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Geplante Obsoleszenz: Schneller kaufen - Schneller wegwerfen - Der gezielt eingebaute Produktverschleiß

15.02.2014

Geplante Obsoleszenz: schneller kaufen - schneller wegwerfen - der eingebaute Produktverschleiß


Aktueller Einschub / Obsoleszenz Aktuell


Windows XP "am Ende": Ein Millionen-Computerwegwerfprogramm und geplante Obsoleszenz?


Nach 12 Jahren wird Microsoft das Betriebssystem Windows XP nicht mehr mit Sicherheitsupdates versorgen. Der Support läuft am 8. April aus und die Gefahr durch Computerviren wächst. 12 Jahre "Laufzeit" für so ein Programm ist tatsächlich eine recht lange Zeit.

"XP ist noch immer das am zweithäufigsten eingesetzte PC-Betriebssystem. Auf knapp 30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit läuft die betagte Software mit ihren quietschbunten Knöpfen und den abgerundeten Fensterecken.", schreibt die Süddeutsche Zeitung und warnt wie viele andere Medien vor den zu erwartenden Angriffen der Hacker.

Was erstaunlicherweise nicht kritisch diskutiert und berichtet wird, ist die Tatsache, dass das Ende von Windows XP auch das Ende für einen Großteil der "30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit" bedeuten könnte. Bei keiner anderen Technik ist das "Schneller kaufen - Schneller wegwerfen" mehr akzeptiert als in der Computer-Branche und bei den von der Industrie dazu gut erzogenen NutzerInnen. Schon seit einigen Jahren drängt Microsoft nach dem Sachzwangprinzip die NutzerInnen zum Umstieg und Neukauf auch dadurch, dass die neuesten Programme und Endgeräte nicht mehr unter XP laufen. Millionen von NutzerInnen werden so gezwungen, eine neue Software zu beschaffen, obwohl sie mit dem „alten Programm“ durchaus zufrieden sind. Jahrelang hat die Mehrzahl der NutzerInnen die Windows-Nachfolgeprogramme wie Vista schlicht boykottiert. Jetzt werden sie zum Neukauf gezwungen. Für Microsoft ist das Ende von XP finanziell eine äußerst lohnende Sache.

Die Frage, ob es nicht möglich wäre Computerprogramme wie Windows XP (gerne auch kostenpflichtig) einfach weiter zu entwickeln und damit eine gigantische Verschwendung von Rohstoffen und Energie zu vermeiden, wird nicht gestellt.

Um den Umstieg zu beschleunigen, wird jetzt in den Medien heftig vor dem drohenden Virenbefall gewarnt. Es gibt eine erstaunliche, öffentlich nie diskutierte Realität. Hacker & Virenproduzenten schaden nicht etwa den Computer- und Softwarekonzernen. Manchmal nützen sie diesen und wenn es sie nicht gäbe, müssten die Konzerne sie erfinden.

Viele gut funktionierende „ältere“ Computer haben massive Probleme mit der Nachfolgesoftware und Fachleute sagen, alle Computer die älter als zwei- bis drei Jahre seien, gehören auf den Müll (Recyclinghof). So ist das Ende von Windows XP auch ein nicht hinterfragtes, gigantisches Computerwegwerfprogramm. Während Computerrohstoffe immer seltener zu finden sind und in Afrika blutige Kriege für Computerrohstoffe wie Coltan geführt werden, gibt es in Deutschland bisher keine kritischen Stimmen zu diesem aktuellen Verschwendungsthema. Eine sinnvolle, gerne auch kostenpflichtige, Weiterentwickung eines Computerprogrammes widerspricht der Ex- und Hopp Systemlogik, die Wachstum braucht wie eine Droge und dieses Wachstum nur noch über immer kürzere rohstoffverschwendende Produktlebenszyklen erreicht.

