25.03.2012

Benzinpreis, Ölpreis, Uran und Energiekrise
Aktueller Einschub
Am 29. April 2011 lag der Benzinpreis in den Tankstellennetzen von Shell und Aral im bundesweiten Tagesdurchschnitt bei rund 1,62 Euro je Liter. Das war der höchste Benzinpreis aller Zeiten. Diesel kostete je Liter knapp 1,47 Euro; das liegt noch acht Cent unter dem Höchstpreis vom Sommer 2008.
Der Israel-Iran-USA Konflikt spitzt sich zu. Ein Öllieferstopp des Landes würde den Preis des Rohstoffs auf bis zu 150 Dollar pro Barrel treiben. Das wäre ein Anstieg von 50 Prozent. Ein Krieg und Angriff auf iranische Atomanlagen hätte (nicht nur) verheerende radiologische Auswirkungen. Die Folgen für die Menschen wären unabsehbar und die Ölpreise würden weltweit explodieren.
Roland Berger-Analyse: Ölpreis könnte 2012 um 15% steigen (Prognose ohne Einbeziehung der Folgen eine Iran-Krieges)
Prognosen von Saudi Arabien, Russland und Mexiko gehen davon aus, dass der Rohölpreis 2012 durchschnittlich rund 111 Dollar pro Barrel betragen wird. Gegenüber 2011 entspricht dieser Wert einer Preissteigerung von rund 15 Prozent. 2011 lag die Ölpreissteigerung bei 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Schätzungen von Mexiko, Saudi-Arabien und Russland sind seit 1999 die zuverlässigsten Prognosen für die Ölpreisentwicklung
Seit dem Tiefststand von 34 Dollar pro Barrel im ersten Quartal 2009 ist der Ölpreis immer weiter gestiegen. Laut Prognosen der drei Ölexporteure Saudi-Arabien, Russland und Mexiko - deren Vorhersagen in der Vergangenheit sehr treffsicher waren - wird dieser Trend auch 2012 anhalten. Sie gehen für dieses Jahr von einem durchschnittlichen Preis von rund 111 Dollar pro Barrel Rohöl aus, was einer Steigerung von rund 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Das ist das Ergebnis der Analyse "What best performing forecasters think" von Roland Berger Strategy Consultants, die bereits zum fünften Mal durchgeführt wurde.
"„Angst vor Ölkrise“ titelt „Bild“, „Hilfe, der Ölpreis steigt“, schreibt die Süddeutsche und „Benzinpreis explodiert“ meinen jetzt alle. Und sie haben recht. Nur: Das war absehbar. Der aktuelle Benzin-Preis von 1.60 Euro ist noch lange nicht das Ende – Benzinpreise von drei bis fünf Euro werden kommen. Nicht nur wegen der aktuellen politischen Krise im ganzen arabischen Raum." Zitat: Franz Alt
Der Ölkonzern BP,
dessen gesunkene Ölplattform im Frühjahr 2010 den Golf von Mexiko verseuchte, hatte laut TAZ bereits in den ersten drei Monaten des Jahres 2010 einen Nettoprofit von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet. Die Ölkatastrophe wird massive Auswirkungen auf die Öl- und Benzinpreise haben. „Die Kosten werden definitiv ansteigen“, sagte der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA) Nobuo Tanaka.
Die Verteuerung von Öl und Benzin werde aus zwei Gründen geschehen:
Durch höhere Sicherheitsstandards bei Tiefseebohrungen und durch höhere Versicherungsprämien, warnte Tanaka in der Süddeutschen Zeitung. Noch weiter ging der Chefvolkswirt der Energieagentur, Fatih Birol: „Die Ära des billigen Öls geht zu Ende.“
Peak Oil war 2008
Dr. Werner Zittel (Ludwig-Bölkow-Systemtechnik GmbH) untersuchte 2011 für das Forschungsprojekt "Save our Surface" u.a. die Verfügbarkeit von Erdöl, Erdgas und fossiler Kohle. Hier, kurz zusammengefasst, die wichtigsten Ergebnisse: Im Jahr 2008 wurde das weltweite Ölfördermaximum Peak Oil mit großer Wahrscheinlichkeit überschritten. Der Förderrückgang wird die weltweit verfügbare Ölmenge im Jahr 2030 auf etwa die Hälfte der heutigen Menge reduzieren. Dies führt dazu, dass im Jahr 2030 Mitteleuropa nur noch geringe Mengen Erdöl zu überproportional hohen Kosten importieren wird. "Mit jedem entnommenen Fass Erdöl sinkt der Lagerstättendruck, die Fördersituation wird stetig schwieriger.“
Auch bei Erdgas und Kohle ist nach dieser Studie "Save our Surface" die Verknappung absehbar. Die Erdgasförderung in Europa hat den Höhepunkt überschritten. Sie wird bis zum Jahr 2030 vermutlich auf 15-20% der heutigen Förderung zurückgehen. Gasimporte aus Russland werden abnehmen. Bei Kohle ist der Peak Supply 2020-2030 zu erwarten. In Europa muss bereits wesentlich früher mit einer angespannten Versorgungssituation gerechnet werden.
