Eine mit dem Unfall von Tschernobyl durchaus vergleichbare Katastrophe für die Menschheit ist jedes Land, das mit Hilfe der so genannten friedlichen Nutzung der Atomenergie zum Atomwaffenstaat wird.Axel Mayer
Der politisch mehr als instabile Atomwaffenstaat Pakistan ist in der permanenten Krise. Das Mordattentat auf Benazir Bhutto im Dezember 2007 zeigte dies mehr als deutlich. Ein Umsturz würde zu einer sofortigen, massiven Intervention der USA führen. Die Atombewaffnung des Landes zeigt mehr als deutlich die Gefahren, welche die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie mit sich bringt. Dennoch wird dieses Thema in Deutschland gerne verdrängt, denn die Atomindustrie will Gefahrzeitverlängerung für die alten AKW und langfristig auch neue Reaktoren bauen. Wieder einmal sollen die Energieprobleme der Welt und das Klimaproblem mit Hilfe des „friedlichen Atoms“ gelöst werden. Der neue Europäische Druckwasserreaktor EPR soll zum Exportschlager werden. Es ist unverantwortlich wenn Herr Sarkozy sich als weltweiter Atom-Dealer betätigt und den Stoff für Atomkraftwaffen exportiert.
Doch das pakistanische Beispiel zeigt mehr als deutlich die bedrohlichen Zusammenhänge zwischen Atomkraftwerken und Atomwaffen.
Hintergrundinformation: Die Pakistanische Atombombe
1965: Inbetriebnahme des ersten „Forschungsreaktors“. Gleichzeitige Erklärung von Außenminister Bhutto, „einer indischen Atombombe eine eigene entgegen zu setzen“
1972: Energiegewinnung durch pakistanisches AKW. Parallel dazu ständig Versuche die pakistanische Atombombe zu entwickeln
Über Urananreicherung und Plutoniumgewinnung (mit chinesisch-deutscher Hilfe) erreicht Pakistan dieses Ziel
Seit Beginn der 90er Jahre produziert Pakistan jährlich hochangereichertes Uran für ca. 3 bis 4 Atombomben
1992: Erklärung der Regierung, über eine Atombombe zu verfügen
1998: erster pakistanischer Atomwaffentest
Im Jahr 2006 gab es erneut beuruhigende Informationen.
Pakistan baut US-Nuklearexperten zufolge gerade an einem Reaktor, mit dem das Land sein Atomwaffen-Arsenal enorm aufstocken könnte. Mit der Nuklearanlage könnte Pakistan pro Jahr Plutonium für bis zu 50 Atomwaffen produzieren, heißt es in dem Bericht des US-Instituts für Wissenschaft und Internationale Sicherheit, der am Montag im Internet veröffentlicht wurde. Der Zeitung "Washington Post" zufolge kann das Land derzeit nur rund zwei Sprengköpfe pro Jahr atomar bestücken.
Die Zeit“ berichtete am 12.02.2004 "Nun ist es wieder so weit, denn Pakistan ist wegen Proliferation, also wegen der Weitergabe von Kernwaffentechnik, ins Scheinwerferlicht geraten. Sein Nationalheld Qadir Khan steht am Pranger, und General Gul sitzt in seinem frühlingswarmen Garten und wartet darauf, dass er interviewt wird. Seine Worte sind von Gewicht, immerhin war er von 1987 bis 1989 Chef des allmächtigen Geheimdienstes ISI. „Keine Bombe ist eine gute Bombe!“, sagt Gul, fügt dann jedoch etwas hinzu, das wie ein Gruß aus der Hölle klingt: „Aber es gibt auch den Willen zu überleben. Wer überleben will, der folgt dem Gesetz der Notwendigkeit.“
Diesem Gesetz hat Pakistan nach Auffassung Guls gehorcht, als es in den siebziger Jahren begann, sich illegal die Technik und das Wissen zum Bau der Atombombe zu beschaffen. Damals kehrte ein Metallurg namens Qadir Khan aus Holland zurück und brachte Unterlagen der Firma Urenco mit, die er hatte mitgehen lassen: Design für Gaszentrifugen, mit denen sich die Zusammensetzung von Uran so verändern lässt, dass es zum Kernsprengstoff wird. „Er bot uns diese Möglichkeit an“, erinnert sich ein ehemaliger hoher Beamter des Außenministeriums, der nicht mit Namen genannt werden will. Die Regierung griff zu.
