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Urenco & EMAS: Gefährliche Urananreicherungsanlage erhält umstrittene Auszeichnung

Schon wieder: "Umweltprädikat" EMAS und Ethics in Business für Atomfabrik Urenco

von Susanne Bareiß-Gülzow

Auf ein erfolgreiches Jahr kann die Leitung der Urananreicherungsanlage Urenco im westfälischen Gronau zurückblicken: Im Februar erhielt sie die Genehmigung zur Betriebserweiterung, im Juni die erneute EMAS-Validierung ihrer Umwelterklärung und nun, im November, auch noch die Auszeichnung mit dem Gütesiegel “Ethics in Business”. Der Urenco-Geschäftsführer fühlt sich voll und ganz in seinem Handeln bestätigt: “Das Gütesiegel ‚Ethics in Business‘ darf nur tragen, wer sowohl sozial als auch ökologisch nachhaltig wirtschaftet” (1). Bei Umweltverbänden und Firmen für erneuerbare Energien ist die jüngste Auszeichnung hingegen auf Unmut und Protest gestoßen.

Urenco in Gronau ist die einzige Urananreicherungsanlage in Deutschland. Zur Herstellung von Brennstoff für die gängigen Leichtwasser-Reaktoren muss der Anteil des spaltbaren Uranisotops U 235 im Uran gegenüber seinem natürlichen Anteil erhöht werden (2). Bei diesem Anreicherungsprozess erhält man nicht nur das gewünschte angereicherte Uran, sondern zwangsläufig auch das so genannte abgereicherte Uran mit einem gegenüber dem natürlichen Wert verminderten Gehalt an U 235. Da bei der Anreicherung siebenmal soviel abgereichertes wie angereichertes Uran anfällt, stellt die Abfallentsorgung ein großes Problem dar. Durch den radioaktiven Zerfall seiner Bestandteile, nimmt die Gefährlichkeit dieses Abfalls auf lange Sicht zu, was bei der Entsorgung berücksichtigt werden muss (2).

“Bisher wurde von den Betreibern argumentiert, dass es sich bei den Lagern mit abgereichertem Uran nur um eine Zwischenlagerung handelt, da ein denkbarer ansteigender Rohstoffpreis oder mögliche zukünftige Anreicherungstechnologien die Möglichkeit bietet könnten, auch den noch vorhandenen Rest an Uran 235 zu wirtschaftlichen Bedingungen nutzen zu können” (2). Beides ist bis heute nicht eingetreten. Trotzdem transportiert Urenco den “wertvollen Abfall” zur Anreicherung nach Russland. Nur ein Bruchteil des dort behandelten Urans wird dann wieder in Gronau dem Produktionsprozess zugeführt. Der weitaus größere Teil, des inzwischen zweifach abgereicherten Urans verbleibt dort zur Endlagerung (3).

Der von Urenco praktizierte Transport ins Ausland stellt somit nichts anderes als einen verkappten Atommüll-Export dar. Da auf diese Weise nur eine begrenzte Menge beseitigt werden kann, wird ein Teil auch in einem anderen Betrieb für eine langfristige Lagerung in Uranoxid umgewandelt und dann in Gronau zwischengelagert (2).

Aber auch das angereicherte Uran bringt im Endeffekt Müllprobleme mit sich. Die aus ihm erzeugten Brennelemente müssen nach der Nutzung ebenfalls entsorgt werden. Letztendlich bleibt, ob angereichertes oder abgereichertes Uran, immer Atommüll übrig, für dessen Behandlung es bis heute weder sinnvolle Verfahren noch eine sichere Deponierung gibt. Die Problemlösung wird den zukünftigen Generationen überlassen.

Für die Firmenleitung des Gronauer Betriebes der Atomindustrie ist die Auszeichnung durch “Ethics in Business” ein klares Signal dafür, dass ihr Weg gesellschaftlich gewollt ist. Und sie ist zufrieden über die aufpolierende Wirkung des Preises für ihr angeschlagenes Image. Beim Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) sieht man dies aber völlig anders. In einem offenen Brief forderte der BBU die für die Auszeichnung zuständige Agentur auf, die Verleihung des Gütesiegels “Ethics in Business” an Urenco öffentlich rückgängig zu machen. Mehr als 30 Bürgerinitiativen, Umweltverbände, Parteigremien und Umweltfirmen haben den offenen Brief des BBU mit unterzeichnet. Auch zwei mit demselben Siegel ausgezeichnete Unternehmen der Solar-Branche, die Wagner & Co GmbH und die Consolar GmbH, haben sich hinter die Forderungen der Umweltschützer gestellt (4).

