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Meinrad Schwörer / Wyhl: Ein Redefragment & ein Text aus dem zweiten Wyhl Buch

02.08.2012

Meinrad Schwörer aus Wyhl (in der Mitte) am Mikrofon

Meinrad Schwörer / Wyhl: Ein Redefragment & ein Text aus dem zweiten Wyhl Buch


Kurzer Auszug aus einer Rede von Meinrad Schwörer / Wyhl bei der Besetzung des Bauplatzes eines geplanten Bleichemiewerks CWM in Marckolsheim (Elsaß) am 20. 9. 1974:



"Wiá hä-mr-s dänn? Kaa-mr ásoo schwätzä, wiá-mr doo schwätzt normaalerwiis?
Ich mein graad, ebis brofidiárá-mr doch bi däm ganzá Griág, wu iiber uns goht.
Mr sähnä wider ámool, daß-mr zámmá ghäärá.
Un mit nit anders bringä-mr des besser zuám Üsdruck wiá mit unserá eigená Sprooch,
mit-erä Sprooch,
wu sälli in Paris nit verschdehn,
wu-si in Bonn nit verschdehn
un wu sálli in Minchá au nit verschdehn,
aber wu miir üs-em alemannischá Räum alli vrstehn!"

Meinrad Schwörer/ Wyhl


Mehr Infos: Bauplatzbesetzung Marckolsheim


Foto: Meinrad Schwörer, Wyhl


Im Lebensraum verwurzelt
Oder der Rheinwald und
Indianerbegegnungen

von Meinrad Schwörer

Abseits der Großstadt zu leben, einen Garten oder ein Stück Ackerland zu bewirtschaften, auch Haustiere zu halten sind Dinge, denen in jüngster Zeit wieder viel mehr an Gewicht zu bemessen wird, als dies in den Zeiten des ungehemmten Wirtschaftstrubels der Fall war. Und manch einer der jungen Generation durfte auch schon auf beglückende Weise von den verpflichtenden Unfreiheiten erfahren, die eine Bindung an das Lebendige um uns herum mit sich bringt. Wer aber so wie ich in einem Dorf am Rhein geboren, mit dem Auewald, mit dem Wasser des Rheines und der fruchtbaren Feldflur zu Ehrfurcht und Respekt vor allem Lebendigen erzogen wurde und nun in seinem Heimatdorf 50 Lebensjahre auf dem Buckel herumträgt, hat meist Wurzeln, die tiefer reichen und stärker verankern, als ein Außenstehender erahnen kann.
Was gilt`s, wenn ich nun wieder einmal aus meinem eigenen Leben und Erleben zu erzählen nicht lassen kann, und auch nicht will. Dass mir, als ich gerade richtig laufen konnte, mein Vater am Altrhein beigebracht hat, im Wald still zu sein, „so still wie in der Kirche“, habe ich vor nun über 20 Jahren immer wieder anlässlich meiner Diavorträge erzählt. Auch von dem blinden Johann aus Oberhausen, den ich in meiner späteren Jugendzeit an einem Maienabend, als es schon dunkel war, im Rheinwald kennen lernte - seine beiden Schwestern hatten ihn mit hinausgenommen, damit er „ein bisschen auf die Vögele horchen konnte“ - habe ich früher oft berichtet. Dass sich mir bei dieser nächtlichen Begegnung wieder voll die „Waldermahnung“ meines Vaters ins Bewusstsein einprägte, sage ich heute aber viel ungehemmter als vor 20 Jahren. Ja wirklich, es war auch nicht immer und überall so selbstverständlich, zum Beispiel von dem einst erquickenden Rheinwasser zu erzählen, in das wir uns als Heranwachsende Sonntag für Sonntag den ganzen Sommer hindurch hinein stürzten. Und schon gar nicht von der heilenden Kraft des fließenden Wassers, in dem wir Buben uns meistens die eitrigen Wunden an den Beinen ausgewaschen haben. Eitrige Wunden hatten wir meistens von dem rostigen Stacheldraht, der in der Zeit des Krieges überall im Rheinwald herumlag. Weil wir damals im Sommer mit unseren Schuhen sparsam umgehen mussten, gingen wir nicht nur in die Schule und in die Kirche barfuß; und so zäh wie Leder war die Haut an unseren Beinen halt doch nicht. „Gand an dr Bach un wasch die Plätzer üs, s laifig Wasser heilt“, hat es oft geheißen.

