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Irak Krieg 1990: Kriegspropaganda und Lügen

Demokratie, Kriegslügen und die Verantwortung der Presse

In Zeiten eines drohenden Krieges haben insbesondere auch die Medien eine große Verantwortung. Der Krieg mit Waffen hat noch nicht begonnen, aber der Krieg um die veröffentlichte Meinung ist schon in vollem Gange. Auch ein Umweltverband kann in solchen Zeiten nicht einfach weiter "Nistkästen aufhängen" und den Kopf in den Sand stecken, zumal die Bewahrung des Friedens auch Ziel in der Satzung des BUND Regionalverband ist.

Da wir uns als Untergliederung des BUND sehr intensiv mit Fragen von Greenwash und Akzeptanzforschung im Umweltbereich beschäftigen liegt die Auseinandersetzung mit Fragen der Kriegspropaganda sehr nahe.

Im Krieg stirbt als Erstes die Wahrheit.

Wir wissen und rechnen damit, dass Diktatoren wie Saddam Hussein lügen. Wir erinnern uns auch an seine Verbrechen. Proteste der Friedensbewegung gegen die Giftgasangriffe gegen die Kurden fanden wenig Gehör, weil Saddam Hussein damals noch ein Freund der USA war und von dort mit Waffen beliefert wurde.

Diktatoren lügen, doch wenn Demokratien lügen,
die Wahrheit verfälschen, wenn Werbeagenturen wie Hill & Knowlton falsche Kriegsgründe produzieren und die Öffentlichkeit gezielt täuschen, wie im ersten Golfkrieg, dann stirbt nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Demokratie und die Freiheit.

Mira Beham
hat in ihrem leider vergriffenen Buch "Kriegstrommeln" die Geschichte von Medien, Krieg und Politik dargestellt. Sie hat linke und rechte Mythen vergangener Kriege zerstört und an vielen Beispielen vom Spanischen Bürgerkrieg über Vietnam bis zum Krieg im Irak das Funktionieren von Kriegspropaganda und Public Relations schonungslos dargestellt. Wir dokumentieren hier die "Brutkastenstory" des ersten Golfkrieges, aus dem Buch "Kriegstrommeln".

Mit dieser erfundenen Geschichte wurde die Öffentlichkeit auf den damaligen Krieg eingestimmt.

Wir haben zuvor im Internet gründlich geprüft, ob sich dort Aussagen finden, die den Angaben von Frau Beham widersprechen. Wir haben nichts gefunden.

Die kritische Auseinandersetzung mit Kriegspropaganda, Public Relations, Greenwash, Akzeptanzforschung und der Rolle der Medien ist nötig, um die Demokratie zu bewahren.

Wir bitten Sie in Ihrer Redaktion sehr sorgfältig und kritisch mit Informationen aller Kriegsparteien umzugehen und nicht mitzuhelfen, beispielsweise einige leere, alte Sprengköpfe zu einer "Gefahr für den Weltfrieden" aufzubauschen.

Es sind weltweit Meldungen gelaufen, deren Wahrheitsgehalt fragwürdig sind. So hieß es, die Anthrax-Fälle in den USA seien auf irakische Sporen zurückzuführen,was sich als Desinformation herausstellt.

Mit neuen Varianten der"Brutkastenstory" ist um so eher zu rechnen, je weniger die Inspektoren im Irak tatsächlich finden.

Axel Mayer

Auszug aus dem Buch "Kriegstrommeln" von Mira Beham
(Seite 153 bis 156)