Mehr als 20 Jahre später, am 28. Mai 1998, zündete Pakistan seine erste Atombombe. Ein Feiertag für die Nation – und der Tag der Geburt des Nationalhelden Doktor Qadir Khan. Er schien ein für alle Mal die Existenzangst der pakistanischen Nation beseitigt zu haben. Nun mochte der übermächtige Gegner Indien ruhig drohen, Krieg führen konnte er nicht mehr. Das war das Ziel gewesen." Zitatende
Gegen Atomkraftwerke und Atomwaffen
Ein schwerer Atomunfall im AKW Fessenheim, Biblis, Leibstadt oder anderswo kann einen Teil Zentraleuropas dauerhaft entvölkern und hunderttausende von Opfern fordern. Explodieren wie eine Atombombe können diese Atomkraftwerke aber nicht. Atomexplosionen sind „nur“ bei einem Plutoniumreaktor vom Typ „schneller Brüter“ möglich.
Dennoch gab und gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der sogenannten zivilen Nutzung der Atomenergie und der Atombombe, auch wenn Atomwirtschaft, Energieversorgungsunternehmen, wie EnBW, e.on, RWE, Vattenfall und Atomparteien versuchen, diesen Zusammenhang zu leugnen oder herunterzuspielen. Nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki begann die weltweite Kampagne „Atome für den Frieden“, die von den unmenschlichen Folgen dieser Kriegsverbrechen ablenken sollten.
Auch hinter dem gefährlichen Traum von der so genannten „friedlichen“ Nutzung der Atomenergie in Frankreich, Deutschland und der Schweiz stand ursprünglich der Wunsch nach eigenen, nationalen Atomwaffen. Heute wird die Welt von den Atomwaffen der folgenden Staaten bedroht:
USA
US-Atomwaffen in Europa (NATO)
Großbritannien
Frankreich
Russland
China
Indien
Pakistan
Israel
Nordkorea
Unter Verdacht, Atomwaffen zu besitzen oder zu bauen, steht der
Iran
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden weltweit erfreulich viele Atomwaffen abgerüstet. Doch mit dem „modernisierten“ verbleibenden „Rest“ könnte die ganze Menschheit immer noch mehrfach ausgerottet werden. Die Überlegungen der Militärs in den USA, mit so genannten kleinen Atombomben (Mininukes) beschränkte Kriege zu führen, verstärkt die Gefahr eines weltweiten Atomkrieges erneut. Gerade der aktuell diskutierte Entwurf für eine neue Verteidigungsdoktrin der USA enthält die Forderung für den Einsatz von Nuklearwaffen. Massenvernichtungswaffen sollen demnach präventiv zur Abschreckung vor der Nutzung von Massenvernichtungswaffen dienen. Um so deutlicher muss die Forderung sein, Atomwaffen weltweit abzuschaffen. In Deutschland heißt das zuerst die verbliebenen amerikanischen Atomwaffen an den US-Stützpunkten Rammstein und Büchel nicht mehr länger zu dulden und zu verschrotten. Über 60 Jahre nach Kriegsende sollten die Unterwerfungsgesten gegenüber den USA endlich abgestellt werden.
Doch dann bleiben immer noch die Atomkraftwerke,
die mit längerer Laufzeit immer unsicherer und gefährlicher werden. Bei einem Unfall, einem Flugzeugabsturz oder einem jederzeit möglichen terroristischen Anschlag auf ein großes AKW würde die Radioaktivität vieler hundert Hiroshima-Bomben freigesetzt. Das noch größere Problem ist die Gefährdung allen Lebens mit der weltweiten Verbreitung von Atomkraftwaffen durch den Bau von Atomkraftwerken, Urananreicherungsanlagen und dem Schwarzmarkt für Plutonium. Wieso haben Länder wie Pakistan und Israel Atomwaffen? Weil sie mit Hilfe der „friedlichen Nutzung der Kernenergie“ Mittel und Wege gefunden haben, Atomkraftwaffen zu bauen. Und jedes alte und neue AKW (auch der neue Siemens Euroreaktor EPR) vergrößert die Gefahr für den Weltfrieden. Deutlich wird diese Gefahr auch beim Streit um das iranische /nordkoreanische Atomprogramm und die iranische /nordkoreanische Atombombe. Doch der erhobene Zeigefinger gilt nicht, wenn hinter diesem Zeigefinger eigene Atomwaffen, AKW und Urananreicherungsanlagen stehen. Woher kommt die Anmaßung der Atomstaaten, anderen Ländern das verbieten zu wollen, was sie selber haben? Wie der Kolonialismus lässt sich eine weltweite atomare Zweiklassengesellschaft auf Dauer nicht aufrecht erhalten. Wer im eigenen Land AKW betreibt, Atomkraftwerke länger laufen lässt, wer heimlich auf den Bau neuer Siemens Druckwasserreaktoren spekuliert, liefert dem Rest der Welt gute Gründe, neue Atomkraftwerke und Atomwaffen zu bauen, fördert die Proliferation und gefährdet so diesen Planeten und alles Leben. Auch AtomstrombezieherInnen tragen hier eine Mitverantwortung. Bei den Atomwaffen zeigt sich auch die Schizophrenie der UNO-Organisation IAEO / IAEA.
