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Nationalpark Nordschwarzwald: Angstkampagnen wie vor 140 Jahren

03.05.2012

Nationalpark


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Nationalpark Nordschwarzwald: Die gleichen Ängste und Interessen wie vor 140 Jahren

"Anfangs mussten die Naturschützer gegen erheblichen Widerstand kämpfen. Industrielle fürchteten um ihren Zugang zu Wasser- und Holzschätzen. Freiheitsliebende Bürger und Politiker störten sich an dem großen Einfluss der Regierung. Parlamentarier in Washington und in den neuen Bundesstaaten schien die wirtschaftliche Expansion ihrer Nation zunächst wichtiger als die Bewahrung der Natur."

So berichtete die Badische Zeitung am 01. Oktober 2011 über den Widerstand gegen den ersten amerikanischen Nationalpark im Yellowstone-Gebiet im Jahr 1872.

140 Jahre später ist Amerika stolz auf diesen und viele andere Nationalparks. 140 Jahre später gibt es endlich Überlegungen und Planungen für einen ersten Nationalpark im Nordschwarzwald, ein kleiner Nationalpark für die "Restnatur" in der zersiedelten, zerschnittenen, auf- und ausgeräumten Landschaft in Baden-Württemberg. Und wieder gibt es finanzstarke Lobbygruppen dagegen und die fast gleichen, 140 Jahre alten Argumente. Insbesondere die Lobbyisten und Vertreter der Sägewerke und der Holzindustrie und der Waldbesitzer kritisieren die Nationalparkpläne der neuen Landesregierung. Der Slogan der gut organisierten Nationalparkgegner lautet: "JA zum Wald – NEIN zum Nationalpark Nordschwarzwald", doch das "Ja zum Wald" ist wohl eher ein "Ja zum Holz"... Die Sägewerke im Schwarzwald stecken aus ganz anderen Gründen in einer tiefen Krise. Ein Sündenbock Nationalpark bietet sich da an um abzulenken. Die ökonomischen Interessen der Natinalparkgegner bekommen natürlich noch ein "grünes Mäntelchen".

Der "umstrittene" Nationalpark Nordschwarzwald soll eine Mindestfläche von ca. 10.000 Hektar (100 Quadratkilometer) umfassen. Der tägliche Flächenverbrauch in Deutschland liegt bei ca. 100 Hektar am Tag. Der Park hätte also die Fläche die in Deutschland in hundert Tagen bebaut, zersiedelt, entwertet und zerstört wird...

Axel Mayer, Bund Geschäftsführer





Die gut organisierte Gegner des Nationalparks
"Rund 75.000 Flyer sind inzwischen unters Volks gebracht, 100 Großplakate - allein 24 in der Touristenhochburg Baiersbronn - aufgestellt, 50.000 Autoaufkleber produziert, fast 11.000 Unterschriften sind bereits gesammelt. Ein Spendenaufruf für diese Materialschlacht war nicht nötig, die Finanziers der Interessengemeinschaft aber halten sich bedeckt.
"Warten auf das Gutachten wäre taktisch unklug", sagt Andreas Fischer. Der Mann im blauen Hemd mit dem gepflegten Kinnbart ist Sprecher eines "losen Strategiekreises", der sich als Vordenker der Interessengemeinschaft versteht. Sie liefert plakative Argumente gegen einen Nationalpark. Auf sachliche Diskussionen, etwa auf den Veranstaltungen der Regierung, will sich der Geschäftsführer einer Verlags- und Beratungsgesellschaft in Baden-Baden nicht einlassen. Für ihn sind diese "eine Strategie der Verwirrung, bei der versucht wird, Laien mit wissenschaftlichen Argumenten zu übertölpeln".

