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Die Wachstumsillusion

von Andreas Becker 28.2.05

Ob Wirtschaft, Gewerkschaften oder Politik: Nahezu alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen sind sich einig, dass die Wirtschaftsleistung wachsen muss. Denn eine wachsende Wirtschaft verspricht mehr Arbeitsplätze, mehr Wohlstand, mehr Steuereinnahmen und nicht zuletzt Hoffnung, Lasten aus der Vergangenheit abtragen zu können: So liessen sich mit zusätzlichen finanziellen Ressourcen die Staatsverschuldung eindämmen und die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung verringern. Gleichfalls erweist sich Wirtschaftswachstum als Voraussetzung für erfolgreiche private Vorsorge, denn prosperierende Volkswirtschaften sind die Basis hoher Renditen.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein: Ist das vielbeschworene Wachstum der Wirtschaft für die arrivierten Industriestaaten realistisch? Oder soll Zweckoptimismus darüber hinweg täuschen, dass für vielerlei volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme noch keine Lösungen gefunden wurden?

Die Industriestaaten haben in den letzten fünfzig Jahren eine enorme wirtschaftliche Entwicklung genommen. Allein zwischen 1950 und 1990 hat sich beispielsweise die Jahreswirtschaftsleistung der Bundes­republik Deutschland mit dem Faktor 25 vergrössert. Bereinigt um die Inflation steht immerhin noch fast der Faktor 6 zu Buche. Ermöglicht wurde diese Entwicklung durch einen geringen materiellen Standard Mitte des vergangenen Jahrhunderts, sodass Produktbedarf bestand und geschaffen werden konnte. Zunächst niedrige Löhne und Gehälter bei langer Arbeitszeit und geringer sozialer Absicherung führten überdies zu geringen Produktionskosten. Mit der Zeit wurden Arbeiter und Angestellte über höhere Einkommen an der positiven wirtschaftlichen Entwicklung beteiligt, wodurch die Kaufkraft der Bürger stetig zunahm.

Ständige Rationalisierung, d.h. Erhöhung der Produktivität, vergrösserte die Wirtschaftskraft zusätzlich: Dank des verstärkten Einsatzes von Maschinen konnte mit leicht zunehmender Erwerbstätigenzahl die Pro­duktion deutlich angehoben werden. Darüber hinaus ermöglichten technologische Vor­sprünge auf dem Weltmarkt hohe Exportleistungen. Die positive Entwicklung der Wirtschaft, wie sie über Jahr­zehnte selbstverständlich war, wird sich allerdings in der Zukunft nicht mehr fortsetzen können.

Schon heute befindet sich die Wirtschaftsleistung auf sehr hohem Niveau - in der Schweiz, in Deutschland, in den USA, in Japan. Die Wirtschafts­leistung weiter zu steigern ist daher nur schwerlich möglich. Die Hei­matmärkte scheinen weitge­hend gesättigt. Dort, wo noch Bedarf besteht, sind Unternehmen aus den traditionellen Industriestaaten im Nachteil gegen­über Konkurrenz aus Ländern mit günstigeren Kostenstrukturen. Auch die Möglichkeit, Umsatz durch den Export von Waren zu generieren, ist nicht mehr in bisherigem Masse steigerbar.

Obschon die Globalisierung Chancen für technologisch führende Industrieländer bietet, so schafft das engere wirtschaftliche Zusammenrücken der Welt vor allem Wachstum und Arbeitsplätze in Schwellen- und Entwicklungsländern. Diese Länder setzen auf niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, geringe soziale Absicherung und niedrige Umweltstan­dards - auf das Erfolgsmodell der Industrieländer in den 50er und 60er Jahren. Ihre Unternehmen produzieren deshalb zu Kosten, mit denen eine mitteleuropäische Produktion nicht konkurrieren kann. Auf diese Weise erfolgt zwangsläufig eine Anpassung der Lebensverhältnisse zwischen dem armen und dem wohlhabenderen Teil der Erde.

Das mag den Industrieländern nicht gefallen, weil ihr Lebensstandard sinkt. Doch letztlich ist diese Entwicklung folgerichtig. Denn die Industriestaaten exportieren ihre hochwertigen Produkte zwar gerne in alle Welt, schotteten bisher aber ihre eigenen Märkte gegenüber arbeits­intensiven Produkten ab, die gerade in wirtschaftlich schwachen Ländern produziert werden. Hohe Einfuhrzölle bestanden in der Vergan­genheit in vielen Industriestaaten beispielsweise auf Textilien und Klei­dung, Glas- und Stahl­waren, metallische Haushaltswaren, Spielzeug, Schuhe, Koffer und Fahrräder. Für viele Pro­dukte, die Entwicklungsländer als Exportgut produzieren, stiegen die Zölle mit der Verarbeitungsstufe. Auf diese Weise liess sich für die industrialisierte Welt die Einfuhr von Rohstoffen billig halten, ohne Marktanteile für Fertigprodukte abgeben zu müssen. Hinzu kamen und kommen protektionistische Massnahmen wie Mengenbeschränkungen, staat­liche Einfuhrmonopole, Lizenzierungsvorschriften, „Anti-D­ping“-Strafen und umfassende Produktnormen.

Das Fortschreiten internationaler wirtschaftlicher Verflechtungen droht also die wirtschaftlichen Chancen der ökonomisch starken Industriestaaten zu beschneiden, da Länder und Unternehmen mit niedrigen Produktionskosten auf den Weltmarkt drängen, denen bisher die gleichberechtigte Teilnahme am Welthandel verwehrt wurde – durch protektionistische Massnahmen der Industriestaaten (bei Entwicklungs- und teils Schwellenländern) oder durch den eisernen Vorhang (bei den Ländern Osteuropas).

Neben gesättigten Märkten mindert in vielen Industriestaaten rückläufige Kaufkraft das Wachs­tums­potenzial der Wirtschaft. Der Volkswirtschaft wird durch die Notwendigkeit für die Bürger, zusätzlich zur gesetzlichen Rentenversi­cherung eine private soziale Absicherung aufzubauen, weiter Kaufkraft entzogen. Die zuneh­mende Überschuldung von Haushalten und Jugendlichen beeinträchtigt ebenfalls die Kaufkraft. Probleme der Sozialsysteme und die ausufernde staatliche Verschuldung sind in vielen Ländern ebenfalls ein Hemmnis für wirtschaftliches Wachstum.

Dienstleistungen gelten als ein Hoffnungsträger für zusätzliche Wirtschaftsleistung. Der grösste Anteil der Dienstleistungen im industriellen Bereich besteht aber aus Leistungen, die zuvor im auftraggebenden Unternehmen selbst durchgeführt wurden. Obwohl diese Auslagerung von Leistung das Bruttoinlandsprodukt – das statistische Mass für Wirtschaftsleistung ­­– erhöht, weil die erbrachten Leistungen nun durch ein Unternehmen, den Dienstleister, in Rechnung gestellt werden, bleiben die Tätigkeiten die selben. Aufbau von Arbeitsplätzen (beim Dienstleister) und Abbau (beim Auftraggeber) dürften sich in etwa die Waage halten.

Wenn schon die Industrieländer selbst vor schmerzhaften Entwicklungen stehen, so lässt sich Wachstum doch zumindest in aufstrebenden Märkten generieren. Und indirekt können Unternehmen aus den Industrieländern über lokale Tochterunternehmen an dieser Entwicklung teilhaben. Doch auch international gibt es Wachstumshemmnisse, so z.B. globale staatliche Verschuldung oder mangelnde Infrastruktur, erhebliche Umweltprobleme, geringe Stabilität des Bankensystems oder bevorstehende Überalterung der Bevölkerung in vielen Ländern.

Auch theoretische Betrachtungen zeigen, dass dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum nicht möglich ist. Schliesslich handelt es sich um exponentielle Entwicklungen. Bei einem exponentiellen Wachstum bezieht sich die Steigerungsrate auf den Wert des Vorjahrs (Zinseszins-Effekt). Damit ist die Zeitdauer der Werteverdoppelung konstant (im Gegensatz zu linearen Entwicklungen; bei ihnen ist der absolute jährliche Anstieg konstant). Nehmen wir eine Wachstumsrate von 7 %, wie sie herbeigesehnt wird. Der Jahreswert verdoppelt sich aufgrund der exponentiellen Entwicklung etwa alle 10 Jahre: Nach 10 Jahren ist die Jahreswirtschaftsleistung also verdoppelt, nach 20 Jahren vervierfacht (siehe Abbildung) und nach 30 Jahren verachtfacht. Nach zwei Generationen (60 Jahre) muss innerhalb eines Jahres schon das 58-fache des Ausgangsjahres erwirtschaftet werden und nach drei Generationen das 440-fache! Dabei geht es in den Industrieländern um Wachstum, das von einer bereits hohen Basis aus geschaffen und konsumiert werden muss. Auch niedrigere Wachstumsraten führen zu eindrucksvollen Anstiegen.

Die Natur zeigt, dass dauerhaftes Wachstum zum Zusammenbruch des wachsenden Systems führt. Dagegen erfolgt bei einem gesunden, organischen Wachstum zu Beginn einer Entwicklung ein ausgeprägtes und exponentielles Wachstum, das anschliessend – wenn ein Optimum erreicht ist – in Stag­nation übergeht. Eine Stagnation allerdings, die durch Austausch mit der Umwelt bestimmt ist, die also dynamisch ist. Ein Beispiel hierfür ist der menschliche Körper. Ständiges Wachstum dagegen erweist sich systemisch und historisch betrachtet als eine Krise, wie der verstorbene Systemkybernetiker Frederic Vester feststellte, entspricht aber den Wünschen von Gesellschaft und Politik. Es gibt uns die trügerische Hoffnung, all die Probleme lösen zu können, die durch den Vorgriff auf zukünftige Mittel etwa bei den Staatsfinanzen und der Altersvorsorge entstanden sind. Es wird Zeit, den Problemen der Industriegesellschaften Lösungsstrategien entgegen zu setzten, anstatt vor allem auf den exponentiellen Anstieg der Wirtschaftsleistung zu hoffen.

Andreas Becker

Studienbüro Jetzt & Morgen

www.sbjum.de

Quelle: Zeitenwende

Wir danken Andreas Becker für die Erlaubnis zur Publikation dieses Artikels

Andreas Becker ist Autor des Buches "Das Risiko Privatvorsorge"


Mehr Infos:
Finanz- und Wirtschaftkskrise


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Dieser Artikel wurde 3021 mal gelesen und am 3.3.2010 zuletzt geändert.