Landesverband Thüringen

Herbst 89

Im Herbst 89 war hier in Bad Hersfeld wie im ganzen Bundesgebiet richtig Herbst, wie jetzt, mit Nebel und kalt. Nur wenige Kilometer von hier entfernt war eine andere Jahreszeit. In der DDR war der Herbst 89 ein Frühling.
Ich habe überlegt, was diesen Herbst 89 ausgemacht hat und ich denke: Wir haben damals die Maschinerie der Angst angehalten.
In jedem Kopf war diese Maschinerie der Angst eingepflanzt. Und die funktionierte selbst schon bei Kindergartenkindern. Immer dann wenn ein Gedanke auf dem Weg war, ausgesprochen und zu einem wahren Wort zu werden, wurde diese Maschinerie in Gang gesetzt: Was kann mir passieren, welche Repressalien habe ich zu erwarten, meine Kinder könnten die Lehrstelle nicht bekommen, den Studienplatz sowieso nicht, keinen Passierschein ins Grenzgebiet für den Besuch der Großeltern, die Reise in den Westen zum 85. meiner Tante könnte platzen, ich könnte im Knast landen. In diesem Räderwerk ist die Wahrhaftigkeit zermalmt worden. Und dieses Räderwerk ist im Herbst 89 zum Stillstand gekommen. Das war aber kein Ruck durch die DDR. Das ging langsamer als mancher heute denkt. Da ging es um jeden Kopf von den 17 Millionen, um 17 Millionen Seelen. Einzeln, jeder für sich. Das war noch nicht ausgestanden, als in der ARD die ersten Bilder von den Montagsdemos gezeigt wurden. Als wir mit den letzten Haushaltskerzen (die plötzlich Mangelware waren) zu den ersten Friedensgebeten gingen, war die Maschinerie noch intakt und wir hatten Angst - zu Recht wie sich später herausstellte. Aber wir waren stärker, gemeinsam. Ich erinnere mich an eine Kirche in Eisenach, die war so voll, daß alle, die drinnen zu den Leuten geredet hatten auch nach draußen gehen mußten, weil dort alle auf dem Marktplatz standen, die nicht mehr hineinpaßten. Und einer ging also hinaus und stieg auf den Rand des Marktbrunnens und sagte: Ich heiße...ich wohne..., ich arbeite... . Dieser Mann hatte öffentlich mitgeteilt, daß seine Maschinerie der Angst und damit dieses Regime keine Macht mehr über ihn hatte. Diese Erfahrung hat aus dem Herbst einen Frühling gemacht.



Ralf Uwe Beck


Die Menschen sind damals durch die Kirchen auf die Straßen und Plätze gezogen. Von außen sieht das selbstverständlicher aus als es ist. Daß die Kirchen ihre Türen geöffnet haben, war aber das Ergebnis von jahrelanger ermüdender Kleinarbeit, die die Gruppen der Friedens-, Gerechtigkeits- und der Umweltbewegung geleistet haben. Die haben dafür gesorgt, daß es diese Nadelöhre ins Freie gab, in Freiräume, oder viel einfacher: in freie Räume.

Und dort ging es dann um die wirklichen Mangelwaren des Ostens, um Recht und Gerechtigkeit, um Presse- und Meinungsfreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit. Aber auch um sauberes Wasser für unsere Flüsse ging es und darum, daß Gülle nicht länger in Seen gepumpt wird, um ein Ende des Uranbergbaus und Filter in Schornsteinen, um Pseudokrupp bei unseren Kindern und die niedrigere Lebenserwartung im Chemiedreieck. „Die DDR braucht die SED wie der Wald die Abgase.“ - war eine der Losungen der Wende. Die Forderung nach einem Wechsel in der Reihenfolge „Ökonomie vor Ökologie“ war nicht nur ein Anhängsel, wie wir das von bundesdeutscher Politik kennen und von DDR-Politik kannten, sondern war eine der zentralen Forderungen dieser Bewegung.


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