BUND Regionalverband Stuttgart




Diätplan für den Flächenverbrauch in der Region Stuttgart

Der Zahn der Bagger frisst sich unaufhörlich in die Landschaft. Tag für Tag sind es in Baden-Württemberg elf Hektar Land, dies entspricht etwa 20 Fußballfelder, für neue Siedlungen und Verkehrswege. In der Region Stuttgart sind die Zahlen noch erschreckender: 1,4 Hektar fallen hier täglich dem Baggerzahn zum Opfer, eine Fläche doppelt so groß wie der Stuttgarter Marktplatz. Das sind 13 Prozent vom Landesdurchschnitt. Dabei macht die Fläche der Region gerade einmal zehn Prozent der gesamten Landesfläche aus, bei insgesamt höherem Besiedelungsgrad und größerer Dichte der Bebauung. Zwar ist der Flächenverbrauchzuwachs in der Region zwischen 1981 und 1993 etwas zurückgegangen, doch seither zieht er wieder kräftig an.

Um die Ausmaße des wahren Flächenverbrauchs darzustellen und zu bilanzieren, bedient man sich einer neuen Maßeinheit - dem ökologische Fußabdruck. Die Energie und Materialflüsse in einer Wirtschaftseinheit werden geschätzt und in Land- und Wasserflächen umgerechnet, um diese Flüsse aufrechtzuerhalten. Die biologisch produktive Fläche, die z.B. eine Stadt zu ihrer Versorgung braucht, entspricht ihrem ökologischen Fußabdruck auf der Erde.
Zum Beispiel auf den Verkehrssektor der Stadt Stuttgart umgerechnet, bedeuten dann die gut 20 Millionen Personenkilometer, die im Stadtgebiet täglich gefahren werden, folgenden Mobilitäts-Fußabdruck von öffentlichem- (ÖV), motorisiertem Individual- (MIV) und Fahrradverkehr: der Ökologische Fußabdruck des ÖV beträgt ca. 145 km², für den MIV fallen 840 km² an und für das Fahrrad 15 km². Die Zahlen sind lediglich als richtungssicher und nicht als absolut zu sehen.

Legt man nun die Gesamtfläche von 207 km² der Gemarkung Stuttgarts zu Grunde, übertrifft der Ökologische Fußabdruck des MIV die Stadtgrenze um das vierfache. Auch der ÖV nimmt noch 70 % der Stadtfläche in Beschlag. Bescheiden fallen dagegen die 7 % der täglichen Fahrradbenutzung aus. Es bleibt festzuhalten, dass das Maß unserer täglichen Ortsveränderung Flächen in Anspruch nimmt, die nur durch freiwilligen oder erzwungenen Verzicht anderer Menschen und Kulturen aufrechtzuerhalten sind.

Auf Rang 1 der Hauptursachen für den Flächenverbrauch rangiert der wachsende Wohlstand, gekoppelt an den technischen Fortschritt, gefolgt von der individuellen Massenmotorisierung mit all seinen Folgeerscheinungen wie z.B. Straßenaus- und neubau mit zunehmenden Pendelströmen. Es ist Zeit für ein Umdenken in der Stadt- und Verkehrsplanung. Wir brauchen dringend einen Diätplan für den Flächenverbrauch in der Region Stuttgart. Ähnlich wie im Energiebereich muß eine Entkoppelung des Wohlstands vom Flächenverbrauch stattfinden. Freistehende Einfamilienhäuser auf der grünen Wiese mit geringer Dichte und bis zu 60 % Verkehrsflächenanteil sollten in der Region die Ausnahme sein. Ebenso Gewerbegebiete mit nur einer Geschossfläche. Absolute Priorität sollte die Entwicklung im Siedlungs-bestand haben, wobei die Altbausanierung eine zentrale Rolle einnehmen sollte.

Der Rückbau von Straßen, Parkplätzen, etc. muss stärker als Ausgleich für Eingriffe durch flächenverbrauchende Baumaßnahmen umgesetzt werden. Generell ist eine umfangreiche Entsiegelungsoffensive gefordert. Zum Beispiel wurde vom Stadtplanungsamt Stuttgart das Entsiegelungspotential für innerstädtische Wohngebiete auf 10-30 %, in Gewerbegebieten auf 15-40 % und für Verkehrsflächen auf 10-20 % ermittelt.

Verschiedene geplante Großprojekte in der Region erweisen sich als besonders große Flächenfresser. Die neue geplante Landesmesse auf den Fildern versiegelt große Flächen wertvollster Ackerböden (Näheres hierzu siehe S. 4). Der insbes. von der CDU vehement geforderte sog. "Nordostring"zerstört die fruchtbaren Lößböden auf dem Schmidener Feld und südlich von Kornwestheim. Flächenschutz ist primär Bodenschutz. Im hochbelasteten Großraum Stuttgart besitzen die fruchtbaren Ackerböden eine besondere Funktion. Neben der Produktionsfläche für eine stadtnahe Lebensmittelerzeugung der kurzen Wege, filtern und reinigen diese Böden Emissionen aus Straßenverkehr, Hausbrand und Industrie. Diese Böden sind quasi die "Nieren der Region". Auch für die Grundwasser-neubildung sind unversiegelte Flächen unersetzlich. Bedenklich hierbei ist, dass die Region Stuttgart nur noch ein Zehntel seines Trinkwasserbedarfes aus örtlichen Brunnen deckt. Doch gerade landwirtschaftliche Nutzflächen als Grundwasserneubildungs- bzw. als filternde Versickerungsfläche entrichten mit inzwischen 80 % den größten Obulus am regionalen Flächenfraß.

Der BUND Regionalverband möchte das Thema Flächenschutz in den nächsten Jahren zu einem Schwerpunktthema seiner Arbeit machen. Es gibt auch schon eine Menge Ideen wie wir das Thema in unserem Sinne voranbringen können. Geplant ist z.B. eine Informationsbroschüre speziell für die Gemeinderäte in der Region mit Tipps wie sie mit ihrer sog. kommunalen Planungshoheit verantwortungsbewußter hinsichtlich Flächenschutz umgehen sollten.


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