Die Stromlücken-Debatte

Zu diesem wichtigen Thema finden Sie hier einen informativen Beitrag von Bernward Janzing. Zwei wichtige Aspekte fehlen allerdings in seinem lesenswerten Beitrag.
-Die Endlichkeit der atomar-fossilen Energievorräte sollte in der Debatte um eine "Stromlücke" nicht vernachlässigt werden.
-Gleichzeitig wird in Deutschland und der Schweiz (wo von der Atomlobby das Schreckgespenst der Stromlücke auch ausgeschickt wird) für mehr Stromverbrauch und sogar für Stromverschwendung geworben. Immer noch gibt es massive Werbung für energieverschwendende Elektroheizungen und mit der aktuellen Kampagne für (teilweise ineffiziente) Wärmepumpen wird auch versucht zukünftig mehr Strom zu verkaufen.
Der Eindruck drängt sich auf, dass es EnBW, Eon, RWE und Vattenfall bei dieser Stromlücken-Debatte stark um die Durchsetzung neuer Atom- und Kohlekraftwerke und um die riskante aber profitable Gefahrzeitverlängerung bestehender Atomanlagen geht...
Axel Mayer / BUND Regionalverband
Stromlücke — der neue Kampfbegriff
Wie sicher ist die Energieversorgung im Jahr 2020? Entscheidend ist, wie effizient hierzulande Strom eingesetzt wird
Von Bernward Janzing
Badische Zeitung vom Samstag, 15. März 2008
Die Energiewirtschaft hat ein neues Wort populär gemacht: Die Stromlücke. Ob diese Lücke sich tatsächlich auftut, hängt von politischen Entscheidungen ab.
Ende Februar 2008 hatte RWE-Chef Jürgen Großmann in der Bild-Zeitung für Europa dramatische Szenarien konstruiert: "Mittlerweile reicht bereits das Zusammentreffen eines trockenen heißen Sommers mit wartungsbedingten Ausfällen weiterer Kraftwerke, um die Versorgungssicherheit zu gefährden." Der Präsident des Bundesamts für Strahlenschutz, Wolfram König, widerspricht: "Es gibt keine Stromlücke." Stephan Kohler wiederum, Chef der bundeseigenen Deutschen Energie-Agentur, sagt: "Wenn man den künftigen Strombedarf mit der absehbaren Kraftwerkskapazität vergleicht, ergibt sich ein negatives Bild."
Wird Deutschland seinen Strombedarf noch decken können, wenn der Atomausstieg wie geplant voranschreitet? Die Antwort auf diese Frage läßt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten.
Eine Analyse:
Muss Deutschland Strom importieren? Derzeit liegt ein Import ferner denn je. Obwohl im vergangenen Jahr durch Stillstand mehrerer Atomkraftwerke 26 Milliarden Kilowattstunden weniger an Atomstrom erzeugt wurden als im Jahr 2006, konnte Deutschland noch immer einen Exportüberschuss von beachtlichen 14 Milliarden Kilowattstunden erzielen. Seit fünf Jahren schon liegt der deutsche Stromexport deutlich über den Importmengen. Und trotz der bereits abgeschalteten Atommeiler Stade und Obrigheim erreichte Deutschland in den Jahren 2006 und 2007 den höchsten Stromexportüberschuss seiner Geschichte. Aller Voraussicht nach wird Deutschland im Jahr 2008 sogar einen erneuten Allzeitrekord beim Exportüberschuss von Strom erzielen — dank des fortschreitenden Ausbaus der erneuerbaren Energien.
Wie sieht es im Jahr 2020 aus? Die Antwort darauf hängt vor allem von den Verbrauchsprognosen ab. Im Jahr 2007 lag der Nettostromverbrauch in Deutschland bei 541 Milliarden Kilowattstunden. Bei einer jährlichen Zunahme von einem Prozent wären es im Jahr 2020 rund 616 Milliarden Kilowattstunden. Gelingt es hingegen, durch verbesserte Effizienz den Verbrauch um nur ein einziges Prozent jährlich zu senken, kommt Deutschland im Jahr 2020 mit 474 Milliarden Kilowattstunden aus. Die Differenz der beiden Szenarien beläuft sich auf 141 Milliarden Kilowattstunden — das ist mehr als alle Atomkraftwerke 2007 erzeugt haben. Wer über eine Stromlücke redet, muss also vor allem sagen, von welchem Verbrauch er künftig ausgeht.
Welchen Anteil werden die erneuerbaren Energien künftig decken können? Vorweg: In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden die erneuerbaren Energien ständig unterschätzt. Selbst optimistische Prognosen — zum Beispiel zum Ausbau der Windkraft — wurden stets übertroffen. So ist es gut möglich, dass dies auch weiterhin der Fall ist. Die Stromwirtschaft geht in ihren Vorhersagen, die derzeit bis 2013 angestellt werden, von einem Zuwachs von etwa 40 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom binnen fünf Jahren aus. Bei unverändertem Verbrauch werden demnach im Jahr 2013 rund 20 Prozent des Strom aus erneuerbaren Energien gedeckt. Im Jahr 2020 liegt man bei konstantem Zubau zwischen 25 und 30 Prozent Ökostrom. Entscheidend wird dabei die Frage sein, wie schnell die Windkraft auf See voran kommt.
Wie kommt der Strom zu den Verbrauchern? In Norddeutschland gibt es das Problem, dass schon heute bei starkem Wind Windkraftanlagen abgeschaltet werden müssen, weil der Strom nicht in die bevölkerungsreichen Regionen transportiert werden kann. Deswegen ist ein Ausbau der Stromnetze — in Deutschland vor allem von Nord nach Süd — unerlässlich. Wenn die geplanten Windparks auf See Strom liefern, wird das Thema noch drängender. Da Deutschland ein dicht besiedeltes Land ist, und neue Hochspannungsleitungen immer bei Anwohnern auf Widerstand stoßen, wird man um den Einsatz von Erdkabeln nicht umhin kommen. Diese sind zwar teurer, aber auch weniger anfällig gegen Schäden und politisch leichter durchsetzbar.
Wie geht es mit der Kohle weiter? Der Neubau von Kohlekraftwerken ist schwierig geworden. Zum einen, weil die gestiegenen Preise die Baukosten explodieren ließen. Zudem ist der Betrieb teurer geworden, weil die Anlagen dank des Emissionshandels die Luft nicht mehr kostenlos verschmutzen dürfen. Schließlich gibt es an den geplanten Standorten heftige Proteste. Aus ökologischer Sicht steht man nun vor der Frage: Will man lieber alte Kohlekraftwerke länger betreiben, die eine schlechtere Energiebilanz haben, aber die Chance bieten, in vielleicht zehn Jahren ihren Betrieb neu zu überdenken? Oder will man effizientere neue Anlagen, deren Betrieb dann aber für rund 40 Jahre gesichert sein muss, weil sich ansonsten die Investitionen nicht amortisieren werden?
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