Gerade in Anbetracht der ungelösten Probleme mit der Atommüllentsorgung kommt einem die Vergabe des ethischen Gütesiegels an Urenco sehr eigenartig vor. Welche Informationen hat die vergebende Agentur Compamedia in Überlingen dazu veranlasst, dieses Siegel auch an einen Betrieb der Atomindustrie zu vergeben? Die sich für diesen Preis bewerbenden und zahlenden Betriebe haben mehrere Fragebögen auszufüllen. Dort wird auch unter anderem abgefragt, ob ein Umweltmanagementsystem nach EMAS betrieben wird (10). Da EMAS die höchste europäische Auszeichnung für systematisches Umweltschutzmanagement ist, stellt es somit einen wichtigen Pfeiler in der öffentlichen Darstellung der Betriebe dar. “EMAS-Unternehmen werden hinsichtlich ihrer Unternehmensberichterstattung häufig mit Umweltpreisen ausgestattet” (6).

Das Umweltmanagement von Urenco wurde 1996 erstmals durch einen unabhängigen Umweltgutachter erfolgreich geprüft und als ausreichend akzeptiert. An diesem fraglichen Erfolg hat sich bis heute nichts geändert. Er bescheinigte im Juni 2005 dem Betrieb wieder, dass dessen Vorgehen den Anforderungen von EMAS entspricht. “Die Daten, Angaben und Aussagen dieser Umwelterklärung geben ein angemessenes Bild der Umweltrelevanz aller Tätigkeiten am Standort wieder”, so der begutachtende Fachmann (5).

Dabei sind direkte Umweltauswirkungen wie die radioaktiven Abfälle unvollständig genannt. In der Erklärung wird das abgereicherte Uran nicht als Abfall bezeichnet. Des weiteren fehlen die indirekten Auswirkungen. Wolfgang Guhle, Vorstandsmitglied des BBU und stellvertretender Vorsitzender des Umweltgutachterausschusses (UGA) beim Umweltministerium, kommt bei seiner Prüfung der Umwelterklärung zu dem Ergebnis: ”Den EMAS-Anforderungen kommt Urenco, was die Angabe der indirekten Umweltauswirkungen angeht, gar nicht oder nur mangelhaft nach. So wird weder auf die für Bergbaubeschäftigte gesundheitlich extrem gefährlichen Explorationsbedingungen von Uran noch auf die komplexe Problematik der Weiterverwendung der Urenco-Produkte eingegangen” (7). Doch nach EMAS soll die Öffentlichkeit in der Umwelterklärung über alle relevanten Umweltaspekte informiert werden (6). Auf diese Weise ziehen die weiteren Entscheidungsträger falsche Schlussfolgerungen, wenn die Aussagefähigkeit überschätzt wird.

Eine zentrale Rolle bei der Umsetzung der EMAS-Richtlinie kommt dem UGA zu. Er hat Richtlinien erlassen, die Teile des Umweltauditgesetzes konkretisieren und die fachlichen Anforderungen festlegen, die Umweltgutachter erfüllen müssen. In diesem Ausschuss sind auch die Umweltorganisationen BUND, NABU und BBU vertreten. Von ihnen erwartet man, dass ihre sachkundigen Vertreter sich der Verantwortung bewusst sind, die auf ihnen lastet. Gerade wegen der aktiven Beteiligung der Umweltverbände an der Festsetzung der Regeln von EMAS ist diese Wertung für den Verbraucher ein wichtiges Instrument, nachhaltig erzeugte Produkte zu kaufen.

Der Verbraucher, ob privat oder dienstlich, erfährt von den Umweltverbänden, dass Betriebe mit EMAS nachhaltiger wirtschaften als andere. Gerade die beginnende Diskussion über Präsentationspartnerschaften zwischen Umweltverbänden und EMAS-Betrieben wird zu einer allgemein besseren Darstellung in der Öffentlichkeit führen. Fehlerhafte Schlussfolgerungen könnten das Ergebnis sein. Vielleicht sind Urenco und die Atomkraftwerke Isar 1 und 2 auch nur die Spitze eines Eisbergs von vielen Betrieben, die zwar ein so genanntes Umweltmanagement betreiben, bei denen die Gefährlichkeit der Produkte und Abfälle aber keine Rolle spielt. Welche wirklich ökologisch handelnden Unternehmen werden sich noch durch EMAS oder das Gütesiegel “Ethics in Business” auszeichnen lassen, wenn Betriebe aus der Atomindustrie diese für ihre zukunftverachtenden Zwecke missbrauchen können? Besonderes Interesse werden dann vor allem die Problembetriebe haben, die Produkte herstellen, die sinnvoller durch andere unkritischere Waren ersetzt werden sollten.

Durch die fehlerhafte Umwelterklärung von Urenco kam es zu der Anerkennung des Gütesiegels “Ethics in Business”. Die Frage, ob man einen Betrieb aus der Atomindustrie auszeichnen kann, wollte der Organisator nicht klären. “Wer nur soll mit welcher Legitimation dieses Urteil über Gut und Böse fällen? Die Agentur Compamedia in Business wollte diese Abwägung und die kritische Bewertung jeder einzelnen Auszeichnung den Bürgerinnen und Bürgern selbst überlassen” (9). Doch der Verbraucher benötigt Informationen von sachkundigen Leuten, wenn er Verantwortung für sein Handeln übernehmen soll. Für kritische Menschen ist dies die Orientierung an Gütesiegeln, EMAS-Logo, “Blauer Engel”, Umweltpreisen etc.