Zugegeben: In unserer schnelllebigen Zeit sind 12 Jahre "Laufzeit" für ein Computer-Programm tatsächlich eine recht lange Zeit. Dennoch sollten die Medien und die kritischen ComputernutzerInnen einen technischen Fortschritt fordern, der gigantische Computer- Rohstoff- und Energiewegwerfprogramme vermeidet und den Menschen und nicht den Konzernen dient. Tipps wie "alte" Computer nachgerüstet werden können, um den Neukauf zu verhindern, finden sich in der Berichterstattung fast nie.

Das Ende von Windows XP ist vielschichtig zu bewerten. Es ist einerseits tatsächlich ein technischer Fortschritt und andererseits eine Bevormundung einer Vielzahl von KundInnen, die mit dem alten Programm sehr gut noch viele Jahre hätten leben können. Es ist eine Gelddruckmaschine für den Microsoft-Konzern (der als großer Steuervermeider fast keine Steuern zahlt) und für die Computerhersteller. Und es ist ein globales Computer- und Rohstoffverschwendungsprogramm von gigantischem Ausmaß. Es wäre nützlich das Supportende von XP in dieser Differenziertheit darzustellen und zu diskutieren. Die Geplante Obsoleszenz in all ihren Variationen ist die vergessene Seite der dringend notwendigen Energie- und Rohstoffwende.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer

Wie aufgrund des Textes zu erwarten, ist der Autor das Gegenteil eines Computer-Nerds. Er ist 58 Jahre alt und ein klassischer "User", der aus beruflichen Gründen täglich bis zu 8 Stunden vor der Kiste sitzt.


Nachtrag:
Die Homepage von Microsoft bestätigt diese Thesen und kritischen Fragen.
„Wenn Sie Windows XP nach Ende des Supports weiterhin verwenden, ist Ihr Computer anfälliger für Sicherheitsrisiken und Viren. Da viele Soft- und Hardwarehersteller ihre Produkte für aktuelle Versionen von Windows optimieren, müssen Sie zudem damit rechnen, dass eine Vielzahl von Apps und Geräten nicht mit Windows XP kompatibel sind. (...)
Wenn Windows 8.1 auf Ihrem aktuellen PC nicht ausgeführt werden kann, ist es möglicherweise Zeit, einen neuen zu kaufen. Sehen Sie sich unsere große Auswahl an neuen PCs an. Sie sind leistungsstärker, leichter und eleganter als je zuvor."
(Zitatende)





Geplante Obsoleszenz: Schneller kaufen - Noch schneller wegwerfen
(Kurze Einführung ins Thema)


Jeder hat´s schon erlebt.
Die Garantie ist gerade abgelaufen und "plötzlich und unerwartet" ist der fast neue Computer oder das Handy defekt und nicht mehr zu reparieren. Von “geplanter Obsoleszenz“ wird gesprochen, wenn in Konsumgüter gezielt Schwachstellen eingebaut werden, um die Produktlebensdauer zu verkürzen.

Kurz nach Ablauf
der viel zu kurzen Garantiezeit ist das Produkt defekt und eine Reparatur "lohnt nicht". So gibt es zum Beispiel Tintenstrahldrucker mit einem eingebauten Zähler-Chip, die nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktionieren. Wird der Chip auf Null zurückgestellt, dann funktioniert der Drucker wieder.
Ein Ansatz, gegen die geplante Obsoleszenz anzugehen wäre die Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Wenn wir die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen und Computern einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Für unsere Handy-Wegwerfkultur starben allein seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg im Kongo. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... Nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen. Ein Wirtschaftssystem, in der Firmen auf die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten setzen, ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Laufzeitverkürzte Produkte sind eine beleidigende Unverschämtheit und damit allerdings auf der Höhe der Zeit.
Axel Mayer, BUND Geschäftsführer, Freiburg


Informationsblätter zum Thema geplante Obsoleszenz gibt´s
zum Selbstkostenpreis (90 Stck = 4€) hier.

Den Flyer zur geplanten Obsoleszenz können Sie als PDF-Datei auch hier herunterladen.