Fischer setzt auf Gefühle. Diese Strategie habe ihm eine 72-Jährige bestätigt, die ihm sagte: "Ein Nationalpark ist Verrat an der Heimat." Die Regierung versuche, mit Steuermitteln für ihr "politisch-ideologisches Ziel" zu werben und verschwende das Geld auch noch für ein angeblich neutrales Gutachten. Die IG werde sich so lange einem Dialog verweigern, solange es ausschließlich um einen Nationalpark gehe. "Wir reden nur über Alternativen." Einen Naturschutz Plus etwa statt der befürchteten Ökodiktatur.

Ein Nationalpark ist für Fischer die "radikalste Form des Naturschutzes". Das sei "reiner Egoismus". Die Menschen müssten Nutzungseinschränkungen hinnehmen."

Kurzer Auszug aus einem lesenswerten Beitrag der Stuttgarter Zeitung vom 04.01.2012



Nationalpark Nordschwarzwald: Die BUND Position


Der erste baden-württembergische Nationalpark wird von Naturschützerinnen und Naturschützern schon lange herbei gesehnt – schließlich haben fast alle Flächenländer mindestens einen Nationalpark. In diesem April stand der Nationalpark dann in der Koalitionsvereinbarung der neuen Landesregierung. Nun ist diese in die Offensive gegangen, hat einen Beteiligungsprozess in der Region initiiert und will in einem sozioökonomischen Gutachten die Bedenken und Sorgen gegen einen Nationalpark aufgreifen. Mancherorts schlagen die Wogen dennoch hoch und gerade vor Ort gibt es Skepsis und lautstarken Widerstand. Der BUND erklärt, warum er im Nationalpark eine große Chance für die Natur, aber auch den Tourismus in der Region sieht.

Was bringt der Nationalpark der Natur?
Landesweit und auch im Schwarzwald gibt es viel zu wenig Bannwälder, wo der Wald sich selbst überlassen bleibt. Die Einrichtung eines Nationalparks bietet die Chance, diese Quote ein wenig zu verbessern. Es ist nachgewiesen, dass in dauerhaft unbewirtschafteten Wäldern eine größere Artenvielfalt herrscht als in Wirtschaftswäldern. Der BUND fordert wie die Bundesregierung in ihrer „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ 5 % Anteil Bannwälder an der Waldfläche, damit die Vielfalt der Pflanzen, Pilze und Tiere erhalten werden kann und seltene Arten nicht aussterben. Vom 5 %-Ziel ist Baden-Württemberg meilenweit entfernt: nur 0,7 % der Waldfläche sind als Bannwald bzw. Kernzone des Biosphärengebiets ausgewiesen. Der Nationalpark würde diesen Anteil auf 1,2 % erhöhen.

Bereits jetzt gibt es in der Region, die für den Nationalpark in Frage kommt, rund 1.000 Hektar Wald, die nicht mehr genutzt werden, darunter die Bannwälder Altlochkar-Rotwasser, Wildseemoor und Wilder See. Auf diesen Flächen, die sich teilweise schon seit 100 Jahren frei entwickeln dürfen, kann man heute schon erleben, was einen künftigen Urwald ausmacht: Ruhe und Urtümlichkeit, ganz junge Bäume neben alten Baumriesen, auch tote Bäume, stehend oder umgestürzt. Für viele Tiere und Pflanzen ist das ein Eldorado. Auerhuhn, Dreizehenspecht, Sperlingskauz und viele andere seltene Vogelarten finden hier gute Lebensbedingungen. Dutzende Holzkäfer-, Spinnen-, Moos- und Pilzarten können nur hier und nicht im Wirtschaftswald existieren, weil dort das Alt- und Totholz fehlt. Der Nationalpark würde die jetzigen Bannwälder verbinden und vergrößern und dadurch diesen und weiteren seltenen Arten noch bessere Lebensmöglichkeiten bieten.