Niemand kann in der heute hochkomplexen Wirtschaft alles kritisch hinterfragen, sondern ist auf die Bewertung vertrauensvoller Stellen angewiesen, zu denen auch immer die Umweltverbände gehören. Gerade das Ethik-Gütesiegel bekommt seine besondere Bedeutung durch die Beteiligung des “Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland” (BUND). Auch wenn Angelika Zahrnt, Vorsitzende des BUND, unter Protest aus der Jury ausgetreten ist, bleiben viele Fragen offen.

Zwar soll die Jury nur für die Vergabe des Preises für Wirtschaftsethik zuständig gewesen sein, nicht aber für die Vergabe des Siegels. Aber der Name des BUND ist trotzdem mit dem Gütesiegel verwoben. So wirbt URENCO damit, dass der BUND Projektpartner der Studie war (1). Bevor der BUND Mitglied der Jury wurde, hätten die Ziele und Bedingungen der Agentur sicher abgeklärt werden müssen. Wie soll denn der Laie den Überblick behalten, wenn schon die Fachleute ihn verlieren?

Die EMAS-Validierung von Urenco trägt nicht nur zu Auszeichnungen wie dem Gütesiegel bei, sondern hat auch bei der Genehmigung des Ausbaus von Urenco eine große Rolle gespielt. “Die gesetzlichen Verankerungen des Regelwerks und die Übererfüllung rechtlicher Pflichten durch die EMAS-Teilnehmer ermöglicht es ferner, behördliche Erleichterungen bei der Überwachung und Genehmigung von technischen Anlagen zu gewähren...” – so der UGA-Ausschuss (6). Im Februar 2005 wurde die Genehmigung für den bereits 1998 beantragten Ausbau erteilt. Urenco darf nun mehr als die doppelte Menge angereicherten Urans produzieren. Die Anlage in Gronau kann mit den 1800 Tonnen Urantrennarbeit pro Jahr (t UtA/a) jetzt schon 13 große Kernkraftwerke jährlich versorgen (8). Bei einer Kapazitätserhöhung auf die genehmigten 4500 t UtA/a wird in Zukunft angereichertes Uran für den Betrieb von sogar 32 Atomkraftwerken hergestellt. Gegen diesen Ausbau hat sich der BBU jahrelang mit stichhaltigen Argumenten gewandt. Dessen Einwände interessierten die Geschäftsführung von Urenco zwar überhaupt nicht – trotzdem steht im Umweltbericht von Urenco, dass die Öffentlichkeit beteiligt wurde (5).

Solange Betriebe aus der Atomindustrie das EMAS-Logo führen dürfen, sollten die Umweltverbände, die einen Ausstieg aus der Atomwirtschaft fordern, eine Förderung dieses Logos unterlassen. Besonders die im UGA vertretenden Umweltverbände BUND, NABU und BBU sind gefordert, sich eindeutiger von der EMAS-Vergabe an Urenco und Isar 1 und 2 zu distanzieren. Entweder sind die Voraussetzungen von EMAS so lasch, dass Betriebe der Atomwirtschaft sie einhalten können – oder die Gutachter haben fälschlicherweise diese Auszeichnung vergeben. Durch die EMAS-Validierung kommt es nicht nur als Folgewirkung zum Ethiksiegel und einer Erleichterung des Ausbaus der Atomindustrie, sondern “sie kann auch Grundlage, Ausgangspunkt oder Baustein für weitere Verfahren und Zertifizierungssysteme im Unternehmen wie Umweltproduktdeklaration oder Nachhaltigkeitsberichtserstattung sein” (6).

Urenco (eine 50-prozentige Tochter von RWE) und andere Konzerne wie Vattenfall, E.ON, EnBW und natürlich RWE selbst versuchen seit einiger Zeit, gemeinsam den Atomsektor wieder gesellschaftsfähig zu machen – die einen durch die Anerkennung eigener “Umweltleistungen”, die anderen durch die finanzielle Unterstützung von Umweltgruppen. Durch die Auszeichnung eines Unternehmen der Atomindustrie mit dem Siegel “Ethics in Business” ist die kritische Öffentlichkeit aufgerüttelt worden. Alle schauen nun (hoffentlich!) genauer hin, von wem man sich sponsern lässt oder an welchen Jurys und Ausschüssen man teilnimmt. Es muss aufhören, dass aktive Atomkraftgegner aus Gutgläubigkeit von der Atomlobby zur Imagepflege missbraucht werden.

Hintergrundinfo: Akzeptanzforschung, Greenwash, PR und neue Durchsetzungsstrategien

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Dieser Artikel wurde 5057 mal gelesen und am 5.8.2010 zuletzt geändert.