Bekundungen dieser Art ließen zwar Kuwait in den strahlendsten Farben leuchten, reichten jedoch nicht aus, um die amerikanische Bevölkerung von der Notwendigkeit eines US-Militäreinsatzes gegen den Irak zu überzeugen. Stärkere "Geschütze" mussten aufgefahren werden. Hill & Knowlton ließ erforschen, wie die Amerikaner auf die Kuwaitproblematik reagierten, beziehungsweise was ihre Gemüter besonders bewegen könnte, und kam zu dem Ergebnis, dass Verbrechen an Kindern und ähnliche Gräueltaten ein Grund wären, militärisch zu intervenieren. Plötzlich tauchte eine Geschichte in den Medien auf, die diese Vorgaben nahezu ideal zu erfüllen schien - die Brutkasten-Story: "Von allen Anklagen, die gegen den irakischen Diktator erhoben wurden, schlug keine bei der amerikanischen Öffentlichkeit so stark an wie die, dass irakische Soldaten dreihundertzwölf Babys aus ihren Brutkästen genommen und sie auf dem kühlen Krankenhaus-Fußboden von Kuwait Stadt hatten sterben lassen."

Der Ursprung der Geschichte ist unklar. Die ersten Fassungen erschienen Anfang September 1990 in der Londoner "Daily Mail", sowie in der "Los Angeles Times" und wiesen als Quellen den kuwaitischen Wohnungsbauminister, der sich im Exil befand, und eine aus dem besetzten Kuwait evakuierte Amerikanerin namens "Cindy" aus. Ungeprüft begann die Story in den Medien zu kreisen, aber zum Inbegriff der "Vergewaltigung Kuwaits" durch die irakische Soldateska wurde sie erst, als man ihr durch eine öffentliche Präsentation im Kapitol entsprechen des offizielles Gewicht verlieh.

Am 10. Oktober gab es vor dem Arbeitskreis für Menschenrechte im amerikanischen Kongress eine Anhörung über die vom Irak in Kuwait begangenen Menschenrechtsverletzungen und Gräuel, bei der zwei Organisationen Gelegenheit bekamen, ihr Material auszubreiten: Amnesty International und die "Bürger für ein freies Kuwait", also Hill & Knowlton. Was Amnesty anbelangte, so hatten seine Mitarbeiter jahrelang vergebens an die Türen des Weißen Hauses geklopft, um Saddam Husseins Übergriffe anzuzeigen. Um so erstaunlicher war es für sie, dass man ihnen nun solche Bedeutung beimaß und einen so spektakulären Rahmen bot. Sie wussten nicht, dass sie nur als Glaubwürdigkeitskatalysator für die eigentliche Präsentation dienen sollten, und die lieferte "Nayirah", ein fünfzehnjähriges kuwaitisches Mädchen, das als Augenzeugin in Erscheinung trat. In erschütternden Berichten beschrieb sie die Brutalität der Besatzer und Aggressoren: "Ich tat freiwilligen Dienst im Al Addan-Hospital (...) Während ich dort war, sah ich die irakischen Soldaten bewaffnet in das Krankenhaus kommen und in den Raum gehen, wo fünfzehn Babys in Brutkästen lagen. Sie nahmen die Babys aus den Brutkästen, nahmen die Brutkästen mit und ließen die Babys auf dem kalten Fußboden zurück, wo sie starben."

Die Bilder von Nayirahs emotionalem Auftritt gingen um die Welt und am Abend zeigte sich Präsident George Bush auf einer Feier im Weißen Haus hochzufrieden mit deren Wirkung - er habe die Anhörung auf CNN verfolgt und finde es äußerst begrüßenswert, dass das Leid Kuwaits entsprechend gewürdigt wurde. Die beiden Vorsitzenden des Arbeitskreises gaben sich zutiefst beeindruckt: "In der achtjährigen Geschichte des Arbeitskreises für Menschenrechte haben wir von vollkommen glaubwürdigen Augenzeugen, die wir in dieser Zeit vernommen haben, noch nie dermaßen makabre und grauenhafte Horrorstories gehört."

Die Täuschung war gelungen und die Weltöffentlichkeit aufgerüttelt. Niemand ahnte und kaum jemand wusste, dass es sich bei Nayirah um die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA handelte und keineswegs um eine "glaubwürdige Augenzeugin". In den Wochen nach dem Spektakel versuchte die Menschenrechtsgruppe Middle East Watch die Aussagen, die vor dem Arbeitskreis gemacht wurden, zu verifizieren, jedoch ohne Erfolg. Um so emsiger brachten die Presseagenten von Hill & Knowlton die Brutkasten-Story unters Volk und bereiteten die nächste Attacke auf die öffentliche Meinung vor.

