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EMAS und ISO 14001 für einen Atommeiler: Greenwash und Atompropaganda

...trotz radioaktiver Belastung von der Isar bis zur Nordsee



von Susanne Bareiß-Gülzow

Atommülltransporte zu den Wiederaufbereitungsanlagen (WAA) Sellafield in England und La Hague in Frankreich werden ab 1. Juli dieses Jahres vom deutschen Gesetzgeber verboten. Eine längst überfällige Entscheidung, wie der im Mai bekannt gewordene neuerliche Unfall in der Sellafielder Anlage im Mai gezeigt hat. Doch nicht nur Unfälle, sondern auch der Alltagsbetrieb dieser Atomanlagen bedrohen bekanntlich unser Leben und unsere Umwelt. Deutsche Atomkraftwerksbetreiber wissen um die dortigen Missstände, ein Betrieb dieser beiden Anlagen wäre bei uns nicht zulässig. Trotzdem wurde der Atommüll unter anderem aus dem umweltzertifizierten Kernkraftwerk an der Isar bis zum Verbot dorthin transportiert.

Direkt an der Isar in der Gemeinde Essenbach, 14 Kilometer flussabwärts von Landshut, liegt das Kernkraftwerk Isar mit seinen beiden Blöcken 1 und 2. Es ist Weltmeister in der Stromproduktion. Kein anderer Atommeiler der Welt liefert so viel Strom wie “Isar 2”. Faszinierend mutet allerdings an, dass – kaum bekannt – das AKW des Energiekonzerns E.ON mit seinen beiden Blöcken schon 1999, als erstes deutsches Kernkraftwerk mit dem Umweltzertifikat EMAS ausgezeichnet worden ist.

Für Betriebe gibt es verschiedene Bewertungsmaßstäbe des betrieblichen Umweltschutzes. Eine davon ist die so genannte “Eco-Management and Audit-Scheme”, abgekürzt EMAS , eine andere die internationale Norm ISO 14001]. Beide beschreiben den Aufbau eines betrieblichen Umweltmanagements. Die Bewertung nach ISO ist für die Betriebe einfacher zu erhalten, da die Anforderungen etwas geringer sind. So braucht hier keine Umwelterklärung verfasst zu werden. Diese stellt bei EMAS einen wichtigen Pfeiler in der öffentlichen Darstellung dar. “EMAS ist die höchste europäische Auszeichnung für systematisches Umweltschutzmanagement”, so der ehemalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (1).

Jeden denkenden Bürger wird es überraschen, dass auch ein AKW diese “bedeutende” Auszeichnung erhalten kann. Das geschah zwar bereits vor sechs Jahren, doch in den Zeitungen las man kaum etwas darüber. Die notwendigen, von EMAS geforderten Publikationen wurden zwar erstellt und können von interessierten Bürgern eingesehen werden – aber eine offensive Öffentlichkeitsarbeit unterblieb. Das EMAS-Prädikat dient anscheinend eher den Zukunftsplänen der Kernenergie, soll wohl die Akzeptanz für diese Energieform in Politik und Gesellschaft zum passenden Zeitpunkt erhöhen helfen. Schon in der E.ON-Umwelterklärung 2001 kann man lesen: “Die Kernenergie ist im Rahmen unserer Sicherheitskultur ethisch verantwortbar, ökologisch geboten und volkswirtschaftlich sinnvoll” (2).

Auch mit der Wiederaufbereitung hat E.ON kein Problem und bescheinigt seinem Vorbild-AKW im Maßnahmenkatalog für EMAS eine positive Abfall-Verwertung: Nicht verwertbare Anteile werden umweltgerecht entsorgt. Hierzu gehören auch die Transporte der abgebrannten Brennelemente zur Wiederaufbereitung nach Frankreich und England (2). Da die Brennelemente nach dem Austausch im AKW noch wertvolle Spaltmaterialien wie Uran und waffenfähiges Plutonium enthalten, sollen in den WAA‘s diese beiden Wertstoffe vor einer Endlagerung abgetrennt werden. Aus dem so zurückgewonnene Brennstoff könnten neue Brennelemente produziert werden: “Der Brennstoffkreislauf ist damit geschlossen”, behauptet E.ON (2).

Dass durch die Aufbereitung die radioaktive Müllmenge immer weiter zunimmt, wird wohlweislich verschwiegen. Zum 1. Juli 2005 ist dieser Weg aber für deutsche Atomkraftbetreiber durch eine neue gesetzliche Regelung verbaut. Endlich wurde politisch durchgesetzt, was schon lange wegen der Gefährdung der Umwelt und Menschen diskutiert wurde. Man kann nur hoffen, dass eine eventuelle neue Bundesregierung ab Herbst 2005 dieses Verbot nicht wieder aufhebt.

Die Wiederaufbereitung verstößt nach Ansicht des Umweltsachverständigenrates gegen die vom Atomgesetz (AtG § 9a I) geforderte “schadlose Verwertung” des Atommülls: “Nach Auffassung des Umweltrates sollten jedoch geltende inländische Schutzstandards auch in Bezug auf die Wiederaufbereitung von aus deutschen Kernkraftwerken stammenden Brennstoffelementen im Ausland Berücksichtigung finden. Die sachliche Rechtfertigung der deutschen Schutzstandards, insbesondere des Gebots der schadlosen Verwertung, endet nicht an den Ländergrenzen” (3). Hier unterscheidet sich die Einschätzung des SRU von der des Umweltgutachters des Atomkraftwerks Isar – von dem wurden Umweltbelastungen durch die Wiederaufbereitung gar nicht erst wahrgenommen.

Natürlich kann sich der Gutachter darauf berufen, dass die Atommülltransporte zum großen Teil in die zertifizierte Wiederaufbereitungsanlage La Hague gingen. Diese Anlage – man hält es fast nicht für möglich – hat mit ISO 14001 auch ein Umweltstempelchen. Der Gutachter könnte weiterhin davon ausgehen, dass die französische Anlage ja kontrolliert und begutachtet wurde und daher den Umweltanforderungen entsprechend arbeitet. Genau hier sieht man, wie kritisch diese Umweltzertifizierungen zu werten sind.

Während die radioaktive Belastung der Ostsee in erster Linie aus der Katastrophe von Tschernobyl sowie dem Fallout der oberirdischen Atomwaffentests der 1950er und 1960er Jahre resultiert, wird die Nordsee noch immer und zum Teil sogar verstärkt durch radioaktive Einleitungen aus den Wiederaufbereitungsanlagen in Sellafield und in La Hague belastet. Während bei anderen radioaktiven Stoffen ein deutlicher Rückgang zu beobachten ist, war bei den Radionukliden Tritium (H-3) und Technetium (Tc-99) Mitte der 1990er-Jahre eine Zunahme durch die beiden WAA's zu verzeichnen (3).

Einer Presseerklärung von Greenpeace Karlsruhe aus dem Jahre 2001 ist zu entnehmen: “Die radioaktive Strahlenbelastung durch La Hague liegt siebenfach über den deutschen Grenzwerten. In Sellafield werden deutsche Grenzwerte sogar um das Zwanzigfache überschritten” (4). Gerade Tc-99 ist aufgrund seiner langen Halbwertszeit von zirka 200.000 Jahren, seiner Wasserlöslichkeit und akkumulativen Eigenschaft besonders beachtenswert. Hingegen hat Tritium “nur” eine physikalische Halbwertszeit von 12,3 Jahren. Es wird aber von Lebewesen aufgenommen und bewirkt eine gleichmäßige Strahlenbelastung des gesamten Körpers. Die Konzentration von Radionukliden in marinen Organismen kann gerade im näheren Umfeld der beiden WAA-Einleiter die natürliche Hintergrundbelastung deutlich übersteigen (3).

