BUND Rostock



Wildwachsende Pflanzen in der Rostocker Innenstadt

Denkt man an Pflanzen in Innenstädten, so stehen vor allem vom Menschen bewusst gepflanzte Arten in Gärten und an Straßenrändern im Vordergrund. Daneben bieten Innenstädte aber auch für eine ganze Reihe von wildwachsenden Pflanzen einen Lebensraum. Diese können sich meist selbstständig im innerstädtischen Raum ausbreiten und vermehren. Manchmal finden sich dort sogar Arten, die in der übrigen Kulturlandschaft selten geworden sind. Dadurch wird die Bedeutung der Innenstädte für Natur- und Artenschutz deutlich.

Besonderheiten der Innenstädte :
Die Lebensbedingungen für Pflanzen sind hier anders als im ländlichen Raum und unterscheiden sich auch von denen der lockerer bebauten Vorstädte. Durch die dichte Besiedlung kommt es zu einem hohen Energieverbrauch durch die Menschen, insbesondere im Winter. Künstliche Oberflächen aus Beton und Asphalt tragen zusätzlich zur Wärmespeicherung dabei. Dadurch kommt es allgemein zu einer Erwärmung im Vergleich zu ländlichen Gebieten, die im Durchschnitt durchaus 2-3 Grad betragen kann. Dies kommt südländischen Pflanzenarten zugute, die bei uns andernorts an strengen Wintern scheitern. Viele Standorte in Städten sind zudem durch Trockenheit im Boden gekennzeichnet. Menschliche Bautätigkeit verändert die Oberfläche oft in kurzen Abständen. Ruderale Pflanzenarten finden sich an, die offene Böden sehr schnell besiedeln können.

Vorrang für Wildnis :
Oft ist es nicht leicht, bei einem konkreten Bestand einer Pflanzenart in Parks und an ähnlichen Standorten zu entscheiden, ob sie ursprünglich angepflanzt wurden oder sich von selbst angesiedelt haben. Wir beschäftigen uns daher hier mit allen Arten in der Innenstadt, die bei uns im Prinzip wildwachsend vorkommen können.

Kräuter und Gehölze :
Die Gehölze der Stadt sind zumeist angepflanzt. Im Vordergrund stehen daher für uns die krautigen Pflanzenarten.

Rostock und die Rostocker Innenstadt :
Das administrative Stadtgebiet von Rostock ist seit langem recht groß und umfasst auch große, unbebaute Gebiete, die in botanischer Hinsicht keineswegs typisch für Großstädte sind. Durch Verkehrsanbindungen, vor allem über den Übersehhafen kommen zahlreiche fremdländische Arten zu uns, die teilweise nur für ein paar Jahre wildwachsend überdauern können. Das gesamte Stadtgebiet ist durch daher durch eine große Anzahl von wildwachsenden Pflanzenarten gekennzeichnet, vermutlich mehr als in jeder anderen Gemeinde in MV. Außerdem ist Rostock durch die Wissenschaftler der Universität und viele weitere Interessierte botanisch sehr gut erforscht. Aber nur ein kleiner Teil dieser Arten findet einen Lebensraum in der dicht bebauten Innenstadt.

Abgrenzung der Rostocker Innenstadt :
Für unsere Zwecke soll die Rostocker Innenstadt grob umgrenzt werden, wobei vor allem die dicht und seit langem bebauten Bereiche einbezogen werden. Im Norden stellt die Unterwarnow eine natürliche Grenze dar. Im Osten ist es der Fluss der Warnow, im Süden und Südwesten die Eisenbahnlinie.

Lebensräume für wildwachsende Pflanzen in unserer Innenstadt :
Es lassen sich eine Reihe innenstadttypische Standorte beschreiben, die eine besondere Bedeutung haben :

Parks:
Da sind zunächst und am auffälligsten die städtischen Parkanlagen, deren erklärter Sinn ja darin besteht, dem "Grün" in der Stadt ein dauerhaftes Refugium zu geben. Ebenso dauerhaft und regelmäßig ist gerade hier auch die Pflege dieses Grüns. Regelmäßig gemähte Rasenflächen bieten nur wenigen Wildkräutern Lebensraum. Mehr finden sich ein, wenn Wiesen emporwachsen oder gar zeitweise verbuschen dürfen. Bäume und Sträucher in Parks sind meist angepflanzt, aber auch hier werden immer häufiger einheimische Arten bevorzugt.

Friedhöfe:
Diese verbinden oft Elemente von Parks und Gärten und beherbergen zahlreiche Wildkräuter.

Gärten:
Nur wenige innerstädtische Grundstücke weisen Gärten auf. Wenn doch, sind diese aber häufig wertvoller Lebensraum für wildwachsende Kräuter, sofern die Pflege nicht bis in jeden Winkel reicht. Oft sind diese Gärten nicht allgemein zugänglich und ihr Arteninventar deshalb verborgen. Ausnahmen gibt es z.B. in Vorgärten.

Straßenfugen und Mauerritzen :
Wenige Pflanzen sind in der Lage, diese durch Humusarmut und Trockenheit gekennzeichneten Plätze zu besiedeln. Und wie sollen sie dort erstmal hinkommen? Rostock weist etliche Kilometer historischer Stadtmauer auf. Dort findet sich allerdings kaum ein Kraut, vermutlich weil verwitternde Fugen wieder verfüllt werden, bevor sich erste Lücken und Humus bilden können. Zwischen Pflastersteinen finden sich dagegen oft erste pflanzliche Pioniere.

Brachflächen :
In landwirtschaftlichen Gegenden sind Brachflächen zumeist Gebiete die zeitweise oder längerfristig aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen wurden. In der Stadt liegen Flächen brach, wenn nach einer nicht mehr betriebenen menschlichen Nutzung noch nicht mit den Arbeiten für die nächste Nutzung begonnen wurde. Also z.B. nach dem Abriss oder Verfall eines Gebäudes bis zum Baubeginn für ein neues Gebäude. Dabei können Brachen oft jahrzehntelang existieren und sich von selbst begrünen, bis menschliche Aktivität der Pflanzenwelt dort ein Ende bereitet. Gerade diese Brachflächen sind oft die artenreichsten Stellen der Stadt. Zuweilen sind sie durch Zäune abgegrenzt, aber auch dann kann der kundige Blick die ein oder andere Kostbarkeit wachsen und blühen sehen.

Parkplätze:
Gerade Brachflächen werden oft übergangsweise als Parkplätze genutzt. Im Gegensatz zu explizit angelegten Parkflächen, die meist komplett durch Asphalt und Beton versiegelt werden, weisen diese temporären Parkplätze oft Bereiche mit offenem Boden auf. Sofern diese nicht direkt auf den Autostellflächen liegen, sondern z.B. etwas daneben, finden sich hier ruderale Arten.

Straßenränder:
Einen Übergang zwischen Parks und Pflasterritzen stellen kleine, offene Stellen dar, die sich meist am Rande von Straßen befinden. Manche werden gepflegt, gemäht, an anderen Orten kann sich ein Gebüsch bilden.

Ruinen:
Wenn Gebäude oder bauliche Anlagen lange Zeit verfallen, können Pflanzen in diese Flächen eindringen und sie besiedeln. Oft gibt es auf solchen Grundstücken humusreiche Bereiche in ehemaligen Gärten ebenso wie trockene Ritzen in Mauerwerk und Fußboden.

Baumscheiben:
Auch die kleinen Flächen am Fuße unserer Stadtbäume sind oft Oasen für Kräuter, die sich dort ansiedeln.

Ufer :
Rostocks Innenstadt liegt direkt an mehreren großen Gewässern. Da ist einmal die Unterwarnow mir salzwasser-beeinflussten Zonen und zum anderen der unterste Abschnitt der fließenden Warnow. An den Ufern finden sich feuchtigkeitsliebende Arten, die sonst in Innenstädten kaum anzutreffen wären. Und auch im und unter Wasser ist pflanzliches Leben anzutreffen.

Tümpel und Gräben :
Im Innenstadtbereich gibt es eine Anzahl von stehenden Gewässern, besonders in den Wallanlagen.

Schutz und Bedrohung unserer Wildkräuter, der Turnover der Kräuter :
Die wertvollsten Standorte für die Wildkräuter unserer Innenstadt stehen diesen durch menschliche Intervention nicht dauerhaft zur Verfügung, die Pflanzen erhalten sie quasi nur leihweise. Wird aber hier eine Baulücke mit zuvor grüner Brache durch Neubauten geschlossen, so entsteht in der Nachbarschaft vielleicht durch Aufgabe der Nutzung eines Gewerbegebietes gerade eine neue Brachfläche. Unsere städtischen Wildkräuter sind zumeist an dieses "Umziehen" angepasst. Sie können sich schnell an neuen Orten aussamen und ansiedeln, um nach einigen Jahren von dort eine neue Population an wieder neu entstandenen Orten zu gründen. Voraussetzung hierfür ist natürlich, dass es immer einige geeignete Plätzchen gibt, auch wenn es nicht dauerhaft dieselben sein müssen. Tendenziell nimmt aber das Ausmaß der Bebauung unserer Städte zu. Es scheint absehbar, dass bald alle Restflächen aus dem Zweiten Weltkrieg oder der DDR-Zeit einer dauerhaften Nutzung zugeführt sein werden. Haben wir irgendwann nur noch sterile Flächen einerseits und intensiv gepflegte Parks andererseits? Um die Wildkräuter auch dann noch zu erhalten, müssen ständig brach liegende Flächen existieren. Wenn wir unsere Erholung nicht nur in Parks mit englischen Rasen suchen, sondern auch eine "wilde Ecke" mit zahlreichen Kräutern genießen lernen, sollte dies auch weiterhin möglich sein. Für die Mauer- und Pflasterritzenvegetation ist es wichtig, dass bröselnder Putz nicht sofort durch neuen ersetzt wird, sondern dass in diesen versteckten Löchern Pflanzen wachsen und sich Humus ansammeln kann. Auch sollte den Pflanzen natürlich nicht mit Kratzer oder Giftspritze zu Leibe gerückt werden, wie es vielerorts immer noch geschieht.






Dieses Projekt wurde gefördert durch die Norddeutsche Stiftung für Umwelt und Entwicklung aus Erträgen der Lotterie BINGO! Die Umweltlotterie




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