Diese Seite ausdrucken

Fessenheim: Radioaktives Gas ausgeströmt

27.09.2010
Sie finden auf dieser Seite (von oben nach unten):
  • Die Presseerklärung des BUND vom 27.9.2010
  • Die Presseerklärung des BUND vom 28.9.2010 als Reaktion auf die Presseerklärung des Regierungspräsidiums Freiburg
  • Der offene Brief und der Fragekatalog von "Sortir du nucléaire" an die ASN
  • Eine provisorische Übersetzung der Presseerklärung der ASN





50 Kubikmeter radioaktives Gas im AKW Fessenheim ausgetreten
Verschleiernder Unfallbericht durch französische Behörden


Bei einem "Störfall"
am 24. August 2010 im französischen AKW Fessenheim wurden wieder einmal 50 Kubikmeter radioaktiver Gase "freigesetzt" wie die staatliche ASN (Autorité de Sûreté Nucléaire) auf ihrer Homepage meldet. Die Meldung der ASN ist vom 30 August 2010. Es ist erschreckend, dass diese Meldung bisher in Deutschland nicht "angekommen" ist. Waren das Regierungspräsidium und die deutschen Medien informiert?
(Nachtrag: Das Freiburger RP war zwar informiert, hat die Meldung aber nicht weitergegeben. So eine Meldung passt einfach nicht in eine Zeit in der die vorgesetzte Landesregierung für die Gefahrzeitverlängerung von AKW trommelt.)

AKW Fessenheim: Der Schornstein zur Abgabe von Radioaktivität

Es ist uns nicht klar,
was der folgende Satz der ASN Erklärung bedeutet: "Die Zerfallsaktivität der radioaktiven Abgase aus dem Reservoir wurde vor dem Entweichen nicht gemessen." Wenn dies bedeutet, dass die Radioaktivität unkontrolliert von allen Messgeräten entwich, dann wäre das noch ein Skandal und eine gezielte Verschleierung der Dimension des Unfalls. Die zentrale und absolut wichtige Angabe zur Menge und „Qualität“ der ausgetreten Radioaktivität fehlt erstaunlicherweise in der Meldung. Dies kann auch eine großräumige Belastung oder einen überschaubaren Unfall bedeuten. Die Auswertung und Bewertung des Unfalls lag später beim Betreiber EDF... Das natürliche Interesse der EDF an einer „objektiven Bewertung“ solcher Unfälle kennen wir. Selbst wenn die ausgetretene Radioaktivität möglicherweise unter den skandalös hohen Grenzwerten liegt, kann doch jede zusätzliche Strahlung Krebs auslösen. Die Meldung zeigt auch wieder einmal, wie im so genannten Normalbetrieb Radioaktivität gezielt abgegeben wird. „Wie bei allen kerntechnischen Anlagen, produzieren die Reaktoren in Fessenheim radioaktive Abfall-Gase, die in Behältern gelagert werden, um ihren Zerfall zu kontrollieren, bevor sie in die Atmosphäre ausgeleitet werden.“

Die unglaublichen hohen Grenzwerte für erlaubte Radioaktivitätsabgabe des Atomkraftwerks Fessenheim liegen bei 925 Milliarden Becquerel/Jahr für radioaktives Material und 74.000 Milliarden Becquerel/Jahr für Tritium (Quelle: Eine ältere dpa-Meldung). Bei der Festlegung solcher überhöhten Grenzwerte wurden mögliche Unfälle schon eingeplant. Kein Wunder wenn die Grenzwerte, außer bei Katastrophen, immer "schön" eingehalten oder weit unterschritten werden.


Aus einer Studie,
die das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) im Dezember 2007 veröffentlichte, geht hervor, dass die Häufigkeit von Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren mit der Nähe zum Reaktorstandort deutlich zunimmt. Die Studie mit Daten von über 6.000 Kindern liefert die bislang deutlichsten Hinweise auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken. Das Risiko ist demnach im 5-km-Radius für Kinder unter fünf Jahren um 60 Prozent erhöht, das Leukämierisiko um etwa 120 Prozent. Im Umkreis von fünf Kilometern um die Reaktoren wurde für den Zeitraum von 1980 bis 2003 ermittelt, dass 77 Kinder an Krebs erkrankten, davon 37 Kinder an Leukämie.

In der Werbung der Atomkonzerne
werden Atomkraftwerke häufig als "abgasfrei" bezeichnet. Doch Atomkraftwerke geben auch im so genannten Normalbetrieb über den Kamin, das Maschinenhaus und das Abwasser radioaktive Stoffe an die Umwelt ab. Jede noch so geringe radioaktive Strahlung kann Krebs auslösen.