Die IAEO ist eine geschickt aufgebaute Tarnorganisation der Nuklearindustrie. Das Ziel der IAEO wurde bei der Gründung folgendermaßen definiert: "Ziel der Organisation ist es, den Beitrag der Atomenergie zum Frieden, zur Gesundheit und zum Wohlstand auf der ganzen Welt rascher und in größerem Ausmaß wirksam werden zu lassen. Sie stellt soweit als möglich sicher, dass die von ihr geleistete Hilfe nicht zur Förderung militärischer Zwecke verwendet wird."
Einerseits soll sie die militärische Nutzung der Atomkraft verhindern, andererseits fördert die IAEO als UNO-Organisation aber indirekt die Proliferation, die Weiterverbreitung von Atomwaffen durch den Bau von AKW in immer mehr Ländern. Die Entscheidung im Nobelpreiskomitee, der IAEO / IAEA 2005 den Friedensnobelpreis zu verleihen, war eine groteske Fehlentscheidung. Das Nobelpreiskomitee hat den atomaren Bock zum Friedensgärtner gemacht. Das pakistanische Beispiel zeigt: Atomkraftwerke und Atomwaffen sind die jeweils andere Seite der gleichen Medaille, auch wenn die PR-Industrie der Atomlobby alles versucht, diesen Zusammenhang zu leugnen.
Axel Mayer
(Sie haben sich in diesem Beitrag über den ungewöhnlichen Begriff der Atomkraftwaffen gewundert? Er führt zusammen, was zusammen gehört und was eine geschickte Werbung zu trennen versucht)
Die offenen Stellen im Netzwerk des Herrn Khan Deutsche Mittelsmänner lieferten Atomtechnik unter anderem an den Iran — und der US-Geheimdienst mischte mit und ließ in der Schweiz die Beweise vernichten
Seit dem 15. Dezember 1975 ist die Welt etwas unsicherer geworden. An diesem Tag stieg in Amsterdam Abdul Qadeer Khan in ein Flugzeug, das in Richtung Pakistan startete. Anders als in den Jahren zuvor begab sich der Atomwissenschaftler aber nicht auf eine Ferienreise in seine alte Heimat, um dann im Januar an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Denn Khan hatte seine Mission erfüllt. Im Gepäck hatte er Konstruktionspläne für den Bau von Ultra-Gaszentrifugen, das fehlenden Puzzleteil für den Bau einer Atombombe. Abdul Qadeer Khan gilt heute als der "Vater der islamischen Atombombe" , er trägt den Beinamen als Ehrentitel.
Khan sei gefährlicher als Osama bin-Laden, sagte vor geraumer Zeit der damalige Direktor des US-Geheimdienstes CIA, George Tenet. Das liegt daran, dass er sich nicht damit begnügt, sein Heimatland zur Atommacht aufgerüstet zu haben, sondern dass er zahlreichen weiteren Potentaten und Nationen dazu verhelfen will. Libyen zum Beispiel oder auch dem Iran.
Was Khan in den vergangenen 30 Jahren allerdings auch feststellen musste, ist, dass es ganz ohne Technologie aus dem Westen nicht geht. Vor allem fehlt es an High-Tech-Röhren und -Vakuumpumpen zum Beispiel aus Deutschland. Doch die dürfen nicht ohne Genehmigung ausgeführt werden. Solche Verhältnisse sind das ideale Betätigungsfeld für Geschäftemacher, ein Terrain, auf dem sich rasch viel Geld verdienen lässt. In den illegalen Handel mit Atomtechnologie soll unter anderem der Deutsche Gotthard Lerch involviert gewesen sein, der derzeit in Stuttgart vor Gericht steht. Ein anderer, Gerhard Wisser, wurde bereits in Südafrika verurteilt. Und in der Schweiz wird gegen Friedrich, Urs und Marco Tinner ermittelt. Sie alle sollen einem Netzwerk um Khan angehört haben.