Am 27. November 1990 inszenierten sie eine technisch aufwendige audiovisuelle Präsentation der irakischen Bestialität vor den Kameras der großen Fernsehanstalten. Auf Ersuchen der kuwaitischen Regierung fand die mediengerechte Darbietung ausgerechnet im Plenarsaal des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen statt, ein Novum in der Geschichte der UN, und die Welt schaute mit wachsendem Entsetzen zu. Videoaufzeichnungen und Live-Befragungen von Zeugen, deren Echtheit nicht infrage gestellt wurde, genauso wenig wie die Authentizität ihrer Behauptungen und Aussagen, warfen ein düsteres und blutiges Bild der irakischen Mörderbanden an die Wand, und es schien, als ob Saddam Hussein allgegenwärtig war und jede Folterung oder Vergewaltigung zumindest befehligte, wenn nicht gar selbst durchführte.

Auch die Brutkastenstory wurde neu aufgewärmt, diesmal von einem Arzt namens "Dr. Issah Ibrahim", der als eine seiner schrecklichsten Erfahrungen die Beerdigung der aus den Brutkästen gerissenen Babys schilderte. Besagten Zeugen hätten die Medien jedoch mit einem relativ geringen Aufwand an Recherchen als den Zahnarzt Dr. Ibrahim Bahbahani entlarven und darüber hinaus die falsche Identität weiterer vier Zeugen aufdecken können. Statt dessen wurden die Aussagen der "Zeugen" anderntags in der Presse als "Beweise" gehandelt.

John MacArthur, der die abenteuerlichen Inszenierungen von Hill & Knowlton und der "Bürger für ein freies Kuwait" ausführlich dokumentiert hat, zeigt auch, wie vor allem aus dem eingängigen Schreckensbild der toten Babys politisches Kapital geschlagen wurde. Präsident Bush kam wiederholt öffentlich auf die Geschichte zu sprechen, der Kongress und die UN befassten sich damit. Schließlich gelang es den Propagandamachern, sogar Amnesty International - das lange gezögert hatte, die Geschichte zu übernehmen - von der "Richtigkeit" der Behauptungen zu überzeugen, was dem Ruf von Amnesty später erheblichen Schaden zufügte. Denn weder während der Besatzung, als Saddam Husseins Truppen Kuwait für jegliche Art von Beobachtern sperrten, noch danach konnten die Brutkasten-Story oder andere Behauptungen verifiziert werden.

Unzweifelhaft haben irakische Soldaten bei ihrem Einmarsch in Kuwait Grausamkeiten begangen. Doch aus ein paar verstreuten Vorwürfen oder Feststellungen solcher Art lässt sich noch keine erfolgreiche Öffentlichkeitspolitik machen, die die Welt in einen Krieg führen würde. Erst die organisierte und gezielte Strategie von Hill & Knowlton hat die Amerikaner und die internationale Gemeinschaft zu einem gemeinsamen Kriegsziel integrieren können: "Die Bedeutung der Brutkasten-Story im Rahmen der umfassenderen Propagandakampagne einerseits gegen Saddam Hussein und andererseits für die Kriegsoption, darf man nicht unterschätzen. Ohne sie verliert der Vergleich Saddam Husseins mit Hitler seinen Glanz; man musste beweisen, dass Hussein das Böse schlechthin war."


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  • Abseits der Kriegspropaganda - Die Realität des Irak-Krieges: Im folgenden Video sieht man, wie irakischer Zivilisten, aus einem US-Hubschrauber mit 30mm Maschinengewehren ermordet werden. Das Video zeigt auch warum wir Wikileaks brauchen.

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    Dieser Artikel wurde 6113 mal gelesen und am 12.9.2012 zuletzt geändert.