Landesverband Thüringen

Deutsche Einheit

Aber die Wende war noch kein Jahr alt - da hat sich der Wind gedreht, aus Ostwind wurde Westwind. Die Deutsche Einheit war eben nicht Ergebnis eines Prozesses der Auseinandersetzung mit den Ideen und Idealen aus dem Herbst 89, wie wir das noch Frühjahr 90 gehofft hatten, sondern ein Beitritt des Ostens an die Bundesrepublik Deutschland nach Paragraph 23 Grundgesetz.
Und damit hatte es sich mit dem (zugegeben naiven) Traum von einem sozial gerechten, pazifistischen - ja und auch ökologisch orientierten Land. Günter Grass hat ja die Einheit deshalb auf den prägnantesten Punkt gebracht, indem er sagte, das sei ein großer Pfusch gewesen.

Genau in diese Enttäuschung hinein wurden die Landesverbände des BUND im Osten gegründet, im Frühjahr 1990 die ersten - vor der Unterzeichnung des Einigungsvertrages. Wir wollten vorbereitet sein und uns als Teil einer Umweltbewegung verstanden wissen, die Erfahrungen hatte mit diesem uns so fremden Deutschland, die vorbereitet sein mußte auf das, was auf uns zurollte. Es war also eine bewußte politisch notwendige Entscheidung, nicht einen eigenen Weg zu versuchen, unabhängig von der westlichen Umweltbewegung- wie das etwa die Grüne Liga versucht hat.

Die Ansprüche aus dem Herbst 89 mußten zwangsläufig kollidieren mit der Deutschen Einheit. Das Vorhaben, die Lebensverhältnisse Ost-West anzugleichen, oder genauer gesagt, Ost an West anzugleichen, konnte doch nur bedeuten, daß nunmehr auch die Probleme des Westens übertragen werden auf den Osten. Kohls Rede von den blühenden Landschaften meinte doch, daß die Landschaften des Ostens, die Wirtschafts-, Lebens- und Kulturlandschaften nach westdeutschem Vorbild gestaltet werden sollen. Das ist das Versprechen der Deutschen Einheit. Und hierbei war nicht vorgesehen, genauer zu prüfen, welche Ansätze im Osten für eine zukunftsfähige Entwicklung vorhanden waren. Was der Bauer nicht kennt, frißt er nicht, schon gar nicht, wenn es im Osten gewachsen ist und der Bauer verbeamtet ist:


  • Manche ostdeutsche Stadt war zu 50% fernwärmeversorgt, eine hervorragende Voraussetzung für den Ausbau von Kraft-Wärme-Kopplung. Für die Energiekonzerne ein Graus und damit erledigt.
  • 71,5% der Güter wurden 89 in der DDR von der Reichsbahn bewegt, in den Altbundesländern nur 21,6%.
  • Über 35% der Personenkilometer in der DDR gingen auf das Konto der Bahn gegenüber 15% in Westdeutschland.
  • Es gab ein Tempolimit, das BUND-Forderungen entsprochen hätte.
  • Bei der Erfassung und Trennung von Sekundärrohstoffen waren die Ossis Europameister. - Im Glasbereich 100% Mehrweg (da konnte es schon vorkommen, daß man den Schnaps in einer Bohnerwachsflasche zu kaufen bekam).
Das sind nur Beispiele, die heute für vertane Chancen stehen. Das Land stand davor, umgekrempelt zu werden. Wie vieles hätte konsequent zukunftsfähig gestaltet werden können. Aber die Umweltpolitik der BRD war fixiert auf die Hinterlassenschaften der DDR-Wirtschaft, auf die Altlasten, die ja - zugegeben - angesichts ihres Ausmaßes auch beeindruckend waren. Und von daher ging die Umweltpolitik davon aus, daß westdeutsches Niveau durchweg auf einer höheren ökologischen Stufe rangiert, an das der Osten anzugleichen ist. Und das war falsch. Das Land war falsch beraten von dem Heer derer, die losgeschickt worden waren, die Ämter im Osten zu besetzen und die in den Genuß der Buschzulage kamen. Jede Haushaltskerze im Oktober 89 hatte mehr Licht gegeben als so manche von diesen trüben Funzeln.
So gut wie nichts hatte Bestand, die Wirtschaft nicht, nicht Kultur und Kunst, das Tempolimit nicht, aber das atomare Endlager Morsleben, das bekam Bestandsschutz - 10 Jahre.


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