Geplante Obsoleszenz: Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen
(Umfangreiche Hintergrundinformation)


Die Garantie ist gerade abgelaufen
und "plötzlich & unerwartet" ist der fast neue Computer, der Tintenstrahldrucker oder die teuren Wanderschuhe defekt und nicht mehr zu reparieren...

Das Thema "geplante Obsoleszenz",
ist (noch) ein blinder Fleck im Auge der Umweltbewegung und des Verbraucherschutzes. Bisher war immer nur die "Verlängerung der Produktlebensdauer" eines unserer wichtigen Nachhaltigkeitsthemen.
In viele Produkte werden von den Herstellern gezielt Schwachstellen eingebaut. Diese habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer führt dazu, dass Produkte vorzeitig schad- oder fehlerhaft werden und so ein schnellerer Umsatz erreicht wird. Kurz nach Ablauf der (viel zu kurzen!) Garantiezeit ist das Produkt defekt und eine Reparatur "lohnt nicht". So gibt es zum Beispiel Tintenstrahldrucker mit einem eingebauten Zähler-Chip, die nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktionieren. Wird der Chip auf Null zurückgestellt, dann funktioniert der Drucker wieder...

Geplante Obsoleszenz und Stiftung Warentest
"Warentester glauben nicht an den eingebaute Produktverschleiß" steht jetzt ab und zu in den Medien. Diese Haltung der Warentester könnte auch daher rühren, dass die "Stiftung Warentest" dieses wichtige Verbraucherschutz-Thema in den letzten Jahren schlicht verschlafen hat.

Unbegrenztes Wachstum: Das Prinzip, das zur geplanten Obsoleszenz führt
Wir leben in einem System, in dem zerstörerisches, unbegrenztes Wachstum immer mehr zum Selbstzweck wird. Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre. Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung. Die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer ist in einer Endphase unbegrenzten Wachstums unabdingbar, denn die Mehrzahl der Menschen hat überhaupt nicht den Platz, all die gekauften Produkte aufzubewahren. "Schneller kaufen und noch schneller wegwerfen" ist das Motto der "ich kaufe, also bin ich" Gesellschaft.


Schneller wegwerfen und die Endlichkeit der atomar-fossilen Energiereserven
"In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat." Quelle: Zukunftsfähiges Deutschland 2008. Gleichzeitig erzeugen wir Atommüll, der eine Million Jahre sicher gelagert werden muss. Immer noch gehören auch die Menschen in Deutschland zu den - zumeist unzufrieden gehaltenen - 20% der Menschheit, die 80% der Energie und Rohstoffe verschwendet und die damit für den Großteil der weltweiten Umweltverschmutzung verantwortlich sind. Und die restlichen 80% der Welt (insbesondere China und Indien) sind gerade dabei, unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen.

Einige erste Beispiele für geplante Obsoleszenz:
Es gibt eine unendliche Vielzahl von Produkten, bei denen eigene Erfahrung auf eine gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer schließen lässt. Das Problem ist der objektive, nachprüfbare Nachweis. Hier gäbe es ein großes, wichtiges und bisher vernachlässigtes Betätigungsfeld für Umweltverbände, Verbraucherzentralen, kritische Medien und die Politik. Ohne den massiven Druck der VerbraucherInnen wird sich nur wenig tun.

Diese Liste ist unvollständig und wartet auf Deine Ergänzung. Mail (bitte nur mit Quellenangabe)

