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Wesermarsch
Aus der Kreiszeitung Wesermarsch vom 23. 4. 2005
Chemie vom Teppich bis zum Dachbalken
Wohngifte: Experte Karl-Jürgen Prull rät zu voll deklarierten Produkten und Möbeln aus Massivholz
Nordenham (gl).
Karl-Jürgen Prull aus Dörverden ist Experte für Baubiologie. Der Sprecher der Arbeitsgruppe Innenraumschadstoffe und Gesundheit im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) hat am Donnerstag im Gymnasium auf Einladung des BUND einen Vortrag über Wohngifte gehalten. Die Kreiszeitung hat mit ihm ein Gespräch über dieses Thema geführt.
Kreiszeitung Wesermarsch: Herr Prull, Wohngifte, das klingt nach einem Problem aus einer Zeit, in der noch munter Asbest verbaut wurde und sich niemand großartig Gedanken über Ökologie machte. Ist das Thema heute tatsächlich noch relevant?
Karl-Jürgen Prull: Es ist relevanter als je zuvor. Von 30 000 Chemikalien in Baustoffen sind nur 30 in den vergangenen zehn Jahren auf die gesundheitliche Verträglichkeit geprüft worden. Hinzu kommt, dass neue Produkte heute fast nur noch mit einer Kombination von verschiedenen Stoffen hergestellt werden. Dadurch wird alles noch unübersichtlicher.
Kreiszeitung Wesermarsch: Wie wirken sich die Wohngifte aus?
Karl-Jürgen Prull: Ein ganz banales Beispiel sind Kopfschmerzen, die zum Beispiel durch Formaldehyd ausgelöst werden. Das Problem ist, dass viele Produkte als Formaldehydfrei deklariert werden, tatsächlich dem Formaldehyd jedoch nur ein Kohlenstoff-Atom hinzugefügt wurde (Acetaldehyd). Damit ist die gesundheitliche Verträglichkeit aber noch längst nicht verbessert worden.
Kreiszeitung Wesermarsch: Es , wird also getrickst.
Karl-Jürgen Prull: Weitestgehend, , ja.
Kreiszeitung Wesermarsch: Können Sie weitere Auswirkungen von Wohngiften nennen?
Karl-Jürgen Prull: Allergien sind ein sehr prägnantes Beispiel, außerdem Infekte. Das geht weiter bis hin zu Tumoren. Allerdings ist die Beweisführung dabei immer sehr schwierig. Das liegt auch daran, dass kaum Grundlagenforschung betrieben wird, um Probleme der Umweltmedizin aufzuarbeiten.
Kreiszeitung Wesermarsch: genau verstecken sich die Wohngifte?
Karl-Jürgen Prull: Überall. Aktuell größere Probleme bereiten Fußbodenbelege. Das Umweltbundesamt sollte im vergangenen November in Dessau einen Neubau beziehen. Das ging nicht, weil 2000 Quadratmeter Fußböden wieder herausgerissen werden mussten. Sie sind mit Naphthalinen belastet. Das war ein vollkommen kontrollierter Bau. Wenn die das schon nicht auf die Reihe kriegen, schadstoffarm zu bauen, dann frage ich mich, wer es sonst schaffen soll. Ein ganz großes Problem sind Holzschutzmittel. In allen Fertighäusern, die zwischen Ende der 60er und Anfang der 80er Jahre in Deutschland gebaut wurden, mussten nach einer Din-Norm verpflichtend solche Mittel eingesetzt werden. Sie enthalten Dioxine. Wer ein Haus kauft, dem kann man also nur raten, es vorher von einem Fachmann auf Umweltgifte untersuchen zu lassen.
Kreiszeitung Wesermarsch: Gibt
es überhaupt Möglichkeiten, sich vor Umweltgiften zu schützen, sie gar nicht erst ins Haus zu holen?
Karl-Jürgen Prull: Es gibt die Möglichkeit, voll deklarierte Produkte auszuwählen. Bei solchen Produkten ist auf der Verpackung nicht nur vermerkt ist, welche Stoffe sich nicht in dem Produkt befinden, sondern welche tatsächlich drinstecken. Etwas tun kann man auch bei Wandfarben. In aller Regel werden wasserlösliche Farben angeboten, die Chemikalien enthalten, damit die Farbe im Eimer nicht schimmelt. Vermeiden kann man sie, indem man Trockensubstanzen kauft und sich die Farbe selbst anrührt. Bei Möbeln sollte man auf Massivholz setzen. Furnierte Möbel enthalten Klebstoffe, in denen wiederum Chemikalien stecken. Bei Teppichen heißt teuer und hochwertig nicht automatisch umweltverträglich. Im Gegenteil, ein Wollsiegel wird zum Beispiel nur dann vergeben, wenn der Teppich mit einem Mottenschutzmittel behandelt wurde. Bei Bodenbelägen sind darüber hinaus
natürlich auch immer die Kleber problematisch.