Der Wald aber war in früheren Zeiten für die Dörfer dem Rhein entlang ein Gemarkungsteil, den man zum Leben genauso benötigte wie das Ackerfeld und die Matten. Er gehörte zum Dorf. Er half im Winter die Stube wärmen und lieferte manchem Handwerker den Werkstoff. Mein Nachbar, der Krumholz (Wagner), kaufte sich alljährlich einige Eschen, Eichen, Rüster und Akazien.
Mein Großvater holte sich an den Holztagen (Mittwoch und Samstag), wenn es irgendwie möglich war, eine „Tragwelle“ Leseholz. Das gibt es zwar heutzutage nicht mehr, aber bei den Brennholzversteigerungen geht es wieder so hitzig zu wie in meinen Jugendjahren. Warum erzähle ich denn dies alles? Natürlich will ich damit zeigen, wie und warum man in einem Stückchen Landschaft echt verwurzelt sein kann. Ich weiß auch, dass manch einer sich auf ähnliche Erlebnisse zu besinnen weiß. Ob dabei wohl jeder ein gutes Gewissen hat?
Dass es so etwas wie ein Gewissen gegenüber unserem Lebensraum heute wieder mehr denn je gibt, erscheint mir trotz aller immer noch zu Tage tretenden Gleichgültigkeit als ein Zeichen der Hoffnung. Ein sicheres Indiz dafür ist gerade die große Zahl junger Leute, welche zu echtem alternativen Leben bereit sind und mit Freuden die Opfer auf sich nehmen, die zum Beispiel ein eigener Garten oder ein Haustier verlangen.

Aber ich wollte auch etwas von Indianern erzählen: Es war im Herbst 1976, als der Sprecher seines Stammes, Clyde Bellecourt, im Rahmen einer Veranstaltung der Volkshochschule Wyhler Wald in einer packenden Rede uns von dem in die Natur eingebetteten Leben seines Volkes erzählte. Er berichtete aber auch davon, wie dem indianischen Volk dieses Leben schwer gemacht wird, zum Beispiel würden junge Indianerinnen ohne ihre Zustimmung und völlig ohne ihr Wissen in den Kliniken der Weißen sterilisiert.
Am Tag nach seiner Rede war „Donner vor dem Sturm“ - so heißt Clyde Bellecourt mit seinem indianischen Namen - bei Carola Bury zum Essen eingeladen und ich durfte ihm danach unsere Heimat am Kaiserstuhl und Rhein, also das Land des Stammes der Alemannen zeigen. Diese paar Stunden sind für mich ein unvergessliches Erlebnis geblieben. Clyde erzählte mir dabei vieles von Sitten und Gebräuchen, die bei den Indianern nicht etwa ihrer selbst wegen gepflegt werden, sondern sie gehören voll und ganz zum täglichen Leben der Indianer.
Auf die Jagd geht zum Beispiel ein Indianer nur, wenn er ein Tier töten will, dessen Fleisch er für den Lebensunterhalt benötigt. Er darf aber erst zur Jagd aufbrechen, nachdem er sich in Form eines Rituals bei dem Tier, das er jagen will, entschuldigt hat, dafür, dass er es nun töten muss. Dabei verspricht er dem Tier, dass alles von seinem Körper eine Verwendung finden wird und überhaupt nichts verdorben werden darf. Dass sein Fleisch alles vom Menschen verzehrt wird, dass die Haut ihre Verwendung findet, ja, dass selbst aus den Knochen noch Gegenstände für den täglichen Gebrauch hergestellt werden.