  • Glühlampen: Ein Beispiel für geplante Obsoleszenz ist das 1924 gegründete Phöbuskartell, in dem die nominale Brenndauer von Glühlampen international auf 1000 Stunden festgelegt wurde, obwohl Glühbirnen viel länger brennen könnten. Quelle: Wikipedia
  • Nylonstrümpfe: Quelle: ORF
  • Gebäude: Gerade in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde mit alten Bautraditionen gebrochen und viele Gebäude extrem kurzlebig gebaut. Ein Beispiel dafür ist der Abriss der 33 Jahre jungen Universitätsbibliothek in Freiburg. Quelle: BUND & Mitwelt
  • Zahnbürsten: Es wäre technisch kein Problem, langlebigere Zahnbürsten zu produzieren
  • Waschmaschinen: Die durchschnittliche Lebensdauer einer Waschmaschine lag im Jahr 1998 bei rund zwölf Jahren; heute hält sie maximal sechseinhalb Jahre, manche Billigprodukte sogar nur drei Jahre“ Quelle: ARGE Abfallvermeidung
  • Epson-Tintenstrahldrucker mit eingebautem Verschleiß: Quelle: WOZ
  • Flachbildfernseher: Billige Elektrolytkondensatoren (Elkos) werden in teure Flachbildfernseher eingebaut und brennen kurz nach Ablauf der Garantiezeit durch. Quelle: Augsburger Allgemeine
  • Drucker: Quelle: ORF
  • Wanderschuhe, Fleece, Trekkinghosen und andere Outdoorprodukte (BoofeLaden: siehe unten)
  • Alle technischen Geräte mit fest eingebautem Akku
    Ein sicheres Zeichen für geplante Obsoleszenz sind fest eingebaute Akkus. Wenn der Akku kaputt ist und nicht ausgetauscht werden kann, dann ist zumeist auch das ganze Gerät kaputt. Die geplant kurze Lebenszeit des Akkus führt zur Begrenzung der Nutzungszeit des Produktes. Eines von vielen Beispielen ist das Smartphone. Der Akku-Ausbau war bei älteren Handys zumeist kein Problem. Bei neuen Smartphones lässt sich der Akku nicht, oder nur mit Spezialwerkzeug bewerkstelligen. Ganz schön „smart“ so ein "phone"... zumindest für die Hersteller. Für unsere Handy-Wegwerfkultur starben allein seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg in Uganda
  • Apple MacBook: Beim neuen, teuren Apple MacBook ist die Eigenreparatur praktisch unmöglich gemacht. Der Reparaturdienstleister "iFixit" hat das neue Retina-MacBook auseinandergenommen und begutachtet. Dabei sind die Bastler zu dem Urteil gekommen, dass es sich bei dem extrem geschlossen entworfenen Produkt um den "am schwersten zu reparierenden Laptop" bisher handelt. Quelle: pressetext.com
  • Apple iPod: Quelle: ORF
"Bis heute werden nicht ersetzbare Teile in Apple-Geräten verbaut, an den Rest gelangt man nur mit Spezialwerkzeug. Umso erstaunlicher, dass Apple-Produkte weiterhin als Statussymbole taugen - vor allem in einer Gesellschaftsschicht, die sich etwas darauf einbildet, das Auto gegen ein Fahrrad getauscht zu haben und kein Fleisch mehr zu essen." schreibt die Süddeutsche Zeitung

Die Schweizer Stiftung für Konsumentenschutz SKS hat im Jahr 2013 über 400 Fälle dokumentiert die klar in die Kategorie geplante Obsoleszenz gehören. Über die Hälfte der eingegangenen Meldungen betreffen Computer, Drucker, Kopierer, Audio, TV, Video und Telekommunikationsmittel.


Eine Sonderform der gezielten Verkürzung der Produktlebensdauer
ist die "Modeerscheinung" der vorabgenutzten Jeans (stonewashed). Der Traum der Industrie in einem System zerstörerischen Wachstums ist die Übertragung des Stonewashed-Prinzips und der gezielten Verkürzung der Lebensdauer auf immer mehr Produkte des täglichen Verbrauchs. Die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens sollen immer kürzer werden.

Staatlich organisierte Obsoleszenz: Die Abwrackprämie
Am 27.01.2009 hatte das Bundeskabinett die „Richtlinie zur Förderung des Absatzes von Personenkraftwagen" beschlossen. Wer sein über 10 Jahre altes Auto verschrottete, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltprämie von 2500 Euro.
Hans Magnus Enzensberger gab der „Umweltprämie“ den richtigen Namen. Er schrieb: „Die Abwrackprämie ist eine Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt diese Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet.“ (Zitatende)

Die Abwrackprämie war tatsächlich auