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Universitätsbibliothek Freiburg: Neubau, Verschwendung, Fassadendiskussionen & Pflastersteine aus Vietnam

04.02.2014

Universitätsbibliothek Freiburg: alte Bausünden, Abriss, Verschwendung & Fassadendiskussionen


Der teure Neubau der Universitätsbibliothek Freiburg bekommt eine spannende, architektonisch anspruchsvolle Fassade
mit der sich die Green City Freiburg schmücken will und über die sich trefflich streiten lässt. In diese "Fassadendebatte" hat sich ein Naturschutzverband wie der BUND nicht einzumischen. Doch die Frage nach den "inneren Werten" des Gebäudes, nach Langlebigkeit und Energiebedarf zählt zu den klassischen Aufgaben des Bund für Umwelt und Naturschutz. Die zentrale Frage ob wir es uns in der Vergangenheit leisten konnten Gebäude zu erstellen die nach nur 33 Jahren abgerissen werden müssen, die Frage nach den tatsächlichen Abrissgründen, nach der Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft, die Frage ob es sich unser Gemeinwesen leisten konnte extrem teure Billigbauten zu erstellen, wird (nicht nur!) in der Green City Freiburg leider nicht öffentlich diskutiert. Und wenn die Fehler der Vergangenheit nicht diskutiert werden, dann gibt es auch kein Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit. Dass Freiburgs neuer Vorzeigeplatz im Universitätsviertel mit Basalt aus Vietnam gepflastert wird, ist nach unserer Ansicht ein umweltpolitischer Skandal. Der "schicke Schein" geht vor Nachhaltigkeit und Fassadendiskussionen ersetzen eine echte Debatte.

Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg gegenüber dem fast hundert Jahre alten Kollegiengebäude I nach Plänen des Universitätsbauamts am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unibibliothek. “Hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben muss das Bibliotheksgebäude saniert werden.”, steht beschönigend bei Wikipedia und fast genau so beschönigend ist die Diskussion in der “Green City” Freiburg, denn die tatsächlichen Abrissgründe werden öffentlich nicht diskutiert. Neben den "offiziell" genannten und diskutierten Abrissgründen gab es "nicht diskutierte" Abrissgründe, u.a. die von Anfang an nicht richtig funktionierende Klimaanlage und den hohen Krankenstand der MitarbeiterInnen der Bibliothek...

Realität ist, dass im Jahr 2011, 33 Jahre nach dem Neubau, der oberirdische Teil des Gebäudes fast vollständig abgerissen werden musste, während das gegenüber stehende Kollegiengebäude I aus dem Jahr 1911 vermutlich noch einmal hundert Jahre älter werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird.


Es kann nicht darum gehen, heute so zu bauen wir vor 100 Jahren. Aber 1978, in einer Zeit, in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, hätte es doch möglich sein müssen, neue Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibelfunktional und schön zu bauen.

Nein! Unser Herzblut hing nicht an dem zeitgeist-scheußlich-parkhausähnlichen Gebäude der alten Unibibliothek. Wir kritisierten nicht den vermutlich leider notwendigen Abriss, wohl aber die traurige Notwendigkeit abreißen zu müssen. Der Abriss der drei Jahrzehnte jungen Unibibliothek in Freiburg ist ein Beispiel für nicht nachhaltiges, verschwenderisches öffentliches Bauen (nicht nur) in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 49 Millionen Euro wird das Um- und Neubauprojekt kosten.


Die Großbaustelle der maroden Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.

Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen.

Und relativ neue, mittlerweile sanierungsbedürftige Straßen, Flachdächer, Schulen, Brücken und andere öffentliche Gebäude gibt es im ganzen Land. Es gibt zu diesem Thema und zu dieser unglaublichen Milliardenverschwendung, die die öffentlichen Haushalte schwer belastet, allerdings keine politische Debatte, nicht einmal in der „Green City“.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht für Nachhaltigkeit, das heißt, nachfolgende Generationen sollen nicht mit den Langzeitwirkungen des heutigen Raubbaus belastet werden.

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten haben bei vielen öffentlichen Bauten der letzten Jahrzehnte keine große Rolle gespielt und weil es keine Debatte dazu gab und gibt, ist dies auch heute teilweise noch so. Die deutsche Staatsverschuldung liegt bei über 2.143.290.735.368 € (2143 Milliarden) Euro und das hat auch mit dieser unhinterfragten, verschwenderischen Art des Bauens in der Vergangenheit und der Gegenwart zu tun. Die Rektorenkonferenz hat den bundesweiten Bedarf in Sachen Hochschulsanierung im Jahr 2012 auf 30 Milliarden Euro geschätzt. Wenn die Sünden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, dann werden aus den Fehlern keine Lehren gezogen.

Wenn wir die habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Strumpfhosen, Computern, Gebäuden und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen.


Immer noch wird bei öffentlichen Planungen und Bauten hauptsächlich auf die aktuellen Baukosten und viel zu wenig auf Langlebigkeit und die künftig anfallenden Reparaturen geachtet. Wenn an der B3, zwischen den Gemeinden Wasser und Denzlingen, auf 3,3 Kilometern Bundesstraße sechs teilweise unnötige Brücken und Unterführungen gebaut wurden, wenn in Stuttgart ein funktionsfähiger Bahnhof abgerissen wird, dann sind solche Planungen nicht zukunftsfähig. Bei allen (nicht nur staatlichen Bauten) müssen diese Aspekte in die Planungen mit einfließen und die Forschung über die Langzeitfolgen der unbedingt notwendigen Gebäudeisolierung sollte dringend verstärkt werden.