Welch eine Einstellung zum Lebendigen!
Mir war es, als stände Häuptling Seattle vom Stamme der Duwamisch persönlich vor mir. Er hat im Jahre 1855 in einer Rede an den Vertreter der Vereinigten Staaten unter anderem Folgendes gesagt: „Die Erde gehört nicht den Menschen - der Mensch gehört der Erde. Der Mensch schuf nicht das Gewebe des Lebens, er ist darin nur eine Faser. Was immer ihr dem Gewebe antut, das tut ihr Euch an ...“
Nun würde ich den geneigten Leser gern fragen, ob es hier nicht am Platz ist, die Frage nach geistigen Zusammenhängen zwischen uns und dem in einer noch wirklich echten Kultur stehenden indianischen Volk aufzuwerfen. Wir können diese Frage aber auch in einfacherer Form angehen, nämlich: Waren wir in der Zeit vor 35 Jahren, als wir den „Segen“ von Wirtschaft und Technik noch nicht in dem heutigen Maße genießen konnten, nicht zwangsläufig auch dieser indianischen Denkweise noch sehr nahe? Wäre es wirklich ein Rückschritt, wenn wir auf einen großen Teil von unserem heutigen, nicht lebensnotwendigen Luxus verzichten müssten? Gibt es nicht geradezu enge Parallelen zwischen dem geistigen Wesen der Indianer und meinen Jugenderlebnissen auf der Gemarkung meines Heimatdorfes?

Im vergangenen Herbst (1981) hatten wir nun wiederum Indianerbesuch. Helga Meier-Frank vermittelte uns den Häuptling der Oglala Sioux, Red Shirt (Rotes Hemd).
„Rotes Hemd“ berichtete uns, dass auch seine Heimat, die Black Hills, ein Opfer der Atomindustrie werden soll. Die amerikanische Regierung wolle dort vor allem in großem Maße nach Uran, aber auch nach Kohle schürfen. Auch "Rotes Hemd" durfte ich unser schönes Land am Kaiserstuhl und Rhein zeigen. Auf dem Weg von der Natorampe zum KKW-Gelände erzählte ich ihm ein Erlebnis, das ich mit meinem Vater und dessen Freund im Sommer 1945 im dortigen Bereich hatte:
Ich war damals knapp 14 Jahre alt. Weil wir im Winter 1944 - 1945 evakuiert waren, konnten wir uns nicht mit Brennholz für den kommenden Winter versorgen. Und so bekamen der Glaser Toni und mein Vater vom hiesigen Gemeindeforstwart ein Stück Schlagraum angewiesen, das aus zerschossenen Bäumen und Kronen bestand. Es war schon eine richtige Schinderei, - Holz machen mitten im Hochsommer. Ich erinnere mich noch ganz gut an die Gespräche, die mein Vater und der Toni miteinander führten. Sie waren der Zeit entsprechend und die bange Frage, wie es nun weiter gehen wird, nachdem der Krieg zwar beendet, aber doch noch keine Friedenszeit eingekehrt war, stand fast den ganzen Tag zwischen dem Gesumme der Rheinschnaken und dem späten Gesang der Mönchsgrasmücke.
Dann aber, auch an einem schon recht warmen Vormittag, höre ich den Toni zu meinem Vater sagen: „Albert awer jetz isch schint`s doch d` Krieg ganz fertig, d` Amerikaner han a Bumba uf Japan gworfa, wu alles rüppis un- stüppes kapütt gmacht hett. - a Atombomba“, und er zeigte meinem Vater die Zeitung, welche er am Tag zuvor durch Zufall bekommen hatte, damit er es auch lesen konnte.

Bei Gott, es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde und den Menschen, die wir nicht ergründen können. 30 Jahre nach der damaligen sommerlichen Holzhauerei waren die Söhne meines Vaters, also der Julius und ich wieder genau in demselben Holzschlag tätig - als Platzbesetzer.
„Rotes Hemd“ lasen wir dann noch im letzten Licht des Tages Manfred Marquardts letztes Werk vor: „Das Märchen vom weißen Mann“. Wir konnten es aber nicht fertig lesen, ein Gewitter zog auf, es blitzte und krachte auf eine für die Zeit des 6. Oktober recht ungewöhnlich heftige Art.
„Rotes Hemd“ wertete dieses Gewitter als das Zeichen eines großen Augenblicks an einem besonderen, bedeutenden Ort.

Wyhl im Vorfrühling 1982: in unseren Gärten blühen Winterling und Schneeglöckchen,
am Kaiserstuhl der Seidelbast und im Rheinwald stäubt die Haselnuss.

Quelle: Wyhl, der Widerstand geht weiter. Der Bürgerprotest gegen das Kernkraftwerk von 1976 bis zum Mannheimer Prozess. Dreisam-Verlag Freiburg 1982, ISBN 3-921472-30-X










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Dieser Artikel wurde 2592 mal gelesen und am 22.7.2014 zuletzt geändert.