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Krieg - Propaganda: Vom Luftangriff auf den Irak 1991 bekamen Fernsehzuschauer wochenlang nur manipulierte Bilder zu sehen.

Quelle: STERN | Ausgabe: 48/01 | Seite: 130
Autorin: Angelika Franz


Propaganda / Vom Luftangriff auf den Irak 1991 bekamen Fernsehzuschauer wochenlang nur manipulierte Bilder zu sehen. Doch dies war nicht die einzige Irreführung der Öffentlichkeit
Die Reporter der internationalen Presse trafen sich während des Golfkrieges 1991 im "Dhahran International Hotel" in Saudi-Arabien - Männer und Frauen, die im Leben schon in viele Gewehrmündungen geblickt und mit ihren Kameras die Gesichter etlicher Leichen festgehalten hatten. Doch in diesem Krieg bekamen sie unter der strengen Zensur des Pentagon weder das eine noch das andere zu sehen. "Es war ein Ferienlager", beschrieb Lucy Spiegel von CBS die Stimmung vor Ort.

Die meisten Bomben waren dumm
Die Nachrichten vom Golfkrieg kamen weniger von der Front als von der Medienfront. Da war zum Beispiel die Kunde von den "Smart Bombs", jenen chirurgischen Präzisionswaffen, mit deren Einsatz das Leben der Zivilbevölkerung verschont werden sollte. Wie die Air Force nach dem Krieg zugab, bestanden jedoch nur sieben Prozent aller Sprengsätze, die über dem Irak und Kuwait abgeworfen wurden, aus laser- und radargesteuerten Bomben und Raketen. Die übrigen 93 Prozent waren konventionelle "dumme" Bomben. Von den "intelligenten" Bomben verfehlten zehn Prozent ihr Ziel, von den "dummen" 75 Prozent. Insgesamt trafen 56 000 Tonnen Sprengstoff - 70 Prozent - nicht ihr vorgegebenes Ziel.

Noch bevor die ersten Bomben fielen, hagelte es Lügen. Die Geschichte der kuwaitischen Babys, die von Invasionstruppen der Iraker brutal aus ihren Brutkästen gerissen und zum Erfrieren auf dem kalten Steinfußboden verdammt wurden, tauchte wohl zum ersten Mal am 5. September 1990 im Londoner "Daily Telegraph" auf. Dort hieß es, der im Exil lebende kuwaitische Innenminister Yahya Al-Sumait habe behauptet, dass "in der Frühgeburtenabteilung eines Krankenhauses die Babys aus ihren Brutkästen genommen wurden". Zwei Tage später veröffentlichte die "Los Angeles Times" einen Bericht der Nachrichtenagentur Reuter, in dem eine "Cindy" ohne Nachnamen aus San Francisco die Story mit auffallend ähnlichen Worten wiedergab.

Die wohl rührendste Fassung des Dramas lieferte in Washington die 15-jährige Nayirah, die auf einer Tagung des Arbeitskreises für Menschenrechte von der PR-Agentur Hill and Knowlton präsentiert wurde: Sie habe die Ermordung der Frühgeburten während ihres freiwilligen Dienstes im Al-Addan-Hospital mit eigenen Augen gesehen. Nayirah weigerte sich, ihren Nachnamen preiszugeben, angeblich, um Verwandte und Freunde in Kuwait vor Repressalien zu schützen. Dabei wäre gerade ihr Nachname ein pikantes Detail gewesen: Ihr Vater war zu jener Zeit der Botschafter Kuwaits in den Vereinigten Staaten, und Nayirah alles andere als eine unparteiische Zeugin.

Etliche Fernsehsendungen und Zeitungsartikel griffen die Aussagen von "Cindy" und "Nayirah" ungeprüft auf. Auch Amnesty International nahm die Gräuelgeschichte in einen Bericht über Menschenrechtsverletzungen im besetzten Kuwait auf. Darin war die Anzahl der unschuldigen Opfer auf "über 300" angewachsen. Am 15. Februar 1991, einen Monat nach Beginn der alliierten Luftangriffe auf den Irak, wurde die herzerweichende Baby-Tragödie sogar vom damaligen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, Dan Quayle, zitiert: "Es gibt Bilder, von denen Saddam möchte, dass wir sie nicht sehen. Bilder von Frühgeburten in Kuwait, die aus ihren Brutkästen geworfen und dem Tod überlassen wurden."

Die Lüge bleibt für immer wahr
Nach dem Krieg fand sich keine einzige kuwaitische Familie, die ein aus dem Brutkasten gezerrtes Kind betrauerte. Amnesty dementierte seinen Bericht - ohne Erfolg. Die Mär von den erfrorenen Frühgeburten war im Bewusstsein der Öffentlichkeit zur Wahrheit geworden.

"Verglichen mit der Nachrichtenpolitik im Golfkrieg war die Nazi-Wochenschau ein Dokumentarfilm", schreibt Fritz J. Raddatz in der "Zeit". Die amerikanischen Fernsehzuschauer sorgten sich ebenfalls um die Nachrichtenpolitik der Medien. Die meisten Leserbriefe, die während des Golfkrieges bei dem Sender NBC eingingen, beanstandeten mangelnden Patriotismus in der Berichterstattung.


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Dieser Artikel wurde 631 mal gelesen und am 7.9.2008 zuletzt geändert.
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