Im Oktober 2003 wurde die Welt wieder etwas sicherer. Auf dem Weg von Genua nach Libyen wurde das unter deutscher Flagge fahrende Containerschiff "BBC China" aufgebracht. An Bord: Röhren, wie sie für den Bau großer Gas-Zentrifugen benötigt werden. Sie sollten in Südafrika zusammengebaut und an Interessenten im Nahen und Mittleren Osten verkauft werden. In diesen Zentrifugen wird Uran extrahiert. Muammar el-Ghaddafi, Alleinherrscher im Wüstenstaat, war bloßgestellt, er zog aus der Pleite auf See moralischen Gewinn, indem er sein Atomprogramm einstellte. Seither ist er in der internationalen Gemeinschaft kein Aussätziger mehr.
Ausgelöst hatte den Aufgriff im Mittelmeer offenbar ausgerechnet Urs Tinner, der in der Schweiz in Haft sitzt. Für zehn Millionen Dollar soll Urs Tinner Informationen über Khans Atomprogramm an die CIA verkauft haben. Das enthüllte nun die New York Times unter Berufung auf Geheimdienstkreise. Mehr noch. Urs Tinner soll die CIA weiter bestens über die Pläne Khans informiert haben. Auch über das, was in den Atomfabriken im Iran geschieht. So sollen die Aufseher der Internationalen Atomenergiebehörde vor ihren Inspektionsreisen in den Iran von den Tinners stets bestens darauf vorbereitet worden sein, wonach sie eigentlich suchen und worauf sie achten sollen. In einigen Fällen sollen gar die Bauteile nicht direkt von den Herstellerfirmen, sondern von der CIA geliefert worden sein.
Im Mai dieses Jahres bekam in der Schweiz der Glaube an den Rechtsstaat einen Knacks. Nahezu beiläufig wurde im Verfahren gegen die Brüder Urs und Marco sowie den Vater Friedrich Tinner bekannt, dass ein Teil der Ermittlungsakten im November 2007 vernichtet worden waren. Und zwar auf Geheiß der Schweizer Bundesregierung, der Bundesrat. Ermittlungsakten, die die Verteidiger noch nicht gesehen haben, waren auf Drängen von Justizminister Blocher im Reißwolf gelandet. Akten, die möglicherweise entlastendes Material enthielten. 30 000 Seiten Dokumente, die eine Verurteilung erlauben oder einen Freispruch erzwingen können. Darf der Justizminister dergleichen? Die Verteidiger riefen das oberste Gericht an, weil Staatsanwälte eben nicht nur belastendes, sondern stets auch entlastendes Material zusammentragen müssen und nicht nach Gutdünken aussortieren dürfen. Allerdings waren die Akten nicht auf Anweisung der Bundesanwälte geschreddert worden. In einer Stellungnahme an das Bundesgericht äußerten die Bundesanwälte den Verdacht, "dass der Bundesrat seinen Entscheid zur Aktenvernichtung auf Drängen von amerikanischer Seite" getroffen habe.
Erschüttert wurde mithin auch der Glaube, dass die Schweiz ein souveräner Staat ist. Erinnerungen wurden wach an die Gefangenenflüge der CIA und die Verletzung der Schweizer Neutralität. Offizielle Lesart des Vorgangs wurde die Variante: Die Akten enthielten detaillierte Anleitungen für den Bau großer Zentrifugen sowie Atomwaffen. Diese dürften nicht weiterverbreitet werden.
Inzwischen wird deutlich, dass dies ein möglicher, aber sicher nicht der einzige Grund war. Vielmehr waren Vater und Söhne Tinner der CIA offenbar weit länger und besser zu Diensten als vermutet. Sie sollen nicht nur Details über die Pläne für die Atomanlagen im Iran verraten haben, dank ihrer Kooperation sollen auch Teile der Lieferungen manipuliert worden sein. Das deckt sich mit der Aussage Urs Tinners vor dem Untersuchungsrichter. Durch diese Sabotage sollte die Fertigstellung der Anreicherungsanlage verzögert werden. Mit der Aktenvernichtung wollten die USA verhindern, dass die Sabotage bekannt wird.
Friedrich Tinner (71) wollte sich zu dem Bericht nicht äußern. Er habe sich zu Stillschweigen verpflichtet. Seine beiden Söhne sitzen in Haft. Sie waren 2004 in Deutschland festgenommen und in die Schweiz ausgeliefert worden. Damit ging den Geheimdiensten ein Zugang zum iranischen Atomprogramm verloren.
Die neuen Erkenntnisse dürften aber auch in dem Prozess gegen Gotthard Lerch vor dem Stuttgarter Landgericht eine Rolle spielen. Der erste Prozess in Mannheim war geplatzt, weil die Ermittlungsakten zu viele Lücken aufwiesen. Quelle: Badische Zeitung vom Donnerstag, 28. August 2008
Dieser Artikel wurde 1674 mal gelesen und am 28.8.2008 zuletzt geändert.
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