Auch ein Nationalpark
ist genau wie die Umgebung Stürmen ausgesetzt, die unvorhersehbare Auswirkungen haben und durch Windwürfe Löcher reißen oder ganze Waldbestände zu Boden bringen können und dadurch viel Licht in den Wald bringen. Auch das gehört zu den natürlich-dynamischen Prozessen in einem Nationalpark, genau wie der neue Wald, der sich allmählich von allein auf den Windwurfflächen entwickelt.

Was bringt der Nationalpark für Erholung und Tourismus?
Nationalparke bieten spannende Naturerlebnisse, die so in anderen Gebieten nicht zu finden sind. Die Alternative – weitere Bannwälder – wären bei Weitem nicht so ein Magnet für den Tourismus. Nationalparke werden – richtig geführt – von der Landesregierung mit einer guten Infrastruktur für den Naturtourismus ausgestattet, wie es andernorts nicht ohne Weiteres möglich ist. Zu dieser Infrastruktur zählen Informationszentren mit attraktiven Ausstellungen, besondere Naturerlebnisangebote und gut ausgestattete Wege für alle, die sich leise durch die Landschaft bewegen beim Wandern, Reiten, Fahrradfahren, Lang- oder Schneeschuhlaufen. Deshalb gibt es einen speziellen Nationalparktourismus: Gäste, die nur oder auch wegen des Nationalparks eine bestimmte Region besuchen. Dies lässt sich anhand der Besucherzahlen in anderen Nationalparken belegen. Gute Chancen für die Region Nordschwarzwald und die Hotels, Gaststätten, Ferienhöfe und Pensionen im Naturpark Schwarzwald Mitte/Nord!

Was ist ein Entwicklungsnationalpark?
Wie in jedem Nationalpark wird auch im Entwicklungsnationalpark die Natur auf großer Fläche sich selbst überlassen. Allerdings nicht sofort auf ganzer Fläche, sondern endgültig erst nach 20-30 Jahren. Bis dahin werden fichtendominierte Forste hin zu naturnäheren Waldbeständen mit mehr Buche und Tanne umgebaut. Die gefällten Fichten können in der Holzwirtschaft verwertet werden, so dass dort in den ersten Jahrzehnten keine Einbußen an Holzmengen zu befürchten sind. Die langfristigen Einbußen sind im Vergleich zur Holzerntemenge im Nordschwarzwald sehr gering.
Durch den geplanten Waldumbau und das Randzonenmanagement ist Borkenkäfer-Befall an Fichten gut begrenzbar, so dass großflächig abgestorbene Fichtenbestände auch innerhalb des Nationalparks vermeidbar sind. Einzelne „Käferlöcher“ dagegen beschleunigen auf natürliche Weise den Waldumbau. Besitzer von außerhalb des Nationalparks gelegenen Wäldern können ebenfalls beruhigt sein: Bei gutem Management kann Borkenkäfer-Befall über den im Wirtschaftswald üblichen Umfang hinaus ausgeschlossen werden – das zeigen die Erfahrungen mit anderen Nationalparken.

Warum im Nordschwarzwald?
Der Nordschwarzwald ist die einzige Region in Baden-Württemberg in Baden-Württemberg, die für einen Nationalpark geeignet ist. Nur hier treffen die zwei wichtigen Kriterien „Unzerschnittene Verkehrsarme Räume über 100 km2“ und „großflächiger Staatswaldbesitz“ zusammen. Denn es sollen keine Privatwaldflächen in Anspruch genommen werden und nur Kommunalwälder, die die Städte und Gemeinden freiwillig zur Verfügung stellen.


  • Hier geht´s zur Internetseite des Freundeskreis Nationalpark Nordschwarzwald
  • Hier finden Sie Informationen zu den Themen Biodiversität, Artenvielfalt und Naturschutz am Oberrhein: Große Gefährdungen & kleine Chancen


(In Kürze finden Sie hier mehr Hintergrundinfos zum Thema...)


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Dieser Artikel wurde 942 mal gelesen und am 7.5.2012 zuletzt geändert.