Vögel & Windenergie: Vogelmordende Windräder, Vogelschlag und andere Märchen
Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 04.11.2003
Windkraftwerke als Todesfalle für Vögel?
Wie die Ergebnisse einer Tagung dramatisiert wurden - Empörung über CDU-Redner
Ziemlich verzerrt hat die staatliche Umweltakademie über eine Tagung berichtet, bei der es um Gefahren für Vögel durch Windkraftwerke ging. Aus politischem Kalkül, wie die Grünen vermuten? Oder war es nur ein peinliches Versehen?
Von Andreas Müller
Auf parteipolitische Neutralität legt die Akademie für Natur- und Umweltschutz großen Wert. Man gehöre zwar zum CDU-geführten Umweltministerium, sagt ihr Leiter Claus-Peter Hutter. Aber bei der Aufgabe, den wissenschaftlichen Austausch zu organisieren, spiele das keine Rolle. Auch für sich selbst nimmt Hutter, wiewohl langjähriges CDU-Mitglied, solche Unabhängigkeit in Anspruch: "Ich arbeite mit Leuten aus allen Parteien zusammen."
Nun aber ist die Umweltakademie jäh in den Verdacht der Parteilichkeit geraten. Anstatt sich mit Sachfragen zu beschäftigen, argwöhnen die Grünen im Stuttgarter Landtag, betreibe sie "Propaganda" für die Regierung. Wie zuvor schon der Petitionsausschuss habe sie sich zur "einseitigen Stimmungsmache gegen die Windkraft" hergegeben - ganz im Sinne von Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU), der die Rotoren nachgerade verbissen bekämpft.
Der Verdacht bezieht sich auf eine Tagung, die schon ein paar Wochen zurückliegt. "Windkraftanlagen - eine Bedrohung für Brut- und Zugvögel sowie Fledermäuse?" So lautete der Titel der Expertenanhörung, zu der die Akademie gemeinsam mit dem Naturschutzzentrum Schopflocher Alb nach Lenningen eingeladen hatte. Nüchtern sollten die 40 Vogelkundler aus ganz Deutschland die durchaus berechtigte Frage nach den ökologischen Nebenwirkungen der Mühlen erörtern. Doch die Akademie selbst brachte das Treffen in den Geruch der Agitation.
Es begann schon mit dem Grußwort, das der örtliche CDU-Abgeordnete Karl Zimmermann sprechen durfte. Als einziger Vertreter des Landtags nutzte er die Gelegenheit, um - so Teilnehmerberichte - eine halbstündige "Hetzrede" gegen die Windkraft zu halten. Reine Geschäftemacherei sei die, wetterte der ehemalige Hauptkommissar, es gehe nicht um Ökologie, sondern nur um Rendite. Fast schon mafiose Strukturen herrschten bei den Betreibern, die zudem oft mit den Grünen im Bunde seien. Nutzen für die Umwelt oder die Energieversorgung brächten die Rotoren dagegen keinen - im Gegenteil: Sie verbrauchten sogar noch Strom, weil man sie bei Flaute, "damit es gut aussieht", im Leerlauf drehen lasse. Viele Zuhörer zeigten sich ob Zimmermanns "Hasstiraden" entsetzt. "Hochgradig unqualifiziert" sei sein Beitrag gewesen, schimpfte ein Wissenschaftler, "eine Zumutung", sekundierte ein anderer.
"Damit war keiner glücklich, auch ich nicht", bestätigt der Tagungsleiter Fritz-Gerhard Link von der Umweltakademie. Aber was solle man machen, wenn sich ein Politiker derart "aufdränge"? Normalerweise sei es "nicht Gepflogenheit" seines Hauses, "nur eine Partei" zu Wort kommen zu lassen. Nach dem polemischen Auftakt verlief die Tagung immerhin in sachlichen Bahnen.
Umso erstaunter waren die Teilnehmer, als sie einige Tage später in den Zeitungen über das Ergebnis ihres Treffens lasen. Windkraftwerke, so das angebliche Fazit, seien "oft tödliche Fallen für Vögel". Die Federtiere würden von den Rotoren "regelrecht zerschreddert", in jeder Anlage fänden jährlich etwa fünfzig von ihnen einen grausamen Tod - "zerteilt in zwei Hälften". "Da muss ich auf einer anderen Veranstaltung gewesen sein", empörte sich einer der Zuhörer. Tatsächlich sei das Problem viel differenzierter diskutiert worden und keineswegs mit dem "sehr negativen" Resümee.
Des Rätsels Lösung: Journalisten waren zu der Tagung erst ein-, dann aber wieder ausgeladen worden. Ihre Berichte basierten auf einer Pressemitteilung, die die Umweltakademie herausgegeben hatte. Darin wimmelte es nur so von tendenziösen Ungereimtheiten. Mal wurde ein Experte zitiert, der gar nicht anwesend war - der Kronzeuge für die 50 toten Vögel pro Anlage. Mal wurde einem Referenten etwas in den Mund gelegt, was der nie gesagt hatte - dass es nämlich eine "beträchtliche Zahl" von Kollisionen gebe.
Und der Hinweis auf abertausende von Vögeln, die jedes Jahr auf Straßen oder in Stromleitungen enden, fiel völlig unter den Tisch. Dabei hätte er das fraglos bestehende Risiko durch die Rotoren gewaltig relativiert. Im Vergleich zu anderen Gefahren sei dieses "gering bis minimal", heißt es sogar in der Windfibel des Wirtschaftsministeriums. Wie aber kam es zu der völlig aufgebauschten, dramatisierenden Darstellung? "Das ist echt unglücklich gelaufen", gesteht der Tagungsleiter Link reumütig. Um die Medien möglichst schnell zu informieren, sei die Presseerklärung schon vor der Tagung geschrieben worden, anhand von Recherchen im Internet. Bei der Anhörung selbst habe dann manches ganz anders geklungen. Keinesfalls, versichert Link, habe die Akademie "politischen Begleitwind" für Teufels Anti-Windkraft-Kurs liefern wollen.
Doch genau diesen Vorwurf erheben die Grünen nun in einem Landtagsantrag. Für den Abgeordneten Walter Witzel lässt der "krasse Widerspruch" zwischen den tatsächlichen und den publizierten Ergebnissen der Tagung nur einen Schluss zu: Die vorgeblich neutrale Akademie habe sich für die "Kampagne" der Regierung einspannen lassen.
Das hält der Akademiechef Hutter zwar für "absolut" undenkbar. Fehler mag er freilich nicht völlig ausschließen: Wenn man etwas falsch dargestellt habe, "dann gibt es auch eine Richtigstellung".
Kurzer Nachtrag zum Thema Vögel, Windenergie,Windräder und Vogelschlag:
Bei einer umfangreichen Studie des windenergiefeindlichen Regierungspräsidiums Freiburg wurden im Jahr 2004 in ca. 3 Monaten unter 32 Windrädern insgesamt 5 tote Vögel gefunden werden. Bitte vergleichen Sie dies mit der Anzahl von Vögeln die eine Katze frißt die sich nicht nur im Haus aufhält. Pro Windrad wurden 1,25 tote Fledermäuse gefunden.
Hier finden Sie die Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage zum Thema Vögel, Fledermäuse, Wind, Windenergie, Vogelschlag.
Dieser Artikel wurde 887 mal gelesen und am 18.7.2007 zuletzt geändert.
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