Landesverband Thüringen

Aufschwung Ost

Aufschwung Ost war die Losung unter der all die Konzepte aus den Zeiten der Wirtschaftswunderjahre wieder hervorgekramt werden konnten. Alle hatten es eilig, die einen Gewinn zu machen und die anderen aus dem Osten näher an den Westen zu kommen.

Die jungen BUND-Landesverbände im Osten haben damals in einem Dauerzustand der Überforderung gearbeitet. Wir waren gewohnt, uns um die Umweltbelastungen zu kümmern, die man sehen, riechen und schmecken konnte. Politische Konzepte und Strukturen waren uns nicht vertraut. Die Instrumente, die ein Staat zur Einflußnahme auf Wirtschaft und Konsumverhalten hat, waren uns überhaupt nicht geläufig. Abfallpolitik hieß in der DDR Sero und jetzt war es ein Buch mit sieben Siegeln.
Dazu kam, daß wir zwar nach 5 oder 10 Jahren DDR-Umweltbewegung strategisch gelernt hatten, wie wir diesem DDR-Staat eine unberechenbare Kraft sein konnten, mit der man aber immer zu rechnen hatte. Aber die Instrumente der politischen Arbeit eines Umweltverbandes im Westen kannten wir genausowenig wie das neue politische System.
Ich erinnere mich an eine erste gemeinsame Sitzung der Bundesgeschäftsstelle mit den BUND-Landesverbänden im Osten, wo ich irgendwann völlig frustriert gefragt habe, was das ist, „Lobbyarbeit“, von der seit einer halben Stunde geredet wird.
Wir hatten zu lernen und zwar unter Zwang und waren deshalb wenig motiviert.

Die Überforderung war auch eine seelische. Gerade die, die lange vor der Wende für eine andere DDR gekämpft hatten, mußten jetzt wieder ran, waren aber nicht mehr gefragt. Keine Zeit, die Vergangenheit zu reflektieren, keine Zeit, sich intensiv mit den Machenschaften der Stasi zu beschäftigen.
Ja und selbst dort, wo Verbesserungen eintraten, waren die Umweltgruppen mit dem viel zu hohen ökologischen Preis für diese Verbesserungen konfrontiert. Nicht einmal das konnte gefeiert werden:


  • Die Flüsse wurden sauberer, aber gleichzeitig entstanden überdimensionierte Kläranlagen, teuer für die Bürgerinnen und Bürger, gewinnbringend für Baufirmen. An diesem Punkt haben die Leute ja Recht, wenn sie sagen, daß für Umweltschutz zuviel Geld ausgegeben wird.
  • Die Luft verlor ihren Schwefelgestank, und die Belastung durch die Verringerung des Braunkohleeinsatzes wurde aber neu belastet durch Zunahme von Stickoxiden mit dem zunehmenden Straßenverkehr.
  • Altlasten wurden zwar erfaßt und auch saniert, viel zu wenig Industriebrachen allerdings, so daß der Zuwachs an Gewerbe und Freizeitflächen hätte aufgehalten werden können.
Hinter der Fanfare vom Aufschwung Ost und der Litanei von den blühenden Landschaften haben wir den Großangriff auf die Grüngürtel der Städte, auf die Flußauen durch das Wasserstraßenprogramm, auf die Landschaften durch die Verkehrsprojekte Deutsche Einheit, durch Autobahnbau und Schienentrassen, erlebt - ein Szenarium, das den Ländern weiter im Osten noch bevorsteht. Die Entwicklung der Umweltsituation ist allen hier bekannt, den einen aus den letzten 10 Jahren, den anderen aus den letzten 50 Jahren. Nur läuft das, was im Westen auf Jahrzehnte verteilt war, im Osten in einem atemberaubenden Tempo ab. Die Beschleunigungsgesetze für den Verkehrsbereich sind zum Symbol geworden. Sie sind die Kollision der 89er Forderung nach mehr Demokratie und der hastigen Angleichung Ost an West - notfalls mit weniger Beteiligung.

Und die neue Regierung hat diese Zumutung verlängert. 10 Jahre hatten die Zeit, zur Kenntnis zu nehmen, wie die Entwicklung im Osten verlaufen ist. Rot/Grün in trauter Ignoranz ihres eigenen Koalitionsvertrages, in dem etwas von mehr Partizipation steht.

Unter dem Eindruck der Umweltentwicklung verblassen die Highlights, die es aber auch zu würdigen gilt: die Atommeiler in Greifswald, Reinsberg und Rossendorf sind abgeschaltet, das Atomkraftwerk in Stendal wurde nicht zu Ende gebaut. Der Uranabbau durch die Wismut wurde eingestellt. Und nicht zuletzt das Großschutzgebietsprogramm, mit dem einmalig große und viele Naturschutzflächen handstreichartig Stunden vor der Deutschen Einheit noch unter Schutz gestellt worden sind.

Die BUND-Landesverbände im Osten hatten Anfang der 90er Jahre kaum Erfolge, und es ist ein Wunder, daß sie nicht ganz nach Hause gegangen sind. Hier hat der BUND als Bundesverband seine Aufgabe erfüllt und auf allen Ebenen, vom Bundesverband, von den Landesverbänden und auch den Gruppen aus, seine Stärke bewiesen. Die angebotene Hilfe der West-Umweltbewegung war vermutlich das motivierendste Anfang der 90er Jahre. Viele Kontakte wurden geknüpft, die jetzt und im nächsten Jahr ihr 10jähriges Jubiläum feiern. Dafür ist Dank zu sagen. Ich will das nicht namentlich tun, damit würde zu vielen Unrecht geschehen, die nicht erwähnt würden, weil ich die vielen gar nicht kenne und weil wir viel Zeit bräuchten. Herzlichen Dank allen, die da geholfen haben.


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