Endlich beginnt die vom BUND schon lange geforderte direkte Verteilung von Kaliumjodtabletten, zumindest im Radius von 10 Kilometern um das marode französische AKW Fessenheim und auch um alle anderen AKW (siehe gestrige PE des Regierungspräsidiums). Diese Maßnahme ist nach Ansicht von BUND-Geschäftsführer Axel Mayer zumindest ein kleiner, vorsichtiger Schritt zur Verbesserung des Katastrophenschutzes, solange die AKW nicht abgeschaltet sind.
Dennoch bleiben in Sachen "Jod und Katastrophenschutz" drei zentrale Kritikpunkte:
1) Jodtabletten sind keine "Strahlenschutztabletten".
Bei einem schweren Unfall (in beiden Fessenheimer Reaktorblöcken entsteht im Jahr die kurz- und langlebige Radioaktivität von ca. 1800 Hiroshima-Bomben) wird eben nicht nur radioaktives Jod abgegeben, gegen dessen Einlagerung in den Körper die Tabletten schützen, sondern u.a. auch große Mengen Cäsium 137 und 134 sowie die Betastrahler Strontium 89 und 90. Vor diesen radioaktiven Substanzen schützt nicht Jod sondern nur die schnelle Abschaltung des AKW.
2) Die rechtzeitige Verteilung der zentral gelagerten Jodtabletten außerhalb des 10-Kilometer-Radius ist nur bei einem kleinen Teil der realistischen Katastrophenabläufe möglich.
Die Verteilung der Tabletten außerhalb des 10-Kilometer-Radius funktioniert möglicher-weise dann, wenn zwischen dem Eintreten der Katastrophe und zwischen dem Entweichen der Radioaktivität ein Zeitraum von mehreren Tagen liegt; die Tabletten sollten nämlich am besten vor dem Eintreffen der radioaktiven Wolke eingenommen werden. Eine zu späte Einnahme ist sogar schädlich. Der Katastrophenschutz und die Verteilung der Tabletten im Radius von 25 km könnte zum Beispiel bei einem sehr langsamen, mehrere Tage dauernden Durchschmelzen des Reaktorkerns eventuell funktionieren. Doch Experten und offizielle Studien bestätigen, dass auch andere, wesentlich schnellere Katastrophenabläufe möglich und wahrscheinlich sind.
Bei einem Terroranschlag oder einem anderen Unfallablauf kann zwischen dem Beginn der Katastrophe und dem Entweichen der Radioaktivität ein Zeitraum von wenigen Minuten bis Stunden liegen. Bei einer angenommenen Windstärke von 10 km/h aus Süden könnte die radioaktive Wolke also beispielsweise in ca. 2 Stunden in Freiburg oder in 3 Stunden im Landkreis Emmendingen sein.[-u]
Wie unter dieser realistischen Annahme die rechtzeitige Verteilung der zentral gelagerten Jodtabletten funktionieren soll, die dann ja nur einen winzigen Teil der einzuleitenden Maßnahmen darstellt, ist nicht vorstellbar.
3) Die Dimension des Katastrophenschutzes und der Verteilungsradius der Jodtabletten ist absolut unrealistisch.
Ein zentraler Fehler der bisherigen Katastrophenschutzkonzepte ist die Beschränkung der Katastrophenschutzpläne auf die viel zu engen Radien von 25 Kilometern um die bestehenden AKW. Wie aus dem "Zentrallager" Leopoldshafen bei Karlsruhe das Gebiet zwischen 25 und 100 Kilometer um den Unfallort rechtzeitig und flächendeckend mit Jodtabletten versorgt werden soll, ist ein Rätsel. Eine Studie des Ökoinstituts Darmstadt im Auftrag der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen von 1992 besagt, dass sich bei einem schweren Unfall in Fessenheim und lebhaftem Südwestwind mit Regen eine bis zu 370 km lange Schadensfahne von Fessenheim bis in den Raum Würzburg-Nürnberg erstrecken könnte. In deren Bereich müssten alle Siedlungen auf 50 Jahre geräumt werden, sollten die Richtlinien von Tschernobyl zur Anwendung kommen. Betroffen wären u.a. die Städte Freiburg, Emmendingen, Freudenstadt, Tübingen, Stuttgart, Heilbronn und Schwäbisch Hall. (Sollte der Wind am Katastrophentag in eine andere Richtung wehen, so wären natürlich andere Städte und Gemeinden betroffen). Auch der Atomunfall in Tschernobyl hat gezeigt, dass der bestehende Katastrophenschutzplan mit einem vorgesehenen 8-km-Evakuierungsradius Makulatur ist.
Eine Verteilung von Jodtabletten und ein Katastrophenschutz, der nicht alle tatsächlich möglichen Unfallabläufe mit einbezieht, ist realitätsfern, illusionär und weckt die trügerische Illusion von nicht vorhandener Sicherheit.
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Dieser Artikel wurde 328 mal gelesen und am 3.4.2008 zuletzt geändert.
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