Landesverband Thüringen

Mauerfall

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Von da an ging es nicht mehr nur um die Wurscht, sondern auch um die Bananen. Und trotzdem war es einer der glücklichsten Tage in diesem Herbst 1989. Daß aus dem „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk“ wurde, muß nicht verwundern. Es macht nur noch einmal ganz aus der Nähe klar, welche Anziehungs- und Überzeugungskraft dieses reiche und saubere Deutschland auf andere Menschen und Länder hat. Das ist es doch, was ich in dem „Zukunftsfähigen Deutschland“ wiederfindet, daß dieses Deutschland für die Entwicklungsländer, die sich entwickeln wollen und sollen, ein Modell ist, daß aber, wenn die nachmachen, was wir vormachen, diese Erde unweigerlich im Ökokollaps landen muß und wir eben deshalb dieses Modell Deutschland zu verändern haben. Die Leute im Osten können das nachvollziehen; sie haben sich ja selbst erlebt als Menschen, die von diesem großen Kuchen etwa abhaben wollten.

Ganz sicher ist mit dem Mauerfall viel Bewegung, sind viele Pläne in den Supermärkten geblieben. Und trotzdem hat es nach dem Mauerfall noch ein richtig gutes Stück DDR gegeben. Das beginnende Jahr 1990 habe ich als eines der hoffnungsvollsten erlebt. Das war die DDR des Rundes Tisches, die DDR ohne Geheimdienst, die DDR mit einem Abrüstungsminister. Diese DDR ging schonungslos mit sich um und hat sich selbst damit die unbegrenzten Möglichkeiten neuer Entwicklung gegeben. Das war ein unglaublicher Klärungsvorgang, in dem sich das Land selbst entlarvt hat, aufgedeckt hat, was Jahrzehnte bekannt war, aber nicht bekannt gemacht werden durfte. Für den Umweltbereich gab es einst den Geheimnisschutz für Umweltdaten - eine DDR-Verordnung. Die war jetzt aufgehoben: Die 11.000 wilden Mülldeponien durften endlich so auch genannt werden. Der Uranabbau war nicht mehr Ruhm des Bergbaus, sondern Zerstörung der Superlative. Die 180.000er Schweinemastanlage im Plothener-Teichgebiet war nicht mehr der vorbildliche Exportbetrieb sondern nur noch eine große Sauerei.
Und gleichzeitig dieses neue und gute Gefühl, plötzlich für etwas eintreten zu können. Wir haben diskutiert, ob die DDR eine Automobilindustrie braucht (manch einer hat ja behauptet, wir hätten nie eine gehabt, weil Trabis und Wartburg ja keine Autos gewesen sind) - schließlich hat Österreich auch keine und hat bisher überlebt. Wir wollten stattdessen Blockheizkraftwerke und Solaranlagen bauen und haben das mit der Werksleitung diskutiert. Wir sind mit Planungsbüros Dorfränder abgeschritten und haben nach Flächen für Wurzelraumkläranlagen gesucht.

Die Wende hatte mit dem 9. November 1989 nicht ihren letzten Tag. Das muß gerade in diesen Wochen einmal gerade gerückt werden. Ich habe ein Interview mit Mischnik [wer war das Anm. der Redaktion] gehört, der sich an den Mauerfall erinnert und gesagt hat - und er ist nur ein Beispiel, das sagen viele ganz ähnlich – dass er damals gedacht habe: Ja, jetzt mit dem Mauerfall hat sich der Aufbruch der Menschen in der DDR, der ja ein Aufbruch ins Ungewisse war, gelohnt. Das ist doch eines der großen Mißverständnisse, mit denen der Westen die damalige Bewegung des Ostens einzuordnen versucht. Wer so mit dem Herbst 89 umgeht, will doch den Frühling, der da drin war, nicht wahrhaben, kann ihn vielleicht auch nicht wahrhaben, weil er nicht im Osten gelebt und die Wende nicht erlebt hat. Die Wende und die Deutsche Einheit sind nicht eins. Diese Versuche, der Wende im Museum für Deutsche Geschichte einen Platz zuzuweisen (Platz, Wende, Platz, Sitz), sind Vereinnahmungen der Ideen und Ideale, der Träume und Fragen, die daraus für das ganze Deutschland resultieren. Da bereits beginnt die Verdrängung, dass es gerade nach dem Mauerfall eine Chance gegeben hätte, dieses Deutschland insgesamt zu verändern. Mit der offenen Grenze und der Diskussion um die Deutsche Einheit haben sich die Fragen wie von selbst an das ganze Land gestellt: Wieso braucht es denn einen Geheimdienst; wir haben den im Osten - einen nicht gerade zimperlichen - besetzt und ausgeräumt? Kann nicht der Runde Tisch mit seiner Kultur und der selbstverständlichen Beteiligung von NGO’s - wenn man so will - Demokratie insgesamt bereichern? Und so weiter.
Das war ja dann nicht mehr nur unsere Hoffnung im Osten, das war ja auch die Hoffnung der Bewegung im Westen, was uns sehr gut getan hat.


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