Landesverband Thüringen

Rede von Ron Hoffmann zur Landesversammlung des BUND Thüringen am 21. April 2007 in Erfurt

Liebe Freunde, Liebe Gäste,

herzlich willkommen zu Landesversammlung des BUND Thüringen. Ich freue mich Sie und Euch hier willkommen zu heißen. Besonders freut mich, dass es uns gelungen ist Herrn Prof. Dr. Ernst-Detlev Schulz, Direktor des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena und Träger des Deutschen Umweltpreis 2006 begrüßen zu dürfen, der heute mit einem Vortrag zum Thema: „Der Beitrag der Wälder zum Klimaschutz“ unsere Landesversammlung sicherlich bereichern wird. Vielen Dank, dass sie da sind.

Der Klimaschutz ist in aller Munde. In einer Zeitung fand ich neulich einen interessanten Artikel, aus dem ich ein kleines Zitat vorlesen möchte. In diesem Artikel wird eine Studie der Umweltschutzbehörde EPA vorgestellt, nach der die Durchschnittstemperaturen bis zum Jahr 2040 um zwei Grad, bis 2100 um fünf Grad steigen werden. … Daher müssten die Regierungen der Welt jetzt nach Möglichkeiten forschen, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Rundschau und ist knapp 25 Jahre alt. Er stammt vom 20.10.1983.

Damals belächelt und als wissenschaftliches Problem abgetan, hat es die Politik versäumt auf dieses Problem zu reagieren und Handlungsstrategien zu entwickeln und umsetzen. Auch im Bewusstsein der Menschen ist dieses Problem lange Zeit nicht angekommen. Aber spätestens nach dem letzten Winter mit Frühlingstemperaturen und dem Orkan Kyrill ist die Bedrohlichkeit der Situation ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Der Klimawandel ist keine Theorie, sondern er vollzieht sich bereits und wir sind mitten drin.

So wie Umwelt- und Naturschützer sich schon damals zu Wort meldeten, dass sich etwas ändern muss, tun wir es mittlerweile seit ca. 15 Jahren und melden uns zu Wort.

Wir wollen nicht erst handeln, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Wir riskieren, gegen den Strom zu schwimmen aus Spaß am Leben in einer intakten Umwelt und aus gesundem Menschenverstand. Wir zeigen, dass es anders gehen kann. Und wir werden mehr! Im vergangenen Jahr haben wir unsere Mitgliederzahlen um mehr als 10% steigern können.

Als der Umwelt- und Naturschutzverband haben wir uns engagiert, um den Menschen und der Politik praktische Handlungsoptionen aufzuzeigen. Ein kurzer Blick auf das vergangene Jahr soll zeigen, wo wir Handlungsansätze nicht nur sehen, sondern auch aktiv geworden sind.

Gerade erst begonnen und uns sicherlich noch lange als Thema der Auseinandersetzung begleiten wird uns unser Kampf gegen die Rhöntrasse, die als Transitstrecke für den Schwerlastverkehr das Biosphärenreservat zerschneiden und damit dieser vom Tourismus lebenden Region ihre Lebensgrundlage entziehen soll. Wir haben informiert, demonstriert und lobbyiert. Mit Erfolg: immer mehr Unterstützer aus der Landwirtschaft, der Kommunalpolitik und vor allem immer mehr Menschen aus der Region schließen sich dem Protest des BUND gegen das völlig überzogene Straßenbauvorhaben an. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang unserer Zusammenarbeit mit dem BUND Landesverband Hessen.

An der Werra setzten wir mit der Schaffung von Rückhalteflächen durch den Anschluss eines Altarms und dem Rückbau von Uferbefestigungen ein Zeichen für natürlichen Hochwasserschutz und gaben Tieren wie dem Flussuferläufer und dem Eisvogel ein Stück ihrer ursprünglichen Heimat zurück.

Die Klimaänderung schafft auch für die biologische Vielfalt Probleme. Bis zu 30% unserer Arten sind durch den Klimawandel in Deutschland bedroht! Wissenschaftler fordern Ausbreitungskorridore, entlang derer Tiere und Pflanzen neue Lebensräume besiedeln können. Wir haben bereits angefangen, das umzusetzen: Im Projekt „Rettungsnetz für die Wildkatze“ schaffen wir gemeinsam mit den Landesverbänden aus Hessen und Bayern großräumige Verbundlinien für die Wildkatze, aber auch viele andere Arten. Auch das Grüne Band ist eine wichtige Nord-Süd-Verbindung für Tiere und Pflanzen.

Wir können die Änderung unseres Klimas vielleicht nicht mehr aufhalten, wir stehen ihr aber nicht hilflos gegenüber. Unsere Beispiele zeigen, im BUND sind Menschen, die mit Zuversicht handeln. Wir suchen Antworten für die drängenden Fragen der Zukunft, ob beim Klimawandel oder beim drohenden Verlust biologischer Vielfalt.

Was wir vermissen, ist das Handeln der Politik. Tag, um Tag verstreicht ohne, dass die Politik konsequent daran arbeitet, die klimaschädlichen Emissionen drastisch zu senken. Statt den Klimaschutz zu „privatisieren“ und ausschließlich auf eine Veränderung des individuellen Handelns der einzelnen Bürger zu reduzieren, sind drastische politische Entscheidungen gefordert, die eine Reduzierung des CO2 Ausstoßes vor allem auch bei den Hauptverursachern, den großen Kraftwerken, der produzierenden Industrie und dem Verkehrswesen nach sich ziehen.

Mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen werden wir den Druck auf ausgewählte Unternehmen erhöhen, um klimaschädliche Technologien vom Markt zu verdrängen. Im Visier stehen vor allem Elektrohandelsketten und Elektronikkonzerne, die Stromfresser anbieten, Energiekonzerne, die auf Kohle- und Atomstrom anstatt auf erneuerbare Energien setzen, und Automobilhersteller, die Spritfresser anstatt sparsame Fahrzeuge vermarkten. Schließlich wollen wir das Engagement der Bevölkerung für den Klimaschutz aktivieren.

Die Landesregierung in Thüringen zeigt in der Klimapolitik, wie übrigens auch in vielen anderen Politikbereichen: als Stichworte seien genannt die unsägliche Behördenstrukturreform, der Verkauf (oder besser gesagt das Verschenken) der Hohen Schrecke, die sogenannte Familienoffensive, die Situation an den Thüringer Schulen, die fehlenden plebiszitären Elemente auf kommunaler Ebene, dass sie nicht in der Lage ist dieses Land zukunftsorientiert, zielgerichtet und im Sinne Ihrer Bürgerinnen und Bürger zu regieren. Unsere Landesregierung spricht zwar vom Klimaschutz - sobald aber konkretes Handeln gefragt ist, gehen oft unternehmerische Interessen vor. Diese Kurzsichtigkeit muss endlich überwunden werden.

Wir fordern unsere Landregierung auf, dafür Sorge zu tragen, dass Thüringen ein Vorreiter und Zukunftsmotor in der Bundesrepublik in Sachen Umwelt- und Naturschutz wird. Dies schafft Arbeitsplätze und verbessert die Lebensbedingungen der Menschen. Thüringen braucht eine Klimapolitik, welche die klimaschädlichen Emissionen drastisch senkt, denn die Festlegung anspruchsvoller Klimaziele ist eine Frage der Gerechtigkeit, sowohl innerhalb der heutigen Generation als auch im Verhältnis zu kommenden.

Wenn der Begriff Politik ganz allgemein ein vorausberechnendes, innerhalb der Gesellschaft auf ein bestimmtes Ziel gerichtetes Verhalten bezeichnet, dann muss man konstatieren, dass der jetzigen Landesregierung nicht nur ein vorausberechenbares Vorgehen und ein Ziel sondern offensichtlich auch der Mut fehlt.

Der ehemalige britische Premierminister William Ewart Gladstone sagte einst: „Der Politiker denkt an die nächsten Wahlen, der Staatsmann an die nächste Generation.“

Herr Althaus: Werden sie zum Staatsmann!!!

Im Hinblick auf die nächsten Landtagswahlen werden wir die Politik herausfordern, für Unternehmen und Menschen vernünftige Rahmenbedingungen für klimaverträgliches Handeln zu schaffen. Dazu brauchen wir ein Klimaschutzprogramm für Thüringen, welches diesen Namen verdient.

Dazu werden wir auf der heutigen Landesversammlung eine entsprechende Resolution verabschieden, die den Auftakt für diese Auseinandersetzungen bilden soll.


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