BUND Regionalverband Stuttgart

Kritische Masse 12/07
Interview mit Gerhard Pfeifer über Stuttgart 21



„Wer die Hintergründe kennt, bemerkt, dass es nur noch um Prestige geht.“


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Auszug:

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Was ist der aktuelle Stand beim Protest gegen Stuttgart21?

Obwohl wir 67 000 Unterschriften haben, setzt die Stadt Stuttgart alles daran, den Bürgerentscheid zu verhindern. weshalb wir wohl vor Gericht ziehen müssen – worauf ich eigentlich nicht schon wieder Lust habe (seufzt).
Dass sie jetzt aus allen Rohren schießen, gründet in der berechtigten Angst, dass das ganze Großprojekt jetzt tatsächlich am Widerstand der BürgerInnen scheitern könnte. Von 67 000 zu 100 000 ist es nicht mehr so weit.

[...]

Wie schätzt du als „alter Hase“ der ökologischen Bewegungen das Potential und die Bedeutung des gegenwärtigen Protestes gegen S21 ein?

Die politische Debatte um S 21 wurde bis vor wenigen Monaten fast nur von Spezialisten geführt, daher war ich auch selber überwältigt von der großen Anzahl von 67 000 Unterschriften, von denen ich nach unzähligen persönlichen Gesprächen und Erlebnissen auch noch glaube, dass sie zu 80 % von CDU- und SPD-Wählern kommen. Viele Leute, mit denen ich im Zuge der Protestbewegung gesprochen habe, haben sich in ihrem Leben bislang noch nie an einer Demo beteiligt oder ihre Unterschrift für eine Bürgerinitiative hergegeben oder erst recht nie grün oder links gewählt – doch selbst „Spießbürgern“ geht bei diesem Großprojekt die Hutschnur auf.
Ich habe den Eindruck, die Leute haben Großprojekte satt.
So sammeln derzeit in Biberach die BürgerInnen Unterschriften gegen ein ökologisch widersinniges Großsägewerk. Dabei ist der Bürgerprotest in Stuttgart auf jeden Fall ein Vorbild, denn in einer derart großen Stadt ist das sehr schwierig und sehr außergewöhnlich und schon ein Zeichen eines sich verändernden politischen Klimas.

Die Machtklüngel folgen der Auffassung, dass nur mit mehr Infrastruktur Wachstum, Aufschwung und Zukunft möglich sind. Allerdings hat Baden-Württemberg im Vergleich zu anderen Bundesländern eine sehr weitmaschige Infrastruktur und trotzdem ist Stuttgart eine der reichsten Städte Deutschlands, das Land hat am wenigsten Schulden und ist bei Bildung, Patentanmeldung, Lebensqualität auf den vorderen Plätzen – trotz Kopfbahnhof. Es wird uns eingeredet, Kopfbahnhöfe seien nostalgisch, aber in Wirklichkeit haben sie viele Vorteile, weswegen auch Paris, London und Mailand über Kopfbahnhöfe verfügen.
Ich habe den Eindruck, die Infrastruktur in Stuttgart wird von bestimmten elitären Kreisen schlecht geredet, um ihr politisches Programm besser begründen zu können.
Für den Wohlstand einer Region sind vielen Studien zufolge ohnehin weiche Faktoren von wachsender Bedeutung: Wenn die Leute sich wohlfühlen, die Lebensqualität stimmt, werden sie sich eher mit Hirn-Aufgaben beschäftigen und Patente anmelden. Solches Wohlgefühl entsteht auch durch Wälder und Parks, durch Natur in der Stadt - andersrum wird also ein Schuh draus.

[...]





Was würde deiner Meinung nach politisch passieren, wenn Stuttgart 21 gestoppt würde?

Bei den einen gäbe es einen Aufschrei – „Baden-Württemberg geht unter!“
Bei den anderen gebe es ein Aufatmen – und ein großes Feiern auf den Straßen!
Dass Oettinger zurücktreten würde, halte ich für eher unwahrscheinlich, allerdings könnte ich mir vorstellen, dass als Bauernopfer ein paar aus der „zweiten Liga“ ihren Hut nehmen müssen.
Eine Wende könnte unter Umständen ein Wechsel des Bahnchefs bedeuten, da nicht alle dort so wie Mehdorn vehemente Unterstützer von S 21 sind. Regelgemäß würde dieser zwar noch eine Weile im Amt bleiben, aber durch den GDL-Streik gerät er mehr und mehr unter Druck und in den Medien waren schon Gerüchte zu lesen, der DB-Aufsichtsrat hätte einen Gegenkandidaten gewählt.
Als die geistigen Väter von Stuttgart 21 könnte die „Spätzles-Connection“ aus dem früheren Deutsche Bahn-Chefs Heinz Dürr, einem Stuttgarter Lackfabrikant, und dem früheren Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann aus Ludwigsburg genannt werden. Da 1994 die Bahn vom staatlichen Betrieb mit Beamten zu einem gewinnwirtschaftlichen Unternehmen umgebaut wurde, also die erste Stufe der heute so umstrittenen Bahnprivatierung gegangen wurde, sahen hochrangige Funktionäre der Bahn eine Chance, die zahlreichen und großen Grundstücke der Bahn zu Geld zu machen und in Stuttgart sind es 100 Hektar in bester City-Lage.
Die Wandlung der Bahn vom Beförderungsunternehmen zum Immobilienhai war auf jeden Fall ein entscheidender Auslöser für Stuttgart21. Bahnbetriebliche Nachteile wurden dabei ignoriert.



Weitere Informationen zur "Kritischen Masse - Zeitschrift für Umwelt und Politik der BUNDjugend" finden Sie unter:


www.kritische-masse.org.


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