Der akute Vorfall bestätigt die Sorgen der Öffentlichkeit vor den Risiken des altersschwachen AKW Fessenheim und gefahrzeitverlängerter Atomkraftwerke.
Die neue Fessenheimer Polizeitruppe konnte (wie zu erwarten war) die Öffentlichkeit auch nicht vor der radioaktiven Gefahr schützen.

Axel Mayer / BUND-Geschäftsführer



wichtige Links:
  • Fessenheim Infos: hier
  • Fessenheim Newsletter: hier
  • Krebs, Kinderkrebs und AKW: hier





BUND Presseerklärung
Störfall in Fessenheim: Viele offene Fragen
Weiß das Regierungspräsidium Freiburg mehr als die französischen Kontrollbehörden?


Bei einem Störfall am 24. August 2010 wurden im französischen AKW Fessenheim 50 Kubikmeter radioaktiver Gase "freigesetzt", wie die staatliche ASN (Autorité de Sûreté Nucléaire) auf ihrer Homepage meldete. Wie hoch die radioaktive Aktivität der entwichenen Gase war, schrieb und wusste die ASN nicht.

Das Regierungspräsidium Freiburg gibt jetzt Entwarnung und meldet, die entwichene Radioaktivität läge nur bei einem Bruchteil der erlaubten jährlichen Grenzwerte.

Bei der Festlegung der extrem hohen Grenzwerte zur Abgabe von krebserzeugender Radioaktivität in Fessenheim wurden mögliche Unfälle mit massiver Radioaktivitätsabgabe schon eingeplant. Kein Wunder, wenn die Grenzwerte, außer bei Katastrophen, immer "schön" eingehalten oder weit unterschritten werden.

Dennoch ist es erstaunlich, dass das Freiburger Regierungspräsidium scheinbar mehr weiß, als die staatliche ASN (Autorité de Sûreté Nucléaire). Diese schreibt auf Ihrer Homepage: „Die Zerfallsaktivität der radioaktiven Abgase aus dem Reservoir wurde vor dem Entweichen nicht gemessen.“ Weiter heißt es dort: „Die anschließende Auswertung, ausgeführt durch den Betreiber (EdF), zeigt, dass die kurze Freisetzung deutlich unter der in den Regularien festgelegten jährlichen Freigabegrenze lag.“ Nach diesen Aussagen der ASN müssen wir also annehmen, dass „erstaunlicherweise“ beim Austritt der Radioaktivität keine Messungen durchgeführt wurden. Die Interpretation des Unfalls lag dann bei der EDF, beim Betreiber des AKW Fessenheim und diese Konzerninformation landete schließlich beim RP. Das ist ungefähr so, als hätte der Staat den TÜV abgeschafft und die Autofahrer würden ihre Autos selber kontrollieren.

Es stellt sich die Frage, ob und warum die ständig gepriesenen Messgeräte nicht funktioniert haben? Waren sie ausgeschaltet oder defekt oder wurde doch gemessen?

Zentrale und objektive Informationen zur Bewertung des Störfalls fehlen und die Definitionsmacht liegt beim AKW-Betreiber. Doch eines ist klar: Jede noch so geringe radioaktive Strahlung kann Krebs auslösen.
Wir freuen uns, dass das französische Netzwerk "Sortir du nucléaire" versucht, den vielen offenen Fragen auf den Grund zu gehen und einen umfassenden Fragekatalog an die ASN gestellt hat. (Anlage)

Die demokratiegefährdende Verfilzung zwischen Kontrollbehörden, Energiekonzernen und Politik ist allerdings in Frankreich noch ausgeprägter als in Deutschland.

Axel Mayer BUND-Geschäftsführer




Transparenz bei der nuklearen Sicherheit?
"Sortir du nucléaire" : Offener Brief an die ASN


20. September 2010:

(...) Das Netzwerk "Sortir du nucléaire" fordert von der ASN (französische staatliche Atomenergie-Aufsicht) Rechenschaft über den Austritt von Radioaktivität, der im AKW Fessenheim, Oberrhein, stattgefunden hat.

Offener Brief an André-Claude Lacoste, Präsident der Behörde Reaktorsicherheit
Betrifft:
Austritt von Radioaktivität beim AKW Fessenheim


Sehr geehrter Herr Lacoste,

die Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) veröffentlichte am 30. August 2010 eine Meldung über einen Zwischenfall im Zusammenhang mit einem radioaktiven Leck im AKW Fessenheim, Oberrhein, am 24 August 2010 [1].

Unter Berufung auf die Verwaltungsvorschrift 2003/4/EG [2] über den öffentlichen Zugang zu Informationen betreffs der Umwelt und Artikel 18 des Gesetzes Nr. 2006-686 vom 13. Juni 2006 über die Transparenz und die nukleare Sicherheit, fordern wir Sie auf, uns weitere Informationen über diesen Austritt von Radioaktivität innerhalb der kommenden 30 Tagen ab Erhalt dieses e-mail zukommen zu lassen. Darüber hinaus erinnern wir daran, daß die ASN gemäß der Verwaltungsvorschrift 2003/4/EG verpflichtet ist, verständliche, exakte und vergleichbare Informationen zu liefern.

Doch Ihre Veröffentlichung über den Austritt von Radioaktivität am 24 August 2010 im AKW Fessenheim erscheint uns besonders undurchsichtig und im Widerspruch zu dem von der ASN behaupteten Anspruch auf Kompetenz, Transparenz und Klarheit. Beim Lesen ihrer Meldung über diesen Zwischenfall betreffs des Austritts von Radioaktivität scheint es uns, als habe die ASN weder vom Maß der Radioaktivität noch von den damit in Verbindung stehenden Radionukleiden Kenntnis gehabt, die durch das Leck verursacht wurden. Schlimmer noch hat es den Anschein, daß die ASN das Gesundheitsrisiko der Bevölkerung aufgrund des Austritts von Radioaktivität nicht präzise bestimmen konnte.

Tatsächlich beschreibt die ASN einen "unkontrollierten Austritt von 50 Kubikmeter radioaktiver Abgase", aber ...

  • Sie beziffern nicht die Strahlungsaktivität in Becquerel (Bq), sondern geben nur Kubikmeter (m³) an, obwohl Radioaktivität in Becquerel (Bq) gemessen wird und nicht nach Volumen. Die Volumen-Aktivität wird daher in Bq pro m³ (Bq / m³) gemessen.

  • Sie machen keine Angaben über Inventar der radioaktiven Gase, die entwichen sind.

  • Sie machen keine Angaben über das Maß der Dosisleistung auf die umliegende Bevölkerung, die durch das Leck verursacht wurde.

  • Sie erklären nicht, warum kein Meßinstrument zur Radioaktivitätskontrolle in Ordnung war, während die Radioaktivität austrat.

  • Sie bezeichnen nicht das Gebäudes, in dem das radioaktiven Leck aufgetreten ist.

  • Sie schreiben, Sie hätten keine Kenntnis von der Radioaktivität der Gase, die entwichen sind. Deshalb bitten wir Sie, zu erklären, was Ihnen erlaubt, davon zu schreiben, "dieses Ereignis hatte keine signifikante Auswirkung auf die Umwelt." Wir wollen wissen, wie der Betreiber EDF seinerseits eine Auswertung der Radioaktivität vornehmen konnte.


Wir danken Ihnen im Voraus für die Zusendung der Auswertung der EDF über die Radioaktivität des unkontrollierten Austritts.

Hier folgt die Liste der Fragen, auf die wir ausdrücklich eine verständliche Antwort fordern:


  • 1. Wie hoch war die radioaktive Aktivität der Gase, die ausgetreten sind? Vielen Danke im Voraus für eine genaue Mengenangabe in Bq / m³.

  • 2. War das Reservoir, das die radioaktiven Gase enthielt, mit einem Gerät zur Messung der Radioaktivität ausgestattet? Wenn ja, warum war es nicht in Betrieb?

  • 3. War der Schornstein mit Sensoren für Radioaktivität ausgestattet? Wenn ja, warum haben die Sensoren die Radioaktivität der ausgetretenen Gase nicht gemessen?

  • 4. Welche Radionuklide sind aus dem Reservoir ausgetreten? Vielen Dank im Voraus für eine präzise und vollständige Bestandsaufnahme.

  • 5. In welchem Gebäude das AKW Fessenheim befinden sich das Reservoir und der Schornstein, aus dem die radioaktiven Gase entwichen sind?

  • 6. Wie hoch ist die Dosisleistung für die Bevölkerung der Umgebung, die durch diesen Austritt von Radioaktivität verursacht wurde? Vielen Dank im Voraus für eine Antwort mit der offiziellen Übersicht über das Maß der Dosis-Äquivalenz-Leistung, das heißt in Sievert pro Stunde.