Wieso La Hague eine Zertifizierung nach ISO 14001 für Lagerung, Abfallbehandlung, Wiederaufbereitung und Konditionierung wiederverwertbarer Materialien und Abfälle erhalten hat, ist sehr fragwürdig. Die hohen radioaktiven Einleitungen von La Hague verstoßen gegen die Vereinbarungen des OSPAR-Abkommens. Schon 1998 hatte man sich unter den OSPAR-Vertragsparteien darauf verständigt, dass diese Belastung schon bis 2000 erheblich zu reduzieren sei. Bis 2020 soll sie fast vollständig unterbleiben (3).

Da trotz Kenntnis der Verhältnisse in Sellafield und in La Hague abgebrannte Brennelemente auch aus dem AKW “Isar 2” in die beiden WAA‘s transportiert wurden, ist E.ON für die Meeresbelastungen durch diese beiden Atomfabriken mitverantwortlich. Mit dem Abwasser des AKW “Isar 2” wird zudem die vorbeifließende Isar unverantwortlich stark mit Tritium verunreinigt. Während man in der Nordsee bereits 1998 von einer geforderten erheblichen Reduzierung radioaktiver Einleitungen spricht, haben sich die Einträge des Radionuklids Tritium im Abwasser des Blocks 2 zwischen 1991 und 2002 nicht verringert, sondern sogar verdoppelt. Die Belastung liegt gegenüber Block 1 extrem hoch, da im Druckwasserreaktor „Isar 2“ Borsäure eingesetzt wird. Durch die Bestrahlung mit Neutronen wird aus Bor unter anderem das radioaktive Tritium gebildet (5).

Jede Stunde dürfen aus dem Kraftwerksblock “Isar 2” 5,5 Milliarden Becquerel abgeleitet werden. (5) Nun verteilt sich dieser radioaktive Stoff in der Umwelt und belastet das Oberflächen- und Grundwasser der Region. Da Tritium sich chemisch wie Wasserstoff verhält, lässt es sich in den Wasserwerken nicht mehr aus dem Rohwasser entfernen. Es kann somit auch das Trinkwasser belasten.

Planungen für eine Reduzierung der Tritium-Einleitung gibt es bei den Kraftwerksbetreibern nicht, obwohl EMAS verlangt, dass Umweltbelastungen verringert werden müssen. E.ON stellt sich einfach auf den Standpunkt, dass es technisch nicht möglich sei, den Eintrag zu verringern. Somit ist diese Umweltbelastung für die Auszeichnung mit EMAS uninteressant – nur das technisch Machbare und finanziell Vertretbare ist zu erfüllen.

“Für die zirka 18 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr, die das Kernkraftwerk Isar im Block 1 und 2 erzeugt, sind mehr als 40 Tonnen angereichertes Uran notwendig”(3). Diese Brennstäbe fallen dann später als Müll an und müssen entsorgt werden. Da es zur Zeit noch kein Endlager für diesen hochbrisanten Müll gibt, wird er nur gelagert. Damit der Atommüll nicht mehr “herumtransportiert” werden muss, werden “kurzfristig” so genannte Zwischenlager bei den Atomkraftwerken gebaut und eingerichtet. Diese dezentralen Atommüllsammelstellen sind natürlich von vielen in der Umgebung der Kraftwerke lebenden Menschen nicht gewollt, da sie ein unkalkulierbares Risiko darstellen. Auch ist nicht bekannt, wie lange diese Zwischenlagerung andauern wird. Vielleicht wird ja nie eine “sichere” Deponie genehmigt werden. Und der Müll bleibt da und wird immer mehr.