Wir erleben nicht nur am Oberrhein und in Freiburg, wie das Land mit einer teuren Infrastruktur, mit Beton und Asphalt überzogen wird, wie der Flächenverbrauch anhält und Natur verschwindet, während gleichzeitig Städte, Land und Bund nicht in der Lage sind, die bestehende Infrastruktur zu unterhalten.

Wenn Stadt, Staat und Bahn kein Geld, sondern einen Schuldenberg haben, dann muss erst einmal (wenn möglich) die vorhandene Infrastruktur unterhalten und nicht Unnötiges neu gebaut werden. Neue Gebäude sollten funktional, schön, energiesparend, ressourcenschonend und dauerhaft-langlebig gebaut werden. Über das “Schön” darf dann gerne öffentlich gestritten werden, über das “Funktional, Langlebig, Energiesparend und Dauerhaft” nicht.

Wir haben zu wenig Informationen
um den Neubau der Unibibliothek konstruktiv zu bewerten. Die Fassade ist spannende, architektonisch anspruchsvolle Architektur über die sich trefflich streiten lässt. Auffallend ist allerdings die „Fast-Nur-Fassadendisskussion“ in Freiburg. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte laut Badischer Zeitung vom 23. Januar 2012: „Man werde mit der neuen Bibliothek dem Freiburger Münster Konkurrenz machen.“ Das erinnert durchaus ein wenig an die Lobpreisungen für die alte Bibliothek vor 33 Jahren. Ob es beispielsweise ausreicht, angesichts der zu erwartenden Preisexplosion bei Heizkosten, den Energieverbrauch „nur“ um 60% zu senken, ist offen. Beschränkte „Fassadendiskussionen“ lenken von den Nachhaltigkeitsaspekten des Neubaus ab. Hoffentlich wurde wegen des schönen Scheins nicht wieder zu viele Kompromisse gemacht. Auch wenn es dem Zeitgeist nicht entspricht sind dem BUND die "Inneren Werte" eines Gebäudes wichtiger als der "Schöne Schein". Wenn sich beides in einem neuen Gebäude vereinen lässt, dann ist das höchste Architekten- und Ingenieurskunst. Wir sind gespannt...

Axel Mayer, Geschäftsführer


Nachträge:
Wir wissen, dass die damaligen Politiker und Bürgermeister nicht mehr an der Macht, aber immer noch mächtig sind, dass Architekten und schönschreibende Journalisten von damals noch leben. Dennoch wollen wir die Debatte heute führen und nicht noch einmal 30 Jahre warten.


Noch mehr „einstürzende Neubauten“ in Freiburg
Die Unibibliothek ist nur ein Beispiel für viele andere „einstürzende Neubauten“ in Freiburg:
  • So muss der Freiburger Postbahnhof einem Dienstleistungskomplex weichen. Das einst preisgekrönte Gebäude an der Bahnlinie wird nach nur 28 Jahren abgerissen. Der neun Millionen Mark (4,5 Millionen Euro) teure Postbahnhof hat nur sieben Jahre lang seinem ursprünglichen Zweck als Frachtzentrum gedient. Quelle: Badische Zeitung

  • Auch das Haus Weingarten wird abgerissen. Der 70er-Jahre-Betonbau ist schon seit Jahren „marode“ und eine Sanierung hätte 4 Millionen Euro gekostet.
    Quelle: Badische Zeitung

  • Die Pinakothek der Moderne in München muss wegen Mauerrissen saniert und rund ein halbes Jahr lang geschlossen werden. Im April 2013 sollen die Bauarbeiten an dem erst zehn Jahre alten Kunstmuseum beginnen, wie der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, Klaus Schrenk sagte. Die Sanierung soll 14 Wochen dauern. Grund für den Aufwand: Dummheit, billiges Protzbauen, Betonschwund und Ziegel, die sich mit der Zeit dehnten...



Nachdem die oben stehenden Texte (und das Infoblatt) geschrieben waren sind wir auf einen lesenswerten Fachartikel im Internet gestoßen. In diesem Beitrag von Uta Hassler und Niklaus Kohler wird die These vorgetragen, daß Thema der Zukunft - und eines ressourcenschonenden Wirtschaftens - nicht der, wie auch immer optimierte, Neubau sein wird, sondern im Zentrum unseres Denkens und Handelns der Bestand stehen muß - und der Umbau dessen, was schon existiert. Hier weiter lesen


Kaufen (und produzieren) für die Müllhalde
Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".
Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen, erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt, und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden.
Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden. Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.
Leider gibt es den Film nicht mehr in voller Länge bei Arte zu sehen, Ausschnitte finden sich jedoch hier.
Aufgrund der Gema kann man den Film auch auf Youtube von Deutschland aus nicht anschauen.
(Frankreich, 2010, 75mn)





Es gab diesen Text beim BUND in der Freiburger Wilhelmstraße 24a. (Hinterhaus) auch als Flugblatt.

Das Flugblatt zum Download als PDF-Datei gibt es hier


Universitätsbibliothek Freiburg: Den "Fortschritt" kritisch hinterfragen, damit er den Menschen dient. Wenn wir die habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Bibliotheken, Zahnbürsten, Strumpfhosen, Computern und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen. Axel Mayer



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Dieser Artikel wurde 8834 mal gelesen und am 27.2.2014 zuletzt geändert.