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BUND protestiert gegen Zerschneidung der Landschaften Westmecklenburgs

Vattenfall plant Hochspannungsleitung Hamburg (Krümmel) – Schwerin (Görries) gegen Bürgerwillen

Der schwedische Megakonzern Vattenfall (Jahresgewinn 2005: 1,9 Milliarden Euro) – zu 100 Prozent im Besitz des schwedischen Staates und dem dortigen Parlament rechenschaftspflichtig – plant die Errichtung einer 380.000-Volt-Energiefreileitung vom jüngst in die Schlagzeilen geratenen Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg nach Schwerin (Görries). Das Raumordnungsverfahren für die Trasse ist seit Ende 2005 abgeschlossen. Derzeit läuft das so genannte Planfeststellungsverfahren, das eigentliche Genehmigungsverfahren für die Leitung. Bis Ende Juli haben betroffene Bürgerinnen und Bürger sowie Gemeinden oder die Umweltverbände Zeit zum Projekt Stellung zu nehmen und ihre Einwände zu formulieren. Der BUND hat mit einem 13-seitigen Dokument zu den Fragen des Natur- und Umweltschutzes insbesondere der gesundheitlichen Beeinträchtigung der Menschen an der Trasse Stellung genommen.

Gewaltige Masten und Blutkrebs für Kinder

Die Trasse, die 48 Kilometer Westmecklenburg queren soll, umfasst 119 bis zu 70 Meter hohe Stahlmasten. An vielen Stellen rückt die Leitung 150 Meter an bebaute Gebiete heran. Damit werden zahlreiche internationale Studien über die Wirkungen von elektromagnetischen Feldern auf die Gesundheit der Anwohner insbesondere der Kinder missachtet. Mehrfach wurde von Medizinern ein erhöhtes Risiko für Kinder, in der Nähe von Hochspannungsleitungen an Blutkrebs zu erkranken, festgestellt. Die Abstandsregeln vieler europäischer Länder sind deshalb bereits drastisch verschärft worden. Experten halten einen Abstand von mindestens 600 Metern zu ständig bewohnten Gebäuden für dringend geboten. Schon im Raumordnungsverfahren spielten gesundheitliche Überlegungen durch die Behörden kaum eine Rolle. Die Beamten berufen sich auf die bereits 1996 erlassene Bundesimmissionschutzverordnung, die schon lange nicht den neuesten medizinischen Erkenntnissen entspricht.

Kein Nachweis für Notwendigkeit der Leitung

Der Ausbau der erneuerbaren Energien gehört zweifelsohne zu den vorrangigen energiepolitischen Aufgaben Deutschlands. Als eines der „energiehungrigsten“ Länder der Welt haben wir die Pflicht, den Anteil jener Energieerzeugung zu senken, die mit gewaltigen Ausstoß an Kohlendioxid einen wesentlichen Anteil an der weltweiten Klimaveränderung trägt. Noch immer verbrauchen Europa und Nordamerika zusammen mehr Energie als der Rest der Welt. Mecklenburg-Vorpommern gehört zu jenen Bundesländern, in denen der Anteil erneuerbarer Energien bereits einen beträchtlichen Anteil einnimmt. Ein Viertel des Energiebedarfs wird derzeit durch Windparks mit bis zu 35 Megawatt Stromleistung abgedeckt. Der Ausbau dieser Form von Energieerzeugung sollte eigentlich zu weniger herkömmlicher Infrastruktur in Form von großen Freileitungen führen, die derzeit noch den Strom aus großen Kraftwerken in die Fläche leiten. Ausgerechnet die Windkraft gilt nun als Begründung für den Bau einer neuen 380 Kilovolt (kV)-Hochspannungsleitung, die von Hamburg nach Schwerin gebaut werden soll. Eine der wichtigsten energiepolitischen Studien der jüngsten Vergangenheit, die DENA-Studie, führt die Notwendigkeit einer Trasse Krümmel-Schwerin (Görries) nicht auf. Studien der Deutschen Netzagentur (DENA) über die Entwicklung der Windkraft in Deutschland haben ergeben, dass es vorrangig Nord-Süd-Trassen sind, die den Windstrom des Nordens in die Regionen des erhöhten Verbrauchs führen und deshalb den größeren Stromlasten angepasst werden müssen. Ein Bedarf für eine Ost-West-Verbindung, wie sie die Trasse Hamburg-Schwerin darstellt, wird nicht gesehen. Auch mit den vorliegenden Planungsunterlagen und eigenen Gutachten, bleibt die Vattenfall Europe Transmission GmbH den nachvollziehbaren Nachweis für die Notwendigkeit der Leitung schuldig. Es gibt nach Erkenntnissen des BUND Möglichkeiten, das bestehende Leitungsnetz für die Übertragung der Windenergie zu optimieren und damit einen Neubau mit zahlreichen negativen Wirkungen für Mensch und Natur unnötig zu machen.

Zahlreiche Bürgerinitiativen wehren sich

Das Großprojekt des Vattenfall-Konzerns ruft massive Kritik bei Bürgerinitiativen von betroffenen Gemeinden hervor. So befürchten die Menschen der Gemeinden Kölzin und Klein Rogahn Beeinträchtigungen von Gesundheit und Landschaftsbild. Die 380 kV-Leitung soll hier nur wenige Meter an den Häusern entlang laufen. Zahlreiche Studien von Umweltmedizinern weisen seit Jahren auf die gesundheitlichen Risiken von Hochspannungsleitungen hin. Blutkrebs, Herz-Kreislauferkrankungen, Lungenkrebs, Alzheimer, Depressionen sind nur einige der Folgen, die durch elektromagnetische Felder im Verbund mit elektrostatisch geladenem Feinstaub nachgewiesen wurden. Freileitungen entwerten wertvolle Landschaften als Siedlungsraum für die Menschen und deren Grund und Boden, sie entwerten zudem Landschaften als Lebensraum geschützter Tierarten. So streift die geplante Leitung das Biosphärenreservat Schaalsee und gefährdet somit bedeutende Vogelzugtrassen.

Erdkabeltechnik muss endlich angewendet werden

Viele betroffene Menschen Westmecklenburgs und der BUND fordern die Anwendung der Erdkabeltechnik. Mit dieser Technik lassen sich große Teile von Energieleitungen schonend für das Landschaftsbild und die Gesundheit der Anwohner in den Boden verlegen. Die derzeit noch 3-4 mal höheren Kosten für Erdkabeltrassen amortisieren sich nach wenigen Jahren durch die höhere Effizienz der Leitungen. Solange die Stromkonzerne Stromverluste jedoch an die Verbraucher weiter geben können, sind sie nicht an einer Anwendung neuer Technologien interessiert. Selbst für einen nur zwei Kilometer kurzen Abschnitt im Bereich der Gemeinde Klein Rogahn bei Schwerin, die bereits von zahlreichen Energieleitungen beeinträchtigt wird, will der milliardenschwere Vattenfall-Konzern nicht mit sich über die Verlegung eines Erdkabels verhandeln lassen. Der Bundesverband Windenergie (BWE) kritisiert seit Jahren die Mauerpolitik der Stromkonzerne gegen den Ausbau von Erdkabeltrassen. Deren Genehmigung dauert inzwischen wegen der deutlich höheren Akzeptanz nur zwei Jahre, während sich der Bau von Freileitungen im Genehmigungsprozess bis zu acht Jahre hinziehen kann. Damit wird ein rascher Ausbau der Stromnetze im Interesse der Windenergieproduktion stark verzögert. Die resultierenden Netzausfälle der bestehenden Leitungen führen zu Millionenverlusten in der Windenergiebranche. Für das Gesundheits- und Tourismusland Mecklenburg-Vorpommern, das sich zudem als Vorreiter in der Anwendung erneuerbarer Energien profilieren will, bedeuten derart mächtige Energiefreileitungen eine Katastrophe.

Landesregierung unterstützt Vattenfall und missachtet Bürgerwillen

Die Bürgerinitiativen und Gemeinden fühlen sich von der Landesregierung im Stich gelassen. Ihre Forderung nach der Anwendung der Erdkabeltechnik, ihre Sorge um die gesundheitliche Gefährdung ihrer Kinder fand in zahlreichen auf Bürgerinitiative und Initiative des BUND stattfindenden Diskussionen mit von den Bürgern und dem BUND aufgebotenen Experten keine Unterstützung durch das Wirtschaftsministerium, das das Genehmigungsverfahren leitet. Durch Einzelgespräche versucht man dort derzeit einzelne Gemeinden „auf Linie“ zu bringen und die breite Front der Ablehnung aufzubrechen. Der nächste Schritt im Genehmigungsverfahren wird ein umfassender Erörterungstermin sein. Dort müssen die zahlreichen Einwände durch den Vorhabensträger beantwortet werden. Juristische Fragen spielen dabei bereits eine wichtige Rolle. Die Gegner der Leitung sind fest entschlossen, das Projekt zu verhindern. Schon lange sind Sie der Illusion beraubt, dass ihre Sorgen bei den Politikerinnen und Politikern und den Behörden ernst genommen werden – ein weiterer großer Schaden für die Demokratie in unserem Land.

Arndt Müller
Naturschutzreferent des BUND Mecklenburg-Vorpommern 23.07.2007

Links:
http://www.vorsicht-hochspannung.com/
Bürgerinitiative in Niedersachsen mit hervorragendem Informationsangebot um das Thema „Freileitungen“

http://www.zweifelsfreier-abstand.de/
Bürgerinitiative in Waschow/ LK Ludwigslust



 


Autor dieser Seiten: BUND Mecklenburg-Vorpommern e.V.