Landesverband Thüringen11.04.2008Naturschutzverbände verlangen Sofortmassnahmen nach Entdeckung einer Großhöhle beim Tunnelbau ICE-Trasse Erfurt-NürnbergGemeinsame Pressemitteilung von DNR, Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher, Thüringer Höhlenverein und BUND ThüringenErfurt. Der Deutsche Naturschutzring (DNR) hat heute in Erfurt zusammen mit seiner fachlich zuständigen Mitgliedsorganisation Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher und dem Landesverband Thüringen des BUND Sofortmassnahmen zum Schutz der wohl größten Höhle Thüringens gefordert. Die in ihrem Umfang und ihrer Bedeutung sensationelle Entdeckung der Höhle im Blessbergtunnel der ICE-Strecke Erfurt- Nürnberg in Thüringen macht nach Auffassung der Verbände eine sofortige naturschutzfachliche Bewertung erforderlich. DNR-Generalsekretär Helmut Röscheisen forderte den thüringischen Minister für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt Dr. Volker Sklenar auf, gegenüber der Deutschen Bahn AG die Anforderungen des Thüringer Naturschutzgesetzes umzusetzen.Die bisherigen völlig unzureichenden Schutzmassnahmen auf europäischer Ebene müssen dringend erweitert werden. Mikel Iruju, spanischer Abgeordneter des MEP hat in Abstimmung mit den Höhlenforscherverbänden und Archäologen eine Anfrage zum Höhlenschutz an die EU Kommission bereits in Vorbereitung. Bisher sind lediglich bestimmte Höhlen als Lebensräume von Fledermäusen nach der FFH-Richtlinie geschützt. Nach einer vom Verband der deutschen Höhlen und Karstforscher erstellten Übersicht sind Höhlen in Deutschland bisher im Bundesnaturschutzgesetz und in den meisten Landesnaturschutzgesetzen als Biotop nicht geschützt. Lediglich Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stufen Höhlen in ihren Landesnaturschutzgesetzen als besonders geschützte Biotope ein. Hier gebe es dringenden Nachholbedarf sowohl auf Seiten des Bundes als auch der übrigen Länder. Auch wenn die mitteleuropäischen Höhlen auf den ersten Blick als eher lebensfeindlich erscheinen, bieten sie den Lebensraum für seltene und hochspezialisierte Tierarten. Neben Fledermäusen, Amphibien und Schmetterlingen, die Höhlen zum Überwintern aufsuchen, ist erst vor kurzem eine farb- und augenlose Höhlenspinne neu entdeckt worden. Eine andere seltene Art ist der "Urzeitkrebs", der vermutlich mehrere hundert Millionen Jahre fast unverändert in Höhlen überdauert hat. Allein in Deutschland wurden bisher über 3000 Tierarten in Höhlen nachgewiesen. Bärber Vogel vom Verband der deutschen Höhlen und Karstforscher e.V. fordert gesetzliche Regelungen zur Einbeziehung der Höhlenforschung bei Bauvorhaben im Karst, eine exakte Dokumentationspflicht sowie die Zugänglichkeit der Höhlen, damit potentielle Gefahren langfristig eingeschätzt werden können. Unterirdische Wassersysteme sind keine starren Objekte, sondern ändern sich durch Einflüsse von Außen zum Teil mit gravierenden Folgen. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel sollten alle zu Verfügung stehenden Daten genutzt werden, denn Hochwässer finden ebenso im Untergrund statt. Gefordert wird deshalb die staatliche Unterstützung dieser Forschungen, denn bisher findet Höhlenforschung in Deutschland außnahmslos ehrenamtlich statt. Dr. Burkhard Vogel, Landesgeschäftsführer des BUND Thüringen wertet die Verfüllung des freigelegten Höhlenbereiches mit Beton als einen Verstoß gegen das Thüringer Naturschutzgesetz. Da Höhlen gesetzlich besonders geschützte Biotope seien, müssten Veränderungen durch die zuständige Naturschutzbehörde genehmigt werden. Dafür sei auch eine förmliche Beteiligung der anerkannten Naturschutzverbände erforderlich. Wie der Verband weiter mitteilte, zeige der Vorfall erneut, dass der Bau der ICE-Trasse durch den Thüringer Wald nicht nur oberirdisch sondern auch in den Tunnelbereichen unschätzbare Naturwerte bedrohe. Der geringe Zeitgewinn der mit dem ICE-Trassen-Projekt auf der Strecke Nürnberg-Erfurt erreicht werde, rechtfertige nicht die Zerstörung einzigartiger Naturwunder. Der Verband forderte Bundesregierung und Bahn auf, das Milliardenschwere Prestige-Projekt ökologisch verkehrs- und finanzpolitisch neu zu bewerten. Anläßlich einer Besprechung am gestrigen Tage auf der Baustelle, an der Vertreter der Bahn-AG, des Eisenbahn-Bundesamtes, der am Bau beteiligten Firmen, des Thüringer Ministerium für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt, des Thüringer Landesbergamtes, des Landratsamtes Sonnebergs und des Thüringer Höhlenverein e.V. beteiligt waren, wurde die weitere Verfahrensweise nach der Entdeckung der bedeutenden Karsthöhle besprochen. Der inzwischen ebenfalls freigelegte Ostteil der Höhle soll zunächst auf seine Einflüsse auf den weiteren Tunnelvortrieb untersucht werden und danach in Tunnelbereich gesichert werden. Er erhält einen Zugang, durch den während der Tunnelbauzeit ein Zugang zur Höhle möglich sein wird. Dem Thüringer Höhlenverein e.V. (THV) wird die Forschung in der Höhle zugesichert, solange dieser Zugang besteht. Der THV wurde um kurzfristige Zuarbeiten gebeten, die den Einfluß der Höhle auf den weiteren Vortrieb beurteilen helfen. Dazu werden die nötigen Forschungen sofort in Angriff genommen. Die Arbeiten des THV werden durch das Thüringer Landesbergamt koordiniert. Die naturschutzfachlichen Belange sind damit allerdings immer noch nicht berücksichtigt. |
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