidung und fuhr fort „Bei dem Einsatz wurde ich ohnmächtig. Die Kameraden haben mich nach draußen gebracht. Ich konnte mir später nicht erklären, warum mir das passierte.“

Wie die anderen Reservisten, die die Hubschrauber beluden, bekam Bondar zunächst einen roten Hautausschlag und hielt dies für einen schweren Sonnenbrand. Später wurde ihnen klar, dass es sich um Symptome der Strahlenkrankheit handelte. In der Folgezeit kamen bei vielen Betroffenen dann Krebserkrankungen, vor allem Schilddrüsenkrebs, sowie Herz-/Kreislaufkrankheiten hinzu. Von den 353 Reservisten des Sonderbataillons sind heute nur noch 80 am Leben und als Invalide ersten und zweiten Grades eingestuft. Viele sind bettlägerig und auf Pflege angewiesen. Bondar selbst ist herzkrank und leidet an 20 verschiedenen Krankheiten. Spürbare staatliche Unterstützung bekommen die insgesamt vermutlich 850.000 „Liquidatoren“ nicht.

Auf die Frage von Gottfried May-Stürmer, der die Veranstaltung moderierte, wie wir in Deutschland die Opfer des Tschernobyl-Einsatzes unterstützen können, erklärte Bondar, auf keinen Fall über staatliche Stellen der Ukraine. Auch zu bestehenden Organisationen hätten die „Liquidatoren“ kein Vertrauen, zu viele Hilfe werde „abgezweigt“. Ihre Organisation „Sturmglocke“ versuche über Vortragsreisen, ein Netzwerk zur Unterstützung aufzubauen.

Der Bericht wurde von Tamara Doroshkina perfekt übesetzt. Herr Bondar begleitet derzeit auf Einladung des Bildungs- und Begegnungswerks Dortmund (IBB) die multimediale Wanderausstellung „25 Jahre nach Tschernobyl – Menschen – Orte- Solidarität“, die von 10. – 15. April in der Stadtbibliothek Karlsruhe gezeigt wird.

Außer Herr Bondar waren Regina Stenger vom Initiativkreis „Hilfe für Kinder von Tschernobyl“, Walter Reuschling von der Gesellschaft für Strahlenmessung im Unterland und der Arzt Franz Wagner vom Aktionsbündnis Energiewende Heilbronn als Zeitzeugen eingeladen.

Regina Stenger berichtete, wie regelmäßige Ferienaufenthalte für Kinder aus Weißrussland im Unterland ermöglicht wurden, die dabei ein Stück Normalität erleben konnten und sich in dem Umfeld ohne Strahlenbelastung sichtlich erholen konnten. Sie berichtete auch, mit welchen bürokratischen Schwierigkeiten sie mit weißrussischen Behörden zu kämpfen hatten – vor allem bei den Konvois mit Hilfsgütern, die sie während vieler Jahre organisiert hatten.

„Von der Regierung bekamen wir überhaupt keine Informationen über die Strahlenbelastung von Lebensmitteln. Darum begannen wir, selbst zu messen“, berichtete Walter Reuschling über die Anfänge der Gesellschaft für Strahlenmessung im Unterland (GfSU). Das teure Messgerät, das der Verein anschaffte, stand wochenweise in Privathaushalten und war rund um die Uhr im Einsatz. Die Ergebnisse wurden den Einreichern von Proben zur Verfügung gestellt und im GfSU-Rundbrief veröffentlicht. Das Gerät ist noch vorhanden und könnte bei Bedarf überholt und wieder in Betrieb genommen werden.

Franz Wagner betonte „Atomkraft tötet täglich“. Vom Uranabbau über die Brennelementherstellung und den Betrieb der Kraftwerke bis zur „Wiederaufbereitung“ gibt es Emissionen von radioaktiven Stoffen, die in den menschlichen Körper aufgenommen werden können und dort ihre verheerende Wirkung entfalten. Obwohl vieles getan wird, um diese Wirkungen in der Statistik verschwinden zu lassen, ist durch umfangreiche Studien mit mehr als 95%iger Wahrscheinlichkeit nachgewiesen, dass Kinder in der Umgebung von Kernkraftwerken häufiger Krebs und Leukämie bekommen. Auf Fragen ging Wagner auf die Wirkung von Jod-Tabletten ein, die im Fall einer Katastrophe das Risiko verringern können, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken. „Jod-Tabletten sind aber kein Strahlenschutzmittel und keine wirksame Vorbeugung gegen andere Strahlenschäden. Die einzig wirksame Vorbeugung ist: Alle Atomanlagen sofort abschalten!“





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