Mit freundlichen Grüßen

Der Verwaltungsrat des Netzwerks "Sortir du nucléaire".
Kontakt: Remi Verdet




Provisorische Übersetzung des ASN Berichts
Quelle: ASN

Rejet involontaire de 50 m³ d´effluents gazeux radioactifs

Paris, le 30 Août 2010 Avis d'incident Installation(s) concernée(s) :

Fessenheim & Radioaktivität

Unbeabsichtigte Freisetzung von 50 Kubikmetern ausströmender radioaktiver Gase

Paris, 30. August 2010 Bekanntmachung über die Vorfäll(e) der betroffenen Anlage(n):


Centrale nucléaire de Fessenheim - Fessenheim - EDF
Le 24 août 2010, un rejet involontaire de 50 m³ d´effluents gazeux radioactifs a eu lieu au centre nucléaire de production d´électricité de Fessenheim.

Atomkraftwerk Fessenheim - Fessenheim - EDF
Am 24. August 2010, hat ein unbeabsichtigter Ausstrom von 50 Kubikmetern gasförmiger radioaktiver Abfälle im nuklearen Teil der Stromproduktionseinheit des Kernkraftwerks Fessenheim stattgefunden.


Comme toute installation nucléaire, le centre nucléaire de production d´électricité de Fessenheim produit des effluents gazeux radioactifs qui sont stockés dans des réservoirs afin de contrôler leur décroissance radioactive avant rejet à l´atmosphère. Les rejets dans
l´environnement du centre nucléaire de production d´électricité de Fessenheim sont encadrés réglementairement afin de ne pas dépasser une limite annuelle garantissant l´absence de risque sanitaire.

Wie bei allen kerntechnischen Anlagen, produzieren die Reaktoren in Fessenheim radioaktive Abfall-Gase, die in Behältern gelagert werden, um ihren Zerfall zu kontrollieren, bevor sie in die Atmosphäre ausgeleitet werden. Diese Freisetzung radioaktiver Gase in die Umwelt
um das AKW Fessenheim findet im Rahmen der gesetzlichen jährliche Freigabegrenzen statt, welche den Ausschluss gesundheitlicher Risiken garantiert.


Durant une opération de vidange d´un réservoir d´effluents gazeux vers un autre, l´ouverture involontaire d´un robinet a initié la dépressurisation d´un réservoir vers l´atmosphère via une cheminée équipée de filtres. Les effluents gazeux de ce réservoir n´ont pas été contrôlés préalablement au rejet pour s´assurer de leur décroissance radioactive.

Während einer Entleerung eines Abgas-Tanks in einen anderen Tank, führte das versehentliche Öffnen eines Gashahns zur Druckentlastung eines Tanks, so dass Gas durch einen mit Filtern ausgestatteten Kamin in die Atmosphäre entwich. Die Zerfallsaktivität der radioaktiven Abgase aus dem Reservoir wurde vor dem Entweichen nicht gemessen.


L´évaluation a posteriori effectuée par l´exploitant montre que ce rejet ponctuel est très inférieur à la limite annuelle fixée par la réglementation. Par ailleurs, les seuils d´alarme des systèmes de mesure de la radioactivité n´ont pas été atteints. Cet événement n´a donc pas eu de conséquence significative sur l´environnement.

Die anschließende Auswertung, ausgeführt durch den Betreiber (EdF), zeigt, dass die kurze Freisetzung deutlich unter der in den Regularien festgelegten jährlichen Freigabegrenze lag. Darüber hinaus wurden Alarmschwellen von Systemen zur Messung der Radioaktivität
nicht erreicht. Dieses Ereignis hatte deshalb keine signifikanten Auswirkungen auf die Umwelt.


Cependant, en raison du non respect des conditions de rejet, cet événement a été déclaré à l´Autorité de sûreté nucléaire par l´exploitant.

Doch wegen der Nichteinhaltung der Freisetzungs-Vorschriften, wurde dieses Ereignis der Behörde für nukleare Sicherheit (ASN) vom Betreiber (EdF) gemeldet.


Cet événement ne concernant pas la sûreté de l´installation, ni la radioprotection, n´est pas classé sur l´échelle INES.

Dieses Ereignis, das weder die Sicherheit der Anlage noch den Strahlenschutz betrifft, wurde nicht auf der INES-Skala eingestuft.



Richtig wichtig! Ihnen gefällt diese Seite? Legen Sie doch einen Link:
<a href="http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/radioaktivitaet-akw-fessenheim.html">Fessenheim: Radioaktives Gas ausgeströmt</a>

Weitersagen
Delicious Twitter Facebook StudiVZ

Dieser Artikel wurde 3350 mal gelesen und am 28.9.2010 zuletzt geändert.