100-Dollar-Grenze für ein Barrel Erdöl überschritten
Schon am 2. Januar 2008 erreichte der Preis für ein Barrel Erdöl spekulationsbedingt erstmals die 100-Dollar-Grenze. Der Erdölhändler Richard Arens hatte für 100’000 Dollar 1000 Barrel gekauft. Arens tat es offenbar, um in die Geschichte einzugehen, damit er einst "seinen Enkeln erzählen kann, er sei der Erste gewesen, der soviel zahlte", wie die Medien berichteten. Ende Januar 2008 fiel der Preis wieder unter 90 Dollar. Doch Ende Februar ging er wieder über die 100-Dollar Grenze, das 100-Dollar-Ereignis war also nichts Einmaliges. Plötzlich war es für AnalystInnen vorstellbar, dass das Barrel bald 150 oder 200 Dollar kosten könnte.

Peak Oil und die Folgen...
"Wenn in China im Jahr 2030 auf 3 Menschen 4 Autos kämen wie heute bei uns, wären das 1,1 Milliarden Autos. Die gesamte Weltflotte liegt derzeit bei 800 Millionen. China würde dann täglich 99 Millionen Barrel Öl verbrauchen. Heute liegt die Weltproduktion bei 84 Millionen täglich. Und das lässt sich nicht wesentlich steigern. China zeigt uns eines ganz deutlich: Das westliche Modell einer ölabhängigen, autozentrierten Wegwerfgesellschaft funktioniert dort nicht. Und es funktioniert nicht für Indien, wo bald vielleicht sogar noch mehr Menschen leben und nicht für die 3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern, die ebenfalls den amerikanischen Traum träumen."
Lester Brown, US-Amerikaner und Präsident des Earth Policy Institute in der Arte-Doku "Die demografische Zeitbombe - 2030", ausgestrahlt am 27.03.2007
BP / British Petroleum / Beyond Petroleum: Die ersten Folgen von Peak Oil im Golf von Mexiko
Der Benzinpreis
In Hamburg kletterte der Preis im Februar 2011 für einen Liter Super bei einigen Stationen bereits auf 1,56 Euro, der Liter Diesel kostete 1,44 Euro. Ursache dieser Preisentwicklung ist nicht nur die Libyenkrise sondern auch die Habgier der großen Ölkonzerne und Spekulanten und eine weltweite neoliberale Politik, die diese Habgier nicht stoppt sondern fördert.
„Die Erträge der Ölkonzerne sind wegen der hohen Rohstoffpreise im Jahr 2008 explodiert.“
berichtete das Manager Magazin am 30.01.2009 „Allein die drei Unternehmen Exxon, Shell und Chevron haben zusammen einen Gewinn von 100 Milliarden Dollar erzielt - so viel wie niemals zuvor. Der weltgrößte börsennotierte Ölkonzern Exxon Mobil hat im Jahr 2008 mit mehr als 45 Milliarden Dollar den bisher höchsten Gewinn eines US-Unternehmens erzielt. Der Überschuss von exakt 45,22 Milliarden Dollar (35,28 Milliarden Euro) fiel noch einmal 11 Prozent höher aus als Exxons alter Rekord aus dem Jahr 2007. „ (Zitatende)
Doch langfristig wird auch das knapper werdende Öl die Preise explodieren lassen
Die Fachzeitschrift Politische Ökologie schreibt:
"Bei den Steigerungsraten des Verbrauchs, welche die Internationale Agentur des OECD (International Energy Agency, IEA) berechnete, ergibt sich:
- ein Ende des Erdöls um 2035,
- von Erdgas vermutlich vor 2040,
- Kohle reicht bis maximal 2100. Dabei ist jedoch nicht berücksichtigt, dass sie die anderen Energieträger ersetzen muss und gleichzeitig zu einem gesteigerten CO2- Ausstoß führt.
- Uran reicht bei der heutigen Förderung nur bis 2040.
- Schon 2010 produzieren die OPEC des Nahen Ostens 50 Prozent des Öls. Das verschafft diesen, teilweise politisch instabilen Ländern eine bedeutende Machtposition - nicht nur über die Preise. Ähnlich sieht es beim Erdgas aus, das Deutschland im Jahr 2010 vermutlich zu 90 Prozent aus Russland importieren wird." Zitatende
Quelle: Zeitschrift "Politische Ökologie
Peak Oil - Das absehbare Ende des billigen Erdöls
Viele Experten aus der Ölindustrie gehen davon aus, dass die Erdölproduktion um das Jahr 2009 die Produktionsspitze erreicht hat und danach jedes Jahr abnimmt. Der Streit, ob der Peak Oil 5 Jahre früher oder später eintritt, ändert nichts an der Tatsache des schnellen, absehbaren Auslaufens der Erdölproduktion. Gleichzeitig wächst die globale Energieverschwendung durch den Export unseres Raubbausystems nach Indien und China. Peak Oil bedeutet: Der Höhepunkt der Erdöl-Förderung ist erreicht. Die Ölkonzerne schaffen es nicht, die Erdöl-Förderung weiterhin zu steigern.
Ein plötzliches, abruptes Ende der Förderung von Gas, Öl, Uran und Kohle
ist dennoch nicht zu erwarten, eher ein langsames Auslaufen, begleitet von einer massiven Preiserhöhung und damit verbundenen sozialen Verwerfungen. Doch das unlösbare Grundproblem der nicht regenerativen Energiequellen wie Uran, Gas, Öl und Kohle sind die Probleme eines unbegrenzten, globalen Wachstums und der damit verbunden ständig steigenden Nachfrage nach Energie.
"Entscheidend für die Ölproduktion ist nicht,
wieviel unter der Erde liegt . Diese Zahlen sehen gar nicht so schlecht aus. Das Problem entsteht, wenn große Ölfelder, beispielsweise Prudhoe Bay in Alaska oder Felder in der Nordsee, den Höhepunkt ihrer förderbaren Kapazität überschreiten. Der Produktionsverlauf eines Ölfeldes gleicht der Form einer Glocke. Der Höhepunkt ist erreicht, wenn 50% der Ölreserven gefördert wurden. Zu diesem Zeitpunkt scheinen die Reserven noch üppig zu sein. Aber es ist nicht so rosig, wie es scheint. Die Fördermenge kann auf diesem Niveau wohl einige Zeit gehalten werden, bevor sie abnimmt. Ist der Höhepunkt überschritten, verläuft der Rückgang rapide: Es gibt immer noch genug Öl, aber es wird immer schwieriger, es zu fördern. Je aufwendiger es wird, den Förderdruck aufrechtzuerhalten, um so teurer wird das Öl, bis es ab einem gewissen Punkt unwirtschaftlich wird, das Öl zu fördern." schreiben die Studien für Zeitfragen
Das weltweit knapper werdende Öl
löst beim abhängigen Patienten Mensch klassische Suchtsymptome aus. Statt Energie zu sparen und Alternativen zu fördern rufen wachstumsgläubige Politiker nach einer intensiveren Ölförderung und nach der noch härteren Energiedroge Atomenergie obwohl Uran ebenfalls nur noch wenige Jahrzehnte reichen wird. Jetzt, nach dem vorläufigen Ende der Finanz- und Wirtschaftkskrise steigen die Öl- Diesel- und Benzinpreise wieder massiv.
Wir haben,
so war in der "Financial Times" zu lesen, die erste Hälfte unseres Öls, nämlich 1000 Milliarden Barrel, in 130 Jahren verbraucht, für die zweite Hälfte, die zweiten tausend Milliarden Barrel, werden wir nur dreißig Jahre brauchen. Öl, Gas und Uran sind endlich und die Vorräte in Kürze erschöpft.
Elektroautos sind (noch) keine Alternative
Mit dem derzeitigen Energiemix, den heute vorhandenen PKW-Batteriesystemen und den überschweren Autos sind die Elektroautos (noch) nicht zukunftsfähig und keine Alternative.
Was im Mittelalter Brotaufstände
waren, könnten in wenigen Jahren Benzinaufstände sein und die Armen werden im Winter frieren. Wenn wir nicht schnell auf alternative Energien und Energiesparen setzen und die globale Raubbauwirtschaft beenden, sind massive soziale Verwerfungen und Krisen absehbar.
Axel Mayer, BUND Geschäftsführer
Lesen Sie hier mehr:
hier: BUND Informationen - Öl, Ölpreis, Gas und Uran und die weltweiten Energievorräte
Nachtrag
Peak Oil im Rück- und Ausblick
Quelle: Schweizerische Energie-Stiftung SES 21.1.2010
Anfang des Jahrhunderts war Peak Oil noch ein Fremdwort. Noch in den 1990er Jahren prognostizierte die IEA einen Ölpreis von 20 Dollar pro Barrel für das Jahr 2020. Heute ist Peak Oil Realität. Die Ölpreise fluktuieren in noch vor zehn Jahren undenkbaren Höhen. Die Auswirkungen davon werden einzig durch die gedämpfte Rohölnachfrage infolge der Weltwirtschaftskrise abgeschwächt. Doch Peak Oil ist erreicht und in den Medien und der Öffentlichkeit als Begriff gesetzt. Trotzdem wird das Thema von der Politik konsequent totgeschwiegen. Angesichts der dramatischen Öl-Abhängigkeit der Weltwirtschaft und des in den kommenden 10 Jahren absehbaren jährlichen Förderrückgangs sollte sie aber schon längst gehandelt haben.
Mehr Infos in englisch:
hier und hier

Benzinpreis, Ölpreis und die Grenzen des Wachstums
Der Fahrplan zur Sonne
Von Sebastian Pflugbeil
Bis 2050 können erneuerbare Energiequellen Europa komplett mit Strom versorgen, sagen auch wirtschaftsnahe Institute. Doch die Bundesregierung
will es nicht glauben
Am 13. April 2010 wurde eine bemerkenswerte Studie der Europäischen Klimastiftung ECF unter dem Stichwort »Roadmap 2050« vorgestellt. Die
Studie stützt sich auf Analysen von fünf erfahrenen Institutionen, die alles andere als für »grüne Spinnereien« bekannt sind: das Imperial College
London, Kema, McKinsey Co., Oxford Economics und das Office of Metropolitan Architecture. Darin geht es um den Vergleich realistischer Wege zu einer
klimaneutralen europäischen Energieversorgung bis zum Jahre 2050. An der Studie arbeiteten Vertreter großer deutscher und europäischer
Stromversorger (RWE, Vattenfall, E.on), führender Netzbetreiber (Tennet, Energienet/DK, Entso-e), Hersteller von Kraftwerkstechnik (Siemens, Vestas)
und Umweltorganisationen (WWF, Germanwatch, E3G) mit. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass eine Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien für
ganz Europa machbar ist. Zudem wird glasklar nachgewiesen, dass das weder teurer noch weniger verlässlich ist als das heutige System. Dabei wird
nicht auf künftig mögliche neue technische Errungenschaften spekuliert, die Studie setzt nur auf bereits vorhandene Technologien. Sie bezieht lediglich
15 Prozent Solarstrom aus Kraftwerken in Nordafrika und eine stärkere Nutzung der Erdwärme in die Kalkulation ein.
Die deutsche Politik scheint dies allerdings nicht zu glauben, sie steuert jedenfalls kräftig dagegen. Anfang des Jahres war die Solarförderung bereits turnusmäßig um neun Prozent gesunken. Nach einem schwarz-gelben Gesetzentwurf soll die Einspeisevergütung für Solarstrom von Dachanlagen ab dem 1. Juli um zusätzliche 16 Prozent gekürzt werden. Die Beihilfen für Anlagen für Freiflächen sollten um elf Prozent fallen, die Förderung von Anlagen auf Ackerflächen ganz gekappt werden. Im Bundesrat wurde bereits gegen den Gesetzesvorstoß interveniert, mit Kanzlermehrheit kann dem dennoch zugestimmt werden. Umweltverbände wie Politiker fordern -
fraktionsübergreifend - Nachbesserungen. Die Solarförderung müsse in kalkulierbaren und maßvollen Schritten abgesenkt werden, damit zukunftsträchtige Strukturen nicht zerschlagen würden, erklären sie. Von der Gefährdung mehrerer tausend Arbeitsplätze ganz zu schweigen. Angesichts des erreichten Standes der Fachdiskussion provozieren die energiepolitischen Vorhaben der Bundesregierung energischen Widerspruch.
Dabei stehen Befürworter und Gegner der Kernenergie vor den gleichen Herausforderungen:
- Es ist unstrittig, dass die Energieversorgung langfristig mit Sonnenenergie in ihren verschiedenen Formen auskommen muss. Denn Öl, Gas und Uran reichen
nur noch einige Jahrzehnte, sicher nicht mehr einige Jahrhunderte. Die Expertin Astrid Schneider weist in ihrem Buch »Störfall Atomkraft« nach, dass auch das Uran in weniger als hundert Jahren am Ende ist.
- Es ist unstrittig, dass die Sicherung der Energieressourcen anderer Länder ein Hauptgrund für die Kriege der letzten Jahre ist. Im Irak und in Afghanistan ging es um nichts anderes. Der amerikanische Sicherheitsexperte Zbigniew Brzezinski hat die Schlüsselrolle des Nahen und Mittleren Ostens für die globale Energieversorgung, ja sogar für die Weltherrschaft, in seinem Buch »Die einzige Weltmacht - Amerikas Strategie der Vorherrschaft« betont - zwei Jahre vor dem 11. September 2001. Jetzt fehlt nur noch der Iran zur Umsetzung der macht- und energiepolitischen Träume der USA in Zentralasien. Es ist unstrittig, dass sich die Risiken der Kernenergienutzung mit längeren Laufzeiten erhöhen. Zudem sind Kernkraftwerke gegen Krieg und Terror nicht zu schützen. Schließlich ist die Endlagerung hoch radioaktiver
Abfälle nicht gelöst. Man denke an die Skandalgeschichten von Asse, Gorleben und Morsleben. Dort ist bis heute Geheimhaltung, das Ausradieren unbequemer wissenschaftlicher Positionen wie der fahrlässige technischeUmgang mit Atommüllfässern an der Tagesordnung. Beängstigend ist zudem die Bereitwilligkeit, mit der führende Politiker den Atommüll aus Kernkraftwerken und Kernforschungszentren auf Kosten der Steuerzahler und unter Missachtung begründeter Warnungen verschwinden lassen wollen.
- Es ist unstrittig, dass die militärische von der friedlichen Nutzung der Kernenergie nicht wirksam getrennt werden kann. Für die heutigen Atomwaffenstaaten USA, Russland, Frankreich, Großbritannien, Israel, Pakistan und Indien war die friedliche Nutzung der Kernenergie zunächst nur Mittel zum Zweck, und der Zweck war die Atombombe. Es ist unstrittig, dass die Kernenergienutzung von Anfang an massiv direkt und indirekt subventioniert wurde.
- Es ist unstrittig, dass der Ausbau der Solarenergienutzung (Strom aus Sonne, Wasser, Wind und Biomasse) viel schneller erfolgte, als alle Fachleute erwartet haben. Der ursprünglich geplante Ausbau der Kernenergienutzung blieb dagegen weit hinter den Prognosen zurück.
So besteht die begründete Hoffnung, dass durch den Aufbau gut durchdachter Netzstrukturen Ertragsschwankungen der Solarenergienutzung stark verringert
oder ganz ausgeglichen werden können. In dieser Richtung wird in Nordeuropa bereits gearbeitet. Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Dänemark, die Niederlande, Irland, Luxemburg und Norwegen arbeiten an der »North Seas Countries' Offshore Grid Initiative«. Ein 580 Kilometer langes Unterseestromkabel zwischen den Niederlanden und Norwegen liegt bereits.
Die Niederlande wollen überschüssigen Windstrom in norwegische Pumpspeicherstauseen abgeben und bei Windstille den Strom aus den Seen zurückholen.
Ebenso können wir hoffen, dass ein gewaltiges Netz im Mittelmeerraum Anlagen verbindet, die Sonnenenergie auf unterschiedliche Weise in Strom
umwandelt - und dies in einem Maße, dass ein Teil davon nach Nordeuropa geleitet werden kann. Die Arbeiten an Desertec - Strom aus der Wüste auch
für Mitteleuropa - haben begonnen. Diese Hoffnungen dürfen nicht verschleiern, dass solche neuen großräumig angelegten Energiekonzepte auch
mit schwer abwägbaren neuen Schwierigkeiten belastet sind. Es geht neben den technischen Tücken im Detail, die jede neue technische Entwicklung begleiten, um Politik mit teilweise politisch problematischen Partnern, um viel Geld im Bereich von Dutzenden von Milliarden Euro, das sich auch rechnen soll. Es geht auch um Machtkonzentration, die zu Missbrauch verführen kann, wie wir das von unseren deutschen Energiegiganten erlebt haben. Es geht schließlich auch um Schutz vor Zerstörung und Naturgewalten und darum, wie viel erneuerbare Energie man braucht, um diese gewaltigen Systeme aufzubauen und zu erhalten.
In der Auseinandersetzung mit den großen, auf zentrale Energieversorgungssysteme orientierten Konzernen und angesichts der Erfolge bei der Solarenergienutzung gab es die Vorstellung, den gesamtenEnergiebedarf mit kleineren dezentralen Systemen zur Energiegewinnung decken zu können. Diese Hoffnung halte ich insbesondere für Großstädte und Industriezentren, die zuverlässig kalkulierbare Energiebereitstellung und hohe Energiedichten brauchen, für gewagt.
Klar ist: Der Fahrplan zur Sonne ist ein längerfristiges Projekt. Doch Politik und Verbraucher können schon jetzt auf den Zug zur Sonneaufspringen, indem sie den Ausbau der Solarenergie nachdrücklich unterstützen - und den Zuschlag auf der Energierechnung akzeptieren. Er macht pro Monat kaum mehrals zwei Euro aus.
indem bei den anrollenden großtechnischen Solarenergieprojekten auf die Kontrolle der Macht und des Marktes geachtet und das Zusammenspiel mit dezentralen Solarenergiesystemen technisch und wirtschaftlich fair gewährleistet wird.
indem keine Steuergelder für eine (verkappte) militärische Beteiligung an Kriegen um Energieressourcen missbraucht werden indem der Ausstieg aus der
Nutzung der Kernenergie fortgesetzt wird. Jede Verlängerung der Laufzeiten behindert die Sonnenwende - und schafft noch mehr Atommüll.
Tschernobyl ist 24 Jahre her. Jene mit Gedächtnisverlust haben die Katastrophe samt ihren Lehren vergessen. Die Jungen kennen Tschernobyl lediglich als Geschichte, die nie unter die eigene Haut ging. Die Folgen halten aber noch Jahrzehnte bis Jahrhunderte an.
Sebastian Pflugbeil hat als Vertreter der DDR-Opposition 1989/90 in der Regierung Hans Modrow als Umweltminister den Weg für die Abschaltung sämtlicher Kernkraftwerke auf dem Gebiet der DDR geebnet. Und dies obwohl Energiekonzerne aus den alten Bundesländern bereits ihr Interesse an deren Weiterbetreibung bekundet hatten. Seit Langem ist der promovierte Physiker Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz.
Quelle: Publik-Forum Nr. 08 vom 23.04.2010
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(Wir danken für die Abdruckerlaubnis)
Frankfurter Rundschau - 08.08.2010
Brennstoff-Vorkommen / Das Uran wird knapp
Neue Berichte der europäischen und internationalen Kontrollbehörden zeigen: Der Brennstoff der Atomkraftwerke ist weder sicher, sauber, noch reichlich
Kurzer Auszug:
„Laut ESA-Bericht wurden schon 2009 weltweit 50,5 Kilotonnen Uran abgebaut. Der Verbrauch liegt aber seit Jahren über 65 Kilotonnen. Dass die Uranförderung Ende der 1950er Jahre rasant stieg, lag vor allem am Atom-Wettrüsten. Das hatte für die Kernkraft den Vorteil, dass Uran nicht verbraucht, sondern eingelagert wurde. Doch schon Anfang der 80er erreichte die Förderung mit etwa 70 Kilotonnen pro Jahr ihren Höhepunkt. Seither versiegen die leicht zugänglichen Vorkommen nach und nach, während sich der weltweite Uranverbrauch seit 1985 mehr als verdoppelte. Die Minen in Deutschland, Großbritannien und Frankreich, drei der Hauptverbraucher, sind seit fast zehn Jahren erschöpft. Frankreich, das 79 Prozent des Stroms von AKWs bezieht, muss sein Uran schon heute zu 15 Prozent aus Kasachstan und Usbekistan holen - und zu fast einem Viertel aus Afrika, wo Umwelt und Millionen Menschen verseucht werden.
Dennoch konnte der gesamte Uran-Abbau in den vergangenen zehn Jahren nur 60 bis 70 Prozent des Weltbedarfs decken. Die Lücke wird gefüllt durch Lagerbestände und abgerüstete Waffen. Wiederaufbereitete Brennstäbe bringen es auf nur vier Prozent des Weltbedarfs, Deutschland beendete die Wiederaufbereitung 2005. Das US-Energieministerium warnt bereits vor leeren Lagern: Ab 2018 müsse die USA fast ihr gesamtes Uran zukaufen.“
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