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Warum gentechnikfreie Regionen schaffen?

Ein Argumentationsleitfaden für Bäuerinnen, Bauern und Gemeinden

2004: Anbau von Gentech-Pflanzen auch in Deutschland?
Mit Ausnahme von Spanien, wo auf einer Fläche von 32.000 Hektar gentechnisch veränderter Mais kommerziell angebaut wird, wachsen Gentech-Pflanzen erst versuchsweise auf europäischen Feldern. Das könnte sich vielleicht schon 2004 ändern. Denn das EU-Moratorium, das seit 1998 eine Neuzulassung von Gentech-Pflanzen verhindert hat, ist starkem politischen Druck ausgesetzt. Würde es fallen, wäre auch in Deutschland ein großflächiger Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen möglich. Ob es dazu kommt, hängt von zwei Faktoren ab: der Bereitschaft der Bauern, transgenes Saatgut auszubringen und der Bereitschaft der Verbraucher, gentechnisch veränderte Lebensmittel zu kaufen.

Wahlfreiheit der Verbraucher und Landwirte bedroht
Sollten gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, muss das Nebeneinander von konventioneller, ökologischer und Gentech-Landwirtschaft geregelt werden. Wie die sogenannte “Koexistenz” der drei Produktionsweisen rechtlich gestaltet sein wird, wird zur Zeit heftig diskutiert. Voraussichtlich treten die entsprechenden Gesetze und Verordnungen frühestens Mitte 2004 in Kraft. Bereits jetzt ist jedoch klar: Der Anbau von Gentech-Pflanzen wird die Freiheit der Bauern und Verbraucher massiv beeinträchtigen, sich auch in Zukunft noch für garantiert gentechnikfreie Produkte entscheiden zu können. Der Grund dafür sind gentechnische Verunreinigungen: Im Saatgut, auf dem Feld, über gemeinsame Maschinennutzung bei Aussaat und Ernte, während Lagerung, Transport und Verarbeitung - überall ist es möglich, dass Gentech-Pflanzen biologische und konventionelle Produkte kontaminieren. Je mehr gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut werden, desto schwieriger wird eine strikte Trennung. Die Folge: Der Aufwand, Verunreinigungen zu vermeiden, wird steigen, gentechnische Kontaminationen könnten von der Ausnahme zur Regel werden.

Was tun? Gentechnikfreie Regionen schaffen!
Der großflächige Anbau von Gentech-Pflanzen bedroht die gentechnikfreie Produktion konventionell und ökologisch produzierender Landwirte und damit die Wahlfreiheit von LandwirtInnen und KonsumentInnen. Eine Möglichkeit, sie dauerhaft zu schützen, besteht in der Schaffung von freiwilligen gentechnikfreien Regionen. Gentechnikfreie Regionen verringern nicht allein die Gefahr gentechnischer Kontamination, sie leisten noch viel mehr:
Zehn gute Gründe für die Schaffung von gentechnikfreien Regionen:

  • 1. Gentechnikfreie Regionen fördern die Partnerschaft zwischen Bauern und Verbrauchern
    Ein Bauer in Deutschland ernährt heute rund 125 Menschen. 100 davon, das zeigen Umfragen, wollen kein Gen-Food auf ihren Tellern. Diesem Wunsch zu entsprechen, dazu bekennen sich 70 Prozent aller Bauern. Sie wollen marktorientiert wirtschaften, gentechnikfreie Produkte erzeugen und sich auch in Zukunft das Vertrauen der VerbraucherInnen sichern. Gelingen wird ihnen dies auf Dauer jedoch nur dann, wenn sie durch das Wirtschaften in gentechnikfreien Regionen Verunreinigungen verhindern können.
  • 2. Gentechnikfreie Regionen sichern die Wahlfreiheit
    Landwirte und Lebensmittelproduzenten sollen auch zukünftig gentechnikfrei produzieren können. Und auch VerbraucherInnen wollen tatsächlich wählen können und nicht auf die Wahl zwischen mehr oder weniger gentechnisch verunreinigten Produkten beschränkt werden. Bauern haben ein Recht darauf weiter gentechnikfrei zu produzieren und fordern ein, unbehelligt von denen, die sich für GVO entscheiden wollen, für den Markt zu produzieren, der Produkte ohne Gentechnik nachfragt!
    Die freie Wahl der bevorzugten Produktionsweise und Lebensmittelprodukte kann jedoch nur dann langfristig gesichert werden, wenn die biologische und konventionelle Produktion ohne Gentech-Verunreinigungen möglich bleibt und nicht mit den Kosten einer GVO-Produktion belastet wird.
  • 3. Gentechnikfreie Regionen verhindern Mehrkosten
    Bei der Koexistenz zwischen GVO-Anbau und Produktion ohne GVO müssen Landwirte Maßnahmen treffen, um Verunreinigungen zu verhindern. Sie müssen sich untereinander absprechen und einigen, Hecken pflanzen, die als Pollenbarrieren dienen sollen, fixe Abstandsregeln einhalten, Fruchtfolgen anpassen, die Warenflüsse trennen und Kontrollen durchführen. Das alles kostet Zeit, Energie, Geld und Nerven - Ressourcen, die anderweitig sinnvoller genutzt werden können. Die Gemeinsame Forschungsstelle der EU-Kommission hat errechnet, dass sich die Anbaukosten zur Sicherung einer gentechnikfreien Produktion bei Raps, Mais und Zuckerrüben um wenigstens 5 bis 10 Prozent erhöhen, im Extremfall sogar um 40 Prozent. Nicht einmal berücksichtigt sind in der im Jahr 2002 erschienenen Studie die Kosten zur Trennung der Warenströme im der Landwirtschaft vor- und nachgelagerten Bereich. Wenn dies nicht ausdrücklich anders geregelt wird, könnte es sogar so weit kommen, dass die Kosten denjenigen angelastet werden, die weiterhin gentechnikfrei produzieren wollen. Eine Möglichkeit, sich diese Kosten zu sparen, ist das Wirtschaften in gentechnikfreien Regionen.
  • 4. Gentechnikfreie Regionen sichern Einnahmen und schaffen Planungssicherheit
    Ohne Gentechnik produzierende Landwirte erleiden Verluste, wenn ihre Ernten verunreinigt sind. Ein Biobauer kann seine kontaminierten Produkte nicht mehr als “Bio” vermarkten, sondern muss sie zu einem tieferen Preis als gentechnisch verunreinigtes Produkt verkaufen. Zudem droht ihm im Extremfall der Verlust seiner Ökozertifizierung - so geschehen in Spanien und Kanada. Doch auch konventionelle Landwirte müssen befürchten, dass sie ihre Ernten nach einer Verunreinigung nicht mehr oder nur mit Preisabschlägen verkaufen können. Inzwischen haben fast alle großen Supermarktketten in Deutschland erklärt, dem Wunsch der VerbraucherInnen nach gentechnikfreien Lebensmitteln zu entsprechen; Firmen wie Unilever, MacDonalds, tegut, Wiesenhof und Edeka setzen seit Jahren auf gentechnikfreie Produkte. Bio- und konventionelle Landwirte können ihre Einnahmen nur dann sicher planen, wenn sie in gentechnikfreien Regionen ohne Verunreinigungen produzieren können.
  • 5. Gentechnikfreie Regionen erschließen und erhalten neue Absatzmärkte
    Gentechnikfreie Regionen können neue Absatzmärkte erschließen. Das zeigt das Beispiel Mais: In den USA bauen Landwirte seit 1996 großflächig Gentech-Mais an. Seither sind die Exporte von Mais in die EU und nach Japan zusammengebrochen. Da die europäischen VerbraucherInnen keine Agro-Gentechnik wollen, die USA jedoch aufgrund allgegenwärtiger Verunreinigungen kaum mehr gentechfreie Chargen liefern können, haben die europäischen Händler den Partner gewechselt. Jetzt beliefern Länder, in denen keine Gentech-Mais-Sorten angebaut werden, den EU-Markt mit Mais im Wert von jährlich 300 Millionen US-Dollar – Einnahmen, die den amerikanischen Landwirten verloren gegangen sind und unseren Landwirten zugute kommen.
    Weil es bisher so gut wie keinen kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in der EU gibt, verfügt die hiesige Landwirtschaft zurzeit noch über einen großen Wettbewerbsvorteil: Sie kann die Nachfrage nach garantiert gentechnikfreien Produkten befriedigen - und das nicht allein für den EU-Binnenmarkt ab 2004 470 Millionen VerbraucherInnen, die in ihrer großen Mehrheit Gentechnik ablehnen, sondern auch für den asiatischen und den US-Markt.
  • 6. Gentechnikfreie Regionen erhalten die bäuerliche Unabhängigkeit
    Gentechnisch veränderte Sorten unterliegen dem Patentschutz. Die wenigen großen Saatzuchtfirmen, die Inhaber der Patente sind (und das im Fall von Raps und Soja dazugehörige Herbizid im Doppelpack dazu verkaufen) verlangen für den Anbau Lizenzen. Der eigene Nachbau ist dann nur noch nach Genehmigung durch den Patentinhaber und Bezahlung der Lizenzgebühren möglich. Kommt es zu stärkeren Verunreinigungen durch GVO im eigenen Saatgut, besteht die Gefahr, dass auch hierfür Patentschutz geltend gemacht wird.
  • 7. Gentechnikfreie Regionen erhalten den Wert des Bodens
    Der Anbau von Gentech-Pflanzen führt zu einer Wertminderung des Bodens, weil dort verbleibende Samen eine Umstellung von Gentech-Anbau auf gentechnikfreie Produktion über längere Zeit hinweg verhindern. Denn: Samen von Gentech-Pflanzen, die auf dem Feld Ernterückstände bilden oder bei Transporten am Rande von Straßen oder Bahngleisen verloren gehen, können in der folgenden Vegetationsperiode als Durchwuchspflanzen auflaufen. Auf Rapsfeldern bleiben nach der Ernte pro Hektar im Schnitt 200 bis 300 kg Samen zurück, und in Norddeutschland ist ein Durchwuchs von 400 Pflanzen/m² nicht ungewöhnlich. Rapssamen können im Boden länger als zehn Jahre überdauern und dann immer noch auskeimen. Deshalb haben fast alle evangelischen Landeskirchen ihren Gemeinden empfohlen, auf ihren Flächen den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zu untersagen. Neben einer grundsätzlichen Skepsis gegen den Einsatz der Gentechnik in Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion verweisen sie auf die Wertminderung des Bodens und damit ihres Besitzes.
  • 8. Gentechnikfreie Regionen sorgen für Transparenz
    Wo sich Felder mit gentechnisch veränderten Pflanzen befinden, soll ein öffentlich zugängliches Anbauregister erfassen - so sieht es die EU-Gesetzgebung vor. Wie öffentlich das Register dann tatsächlich sein wird - daran scheiden sich die Geister: Wer wann mit welcher Berechtigung Zugang zu flurstückgenauen Katastern haben wird, wie die Informationspflichten der Bauern untereinander aussehen, das steht zurzeit noch in den Sternen. Deshalb: Wenn Bauern nur eingeschränkten Zugang zu Informationen über den Anbau von Gentech-Pflanzen in ihrer Nachbarschaft haben, dann verhindern nur gentechnikfreie Regionen böse Überraschungen durch plötzlich auftretende Kontaminationsschäden.
  • 9. Gentechnikfreie Regionen verhindern Konflikte
    Was geschieht, wenn sich ein Bauer für den Anbau von Gentech-Pflanzen entscheidet, sein Nachbar aber strikt dagegen ist? Was passiert, wenn die Maßnahmen gegen Verunreinigungen nicht greifen? Wenn Wind und Insekten den Pollen der gentechnisch veränderten Pflanze ins Feld des gentechnikfrei wirtschaftenden Bauern tragen? Wenn seine Ernte trotz aller Vorkehrungen wie Sicherheitsabstände und Pollenbarrieren kontaminiert wird? Die derzeit vorliegenden Gesetzesentwürfe laden diese Frage alleine auf dem Nachbarschaftsrecht ab. Dann bleibt dem geschädigten Bauern nur die Möglichkeit, seinen Nachbarn zu verklagen. Mit allen Folgen für das nachbarschaftliche Zusammenleben: Die Gentechnik wird Zwietracht in den Dörfern säen.
  • 10. Gentechnikfreie Regionen vermindern unverhältnismäßiges Risiko
    Bis jetzt hat sich noch keine Versicherung bereit gefunden, das mit dem Anbau von Gentechnik verbundene Risiko zu decken. Die Probe auf’s Exempel kann jeder selbst machen, indem er seine eigene Betriebshaftplicht - Versicherung anspricht. Ebenso wie für die Versicherungen ist aber auch für Landwirte das Risiko unkalkulierbar: ein weiterer Grund, klare Verhältnisse in gentechnikfreien Regionen zu schaffen.
    Dass dem Risiko keine nachvollziehbaren Chancen gegenüber stehen, muss auch erwähnt werden. Denn produktionstechnisch versierte Bauern schöpfen aus Bt-Mais und Roundup resistentem Raps keine wirtschaftlichen Vorteile, die solche Risiken oder auch die erhöhte Abhängigkeit von wenigen Saatgutproduzenten wert wären.


Gentechnikfreie Regionen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Naturnah, konfliktfrei und am Markt orientiert - so lauten die Ziele der gentechnikfreien Produktion. Diese Ziele umzusetzen, daran arbeiten unsere Nachbarländer bereits seit Jahren: Österreich prüft die Einrichtung gentechnikfreier Regionen von der Größe eines Bundeslandes und produziert gentechnikfreies Saatgut. In der Schweiz haben Bauern- und Verbraucherorganisationen ein Volksbegehren lanciert, das die ganze Schweiz für die nächsten fünf Jahre zur gentechnikfreien Region machen will. Auch in Deutschland werden die Ziele umgesetzt. Drei Beispiele: Die Zentralgenossenschaft Karlsruhe garantiert gemeinsam mit ihrem elsässischen Partner Cooperative Agricole Cereal, dass über 200 000 Tonnen Mais für die Stärke- und Futterproduktion aus dem Rheinland ohne Gentechnik sind. Viele Kirchengemeinden haben durch Klauseln in ihren Pachtverträgen ausgeschlossen, dass auf kirchlichen Ländereien Gentech-Pflanzen angebaut werden. Und in Mecklenburg - Vorpommern sowie in der Schrofheide haben sich unterstützt durch den Deutschen Bauernverband (DBV) konventionelle und Biobauern zu gentechnikfreien Regionen zusammengeschlossen.
Gentechnikfreie Gemeinden sorgen für positives Image
Was können Gemeinden tun, die den Wunsch nach gentechnikfreier Produktion unterstützen wollen?

  • Sie können dem Vorbild von München, Reutlingen, Blomberg und anderer Städte und Gemeinden folgen und Pachtverträge so gestalten, dass auf den landwirtschaftlichen Flächen, die im Eigentum der Gemeinden sind, keine Gentech-Pflanzen angebaut werden. Musteranträge für den Gemeinderat sowie Musterpachtverträge sind unter www.faire-nachbarschaft.de zu finden.
  • Sie können in kommunalen Einrichtungen ausschließlich gentechnikfreie Produkte möglichst aus lokaler bzw. regionaler Produktion anbieten. Damit stärken sie Landwirte und Produzenten vor Ort, die den Wünschen der Verbraucher entsprechen wollen.
  • Sie können eine Veranstaltung organisieren, auf der sie die Einrichtung einer freiwillig vereinbarten gentechnikfreien Region auf der gesamten Landwirtschaftsfläche der Gemeinde zur Diskussion stellen. Anregungen dazu sowie Musterverträge für Landwirte und Hinweise auf Kooperationsmöglichkeiten mit bereits bestehenden Bündnissen finden alle, die sich für die Einrichtung gentechnikfreier Regionen engagieren wollen unter www.faire-nachbarschaft.de.


Was Gemeinden mit gentechnikfreien Regionen erreichen? Sie stärken damit das Vertrauen der Bürger in die regionalen Produkte, sichern ihren Landwirten Absatzmärkte, verhindern Konflikte und verleihen sich selbst ein positives Image.

Internetseiten mit weiterführenden Informationen:
hier: Gen - Info des BUND
www.faire-nachbarschaft.de
www.transgen.de
www.keine-gentechnik.de

Es gibt einen Film, der auf drastische Weise schildert, wie in Canada Monsanto Patentrechte gegenüber einem Ökobauern geltend gemacht hat, dessen Raps durch GVO kontaminiert worden war. Der Film „Tote Ernte“ kann über die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft e.V. Abl e.V., Bahnhofstr. 31, 59065 Hamm, Westf, 02381-9053170 bezogen werden.


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Dieser Artikel wurde 2824 mal gelesen und am 4.7.2007 zuletzt geändert.