Diese Furcht existiert natürlich auch in der Umgebung der beiden AKW-Blöcke Isar. Mit Bürgerentscheid der Gemeinde Niederaichbach wurde 2001 festgelegt, für das Gebiet, auf dem ein Teil des Zwischenlagers errichtet werden soll, einen Bebauungsplan aufzustellen. Zur Sicherung der Planung wurde eine so genannte Veränderungssperre für dieses Gebiet erlassen. So konnte das bauliche Vorhaben des AKW Isar – der Bau eines Lagers – vorerst nicht ausgeführt werden. Doch E.ON hat dagegen geklagt – und gewonnen: Das Landratsamt Landshut erteilte eine Baugenehmigung und ersetzte dadurch das fehlende Einvernehmen der Gemeinde (6, 7). Hierdurch konnte der erklärte Wille der Bürgerinnen und Bürger außer Kraft gesetzt werden. Allerdings sind solche Machenschaften unter EMAS höchst fragwürdig, da die zertifizierten Betriebe sich durch “Transparenz, Glaubwürdigkeit und Rechtssicherheit” auszeichnen sollen (1).

Selbst die Entstehung von radioaktivem Abfall stellt kein Hindernisgrund für die Erteilung der Umweltauszeichnung dar, da dieser selbst durch den Einsatz der besten verfügbaren Technik nicht vermeidbar ist. Da man nicht weiß, wohin mit dem Müll, darf man ihn einfach lagern.

Der “BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein” prangert schon seit langem die Umweltzertifizierung nach ISO 14001 beim AKW Fessenheim an: “Umweltzertifikate wie ISO 14001 werden durch einen solchen gezielten Missbrauch diskreditiert und stellen sich selbst und die damit verbundene auswuchernde Bürokratie in Frage”, so der BUND (8). Es fand ein Greenwash für ein AKW statt, das irgendwann mal durch einen neuen Euroreaktor ersetzt werden soll. Hier ist Akzeptanzbeschaffung in der Bevölkerung des Oberrheingrabens extrem wichtig und dafür kann man auch Geld investieren. Im Gegensatz zum bayrischen AKW wurde am Oberrheingraben schon umfangreiche Marketingmaßnahmen zur Beeinflussung der Bevölkerung unter Ausnutzung des “Umweltstempelchens” durchgeführt.

Es wird jedoch von Vertretern des Umweltgutachterausschusses (UGA) darauf hingewiesen, dass bei EMAS höhere Anforderungen gestellt werden als bei ISO 14001. Doch leider ist es auch bei diesem “strengeren” Umweltzertifikat möglich, dass ein Kernkraftwerk ohne Rücksicht auf die von ihm ausgehenden Belastungen der Meere und Flüsse ausgezeichnet wird: “Die Teilnehmer an EMAS verpflichten sich dazu, ihre betriebliche Umweltleistung kontinuierlich über das gesetzliche Maß hinaus zu verbessern; dies umfasst nicht nur direkte, sondern auch indirekte Aspekte wie etwa die Produktgestaltung” (1), so der hehre Anspruch an das Prädikat. Aber die Regeln für die Ausführung sind wieder extrem lasch: “Bei der Bewertung dieser indirekten Umweltaspekte muss die Organisation prüfen, inwiefern sie diese Aspekte beeinflussen kann und welche Maßnahmen zur Verringerung der Auswirkungen getroffen werden können” (9). Hier sind die Vertreter der Umweltverbände im UGA gefordert, entsprechende Regelungen zu präzisieren. Es ist nicht akzeptabel, dass ein Atomkraftwerk ein EMAS-Prädikat erhält, obwohl es unsere Umwelt durch Tritium vergiftet und keine Lösung für die Beseitigung der Abfälle aufweisen kann. Dabei wären die Probleme entgegen der Meinung der Kraftwerksbetreiber technisch lösbar – man bräuchte das Kraftwerk nur abzuschalten.



Hintergrundinfo: Emas und ISO 14001 & Greenwash
Hintergrundinfo: Akzeptanzforschung, Greenwash, PR und neue Durchsetzungsstrategien


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Dieser Artikel wurde 4831 mal gelesen und am 12.8.2010 zuletzt geändert.