Hintergrundinformation: Europawahl und Bauplatzbesetzung Marckolsheim
16.03.2004
An die Elsässisch- Badischen Medien
Alsace Nature, 8, rue Adele Riton, 67000 Strasbourg
BUND Regionalverband, Wilhelmstr.24 a, 79098 Freiburg
Europäische Wurzeln
Vor 30 Jahren verhinderte die elsässisch - badische Bevölkerung den Bau des Bleichemiewerks Marckolsheim
Wenn am 13. Juni 2004 die Wahlen zum Europäischen Parlament statt finden, dann muss auch an die regionalen, demokratischen und ökologischen Wurzeln Europas erinnert werden, an die Überwindung der französisch – deutschen "Erbfeindschaft" unter anderem auf den besetzten AKW Bauplätzen am Oberrhein, in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F).
Vor diesen großen Auseinandersetzungen um die Nutzung der Atomenergie und immer ein wenig im Schatten des Wyhl Konflikts aber stand die weltweit erste, ökologische, grenzüberschreitend organisierte und erfolgreiche Bauplatzbesetzung im elsässischen Marckolsheim am Rhein, am Fuße des Kaiserstuhls.
Den Hintergrund des Umweltkonflikts aus dem Spätsommer und Winter 1974 – 75 würde man heute als klassisches Beispiel der Globalisierung deuten. Ein deutscher Konzern, die CWM (Chemische Werke München), machte sich die Grenzlage zu nutze und wollte in Frankreich, direkt an der Grenze, ein Bleichemiewerk bauen. Vom Bleistaub betroffen wäre die Bevölkerung auf beiden Rheinseiten gewesen. Auch damals schon gab es Versuche die Menschen gegeneinander aus zuspielen.
Die Baupläne wurden 1973 bekannt, einer politisch brisanten Zeit am Oberrhein. Vorangegangen waren der umstrittene Baubeginn des französischen AKW Fessenheim und erste massive Bürgerproteste gegen die Pläne des Badenwerks, erst in Breisach und später in Wyhl, ein Atomkraftwerk zu bauen.
Gründe gegen die Bleifabrik anzugehen gab es viele. 9 Tonnen Blei hätte die Fabrik jährlich über den Schornstein abgegeben und das in einer Weinbauregion. Schnell wurde auch bekannt, dass in der Umgebung vergleichbarer Werke in Deutschland die Kühe auf der Weide gelegentlich tot umgefallen waren. Ursache: Bleivergiftung.
Gegen Bleichemie und Atomindustrie schlossen sich im August 1974 deutsche und französische Umweltschützer zusammen und gründeten das Internationale Komitee der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen. Einen ähnlichen Zusammenschluss dieser Art hatte es nach den Wunden des ersten und zweiten Weltkrieges bisher nicht gegeben. Erstaunliches tat sich vor 30 Jahren und fast 30 Jahre nach Kriegsende in der ländlichen Region beiderseits des Rheins: Über 3000 Menschen aus beiden Ländern kamen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl zusammen, über 4000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengeläute gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim.
Dennoch begannen Mitte September die bauvorbereitenden Maßnahmen auf dem Marckolsheimer Baugelände. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern beiderseits des Rheins besetzt und nach indianischem Vorbild ein hölzernes Rundhaus, das erste Freundschaftshaus am Rhein, errichtet. Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH), Gerstheim (F) und Heiteren (F) sollten folgen und auch die badischen Ackerbesetzer in Sachen Genmais Buggingen beriefen sich zwei Jahrzehnte später noch auf die Marckolsheimer Erfahrungen.
Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 30 Jahren Abstand so einfach. Doch diese erste Bauplatzbesetzung in Marckolsheim, das war zuallererst Matsch, Schnee, knöcheltiefer Schlamm in einem nassen, kalten Winter. Das war der Rücktritt des Marckolsheimer Gemeinderats und eine besetzte Pontonbrücke über den Rhein nach Sasbach. Das waren Elsässer, Badener, Badisch, Elsässisch, Hochdeutsch und Französisch sprechende Menschen und Sprachprobleme zwischen Deutschen, Franzosen und Dialektsprechern. Das war ein Aufblühen der alemannischen Regionalkultur, gleichzeitig eine Blüte und ein Schwanengesang des elsässischen Dialekts. Das waren Frauen und Männer, Winzer und Freaks, Junge und Alte, Linke und Wertkonservative, mancherlei Gesichter, Reden, Streit, Liebesbeziehungen, Gespräche und Lieder am Lagerfeuer, Demos, Brückenbesetzungen, Flugblätter, Liederbücher und Plakate. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung.
Am 25. Februar 1975 kam dann der Erfolg. Die französische Regierung untersagt der deutschen Firma CWM offiziell die Errichtung der Bleifabrik in Marckolsheim und mit dem Wissen, dass illegale Bauplatzbesetzungen auch zu Erfolgen führen können wendet sich der Protest gegen das wenige Kilometer entfernte AKW Bauprojekt im Wyhler Wald. Doch das ist eine andere Geschichte....
Was bleibt ist ein Erfolg. Ein Erfolg für Mensch und Umwelt, der jährlich 9 Tonnen Blei erspart geblieben sind. Erstaunlicherweise sogar ein nachträglicher Erfolg für die Firma CWM, denn die Fabrik sollte Stabilisatoren für PVC und andere Kunststoffe herstellen, Produkte die heute für PVC nicht mehr gebraucht werden. Wie so häufig hatte die Umweltbewegung auch einen ökonomischen Flop verhindert.
In diesen ökologischen Kämpfen am Oberrhein liegen wichtige Wurzeln des BUND, von Alsace Nature und den GRÜNEN. Hier wurden aus konservativen Naturschutzverbänden politische Umweltorganisationen und der Wachstumsglaube der 60er Jahre bekam erste Risse.
Und nicht zuletzt liegt eine der vielen Wurzeln Europas und der deutsch französischen Aussöhnung in Marckolsheim. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumpt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Und was Mensch gegen Luftverschmutzung, Klimaveränderung und die Auswüchse der Globalisierung tun kann, haben die Aktionen vor 30 Jahren auch gezeigt.
Heute stehen auf dem ehemals besetzten Gelände ein Autoauslieferungslager der Firma Peugeot und eine Zitronensäurefabrik. Beide Firmen sind bei weitem nicht mehr so umweltbelastend wie es das Bleichemiewerk gewesen wäre. Und doch stinkt die Zitronensäurefabrik Jungbunzlauer, wenn auch nicht giftig, in die Dörfer beiderseits des Rheins....
(auf Wunsch mailen wir Ihnen gerne auch Fotos von der Bauplatzbesetzung in Marckolsheim zu)
Autoren:
Axel Mayer, BUND Geschäftsführer und Kreisrat, damals Lehrling und 18 jähriger Bauplatzbesetzer
Jean Jacques Rettig, CSFR Sprecher, Pensionär, damals Lehrer und 34 jähriger Bauplatzbesetzer Mehr Infos: Regionale Umweltgeschichte vom Badischen Waldgesetz bis über den Wyhler Wald hinaus - eine Zusammenfassung
Nach Wyhl Nach Wyhl: Veränderung in Sachen Atompropaganda, Akzeptanzforschung und Greenwash
Dieser Artikel wurde 551 mal gelesen und am 24.1.2008 zuletzt geändert.
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