Kreiszeitung Wesermarsch: Wie kann man Wohngifte in den eigenen vier Wänden aufspüren?
Karl-Jürgen Prull: In diesem Zusammenhang ist das Vorhandensein von Spinnen beziehungsweise Spinnenweben sehr interessant. Spinnen reagieren sehr sensibel auf Insektizide, die in allen möglichen Baustoffen stecken. Wenn die Spinnen in einem Haus lange genug überleben, um Spinnenweben bilden zu können, ist das ein gutes Zeichen. Ein weiteres Indiz für Wohngifte sind häufig auftretende Krankheiten bei Haustieren. Außerdem Grünpflanzen: Wenn sie ständig eingehen, dann stimmt etwas nicht.
Bildunterschrift:
Wohngifte lauern überall, weiß Karl-Jürgen Prull, der am vergangenen Donnerstagabend zu dem Thema im Gymnasium einen Vortrag gehalten hat. Foto und Text: Detlef Glückselig
Der Text aus der Nordwest Zeitung vom 23.04.05
von Beatrix Schulte
Quecksilberrückstände können Krankheiten auslösen
Karl Jürgen Prull referiert über Wohngifte - Auf Inhaltstoffe achten.
Für weitere Forschungen an Universitäten fehle das Geld, sagte der Referent. Institute seien geschlossen worden.
Rund 30 000 chemische Substanzen verbergen sich in Baustoffen. Lediglich die Auswirkungen von 30 dieser Stoffe auf den menschlichen Organismus seien bisher untersucht worden, betonte Karl-Jürgen Prull bei seinem Vortrag über "Wohngifte" anlässlich einer Veranstaltung der BUND-Kreisgruppe Wesermarsch im Gymnasium. Für weiterführende Forschungen an Universitäten fehle das Geld. Derzeit gebe es nur einen einzigen Lehrstuhl an der Uni Gießen, der sich mit Innenraumtoxikologie befasse. Weitere Institute in Deutschland seien geschlossen worden.
Auch die Arbeit an der Toxikologie in Oldenburg soll eingestellt werden. Der politische Wille zur Aufarbeitung dieses Themas fehlt, erklärte Prull, Sprecher der Arbeitsgruppe Innenraumschadstoffe und Gesundheit vom Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz. Die von der Europäischen Union beschlossenen Regelungen für Schadstoffgrenzwerte und Vorsorgemaßnahmen würden auf Bundesebene derzeit nicht umgesetzt. Private Gremien hätten Art und Höhe der Grenzwerte festgelegt.
Prull zählte einige Schadstoffquellen auf und nannte Holzschutzmittel, die mit Dioxinen verseucht sind, wasserlösliche Farben, die mit Fungiziden haltbar gemacht werden oder Zement, in dem Quecksilberrückstände aus der Industrie entsorgt werden. Auch Altgummi und Hochofenschlacke finden sich in Baustoffen. Problematisch seien die vielen Klebstoffe, die bedenkenlos verarbeitet würden. In Spanplatte und für die Verlegung von Fußböden seien sie unverzichtbar - aus ihnen entweicht indes das Formaldehyd über Jahre.
Die Palette der gesundheitlichen Auswirkungen durch Innenraumschadstoffe liest sich wie das große Kompendium eines Allgemeinmediziners. Von Kopfschmerzen über Konzentrationsschwäche, Antriebslosigkeit, Wortfindungsstöungen, Durchfallerkrankungen, Pilzbefall der Schleimhäute, Immunschwäche, dauerhafte bakterielle Infektion bis hin zu den schwereren Erkrankungen wie Tumore, Multiple Sklerose (MS), Unfruchtbarkeit, Schlafstörungen oder Fehlgeburten können die Wohngifte auslösen. Der Zusammenhang zu Schadstoffen wird von den Ärzten oft nicht erkannt, ein Nachweis ist nur schwer zu führen.
Prull gab einige Tipps zur Vermeidung der ärgsten Schadstoffquellen. Er riet zum Kauf von Kieferkernholz, Douglasie oder Lärche, da diese Hölzer im Gegensatz zur häufig verwendeten Fichte nicht mit Fungiziden behandelt werden müssten. Bei der Wandfarbe sollten die Käufer auf Trockenfarbprodukte und Naturfarben zurückgreifen, da diese Farben erst kurz vor dem Gebrauch mit Wasser verdünnt werden und somit der Einsatz von den üblichen Fungiziden vermieden werde. Wir haben noch nie soviel Fungizide an die Wand gepinselt, sagte Prull. Er empfahl den Zuhörern, beim Kauf aller Produkte auf die Inhaltsstoffe zu achten.
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