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Bund für
Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND)
Regionalverband Mittlerer Oberrhein
| Durch Tschernobyl
mehr Totgeburten auch in Deutschland
Von Hildegard Zunterer, Süddeutsche Zeitung, 1999/2000 München - Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vom April 1986 hat Spuren hinterlassen - in ganz Deutschland, aber vor allem in Bayern. Wissenschaftler vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Oberschleißheim bei München haben jetzt alarmierende Ergebnisse veröffentlicht. Sie weisen darauf hin, dass die Zahl der Totgeburten im Jahr nach dem Atomunfall in einigen Regionen Bayerns signifikant zugenommen hat. Wissenschaftler behaupten schon seit geraumer Zeit, dass die perinatale Mortalität in Deutschland 1987 - im Jahr nach Tschernobyl - um rund fünf Prozent höher lag als sonst. Unter diesem Begriff werden die Totgeburten und die Todesfälle in den ersten sieben Lebenstagen zusammengefasst. Im Fachjournal Environmental Health Perspectives schreiben die GSF-Forscher nun, dass 1987 gerade in Bayern wesentlich mehr Totgeburten registriert wurden, als dies dem Trend nach zu erwarten gewesen wäre. Dieser Trend zeigt, dass in ganz Deutschland die Zahl der Totgeburten dank besserer Vorsorge seit 1980 kontinuierlich zurückging. So kamen etwa noch 1980 knapp 5000 Babys in Deutschland tot zur Welt, während es 1993 nur noch etwa halb so viele waren. Einzige Ausnahme: das Jahr 1987, in dem vor allem in den Regionen mit der stärksten radioaktiven Bodenbelastung die Kurve nach oben geht. Zu diesen Gebieten gehört neben Ostdeutschland und West-Berlin auch Bayern. Dort war 1987 die Säuglingssterblichkeit um 8,5 Prozent höher, als den Statistiken zufolge wahrscheinlich gewesen wäre. Im Vergleich: Für ganz Deutschland lag dieser Wert bei durchschnittlich 4,8 Prozent. Ein Vergleich der Messwerte für die radioaktive Substanz Cäsium, die nach der Reaktorkatastrophe erhoben wurden, zeigt: Während der Durchschnittswert deutschlandweit bei 4,7 Kilobecquerel pro Quadratmeter lag, betrug dieser Wert für Bayern 14,9. Im Freistaat waren nach Angaben der Wissenschaftler zehn Landkreise besonders betroffen. Hier überstieg die Zahl der Totgeburten im Jahr 1987 den erwarteten Wert um 45 Prozent. Das bedeutet konkret: Statt 39 Totgeburten, die laut Trend in diesen zehn Kreisen zu erwarten gewesen wären, wurden im Jahr nach Tschernobyl 57 Fälle registriert. Eine besonders hohe Zahl von Totgeburten gab es in der Stadt Augsburg sowie in den Landkreisen Berchtesgaden und Garmisch-Partenkirchen. Sie lag dort 1987 mehr als doppelt so hoch wie erwartet. In diesen drei Gebieten wurden im Jahr 1987 insgesamt 32 Babys tot geboren. Laut Statistik, das heißt unter Berücksichtigung des an sich positiven Abwärtstrends bei den Totgeburts-Raten, hätten es nur 15 sein dürfen. Dies hängt laut Untersuchung mit den hohen Cäsium-Durchschnittswerten zusammen, die in diesen drei Regionen nach der Atomkatastrophe gemessen wurden. In Augsburg etwa waren es 53,7 Kilobecquerel pro Quadratmeter, im Kreis Berchtesgaden 50,3 und in Garmisch-Partenkirchen 40,5. Doch das bayerische Umweltministerium ist skeptisch. "Solche epidemiologischen Untersuchungen haben deutliche Schwächen", sagt Pressesprecher Peter Frei. Die Zweifel der offiziellen Stellen überraschen Hagen Scherb von der Forschergruppe nicht. Er räumt ein, dass in der Studie verschiedene Faktoren nicht berücksichtigt werden konnten. So könnten Kritiker die höhere Zahl der Totgeburten etwa auch damit begründen, dass die werdenden Mütter im betreffenden Jahr mehr geraucht oder schädliche Medikamente eingenommen haben. Entsprechende Daten lägen aber nicht vor. Trotzdem sind die Ergebnisse für den Wissenschaftler ein deutliches Indiz für die schädliche Wirkung radioaktiver Niedrigstrahlung. Das AKW Philippsburg verstrahlt schon im Normalbetrieb seine Umgebung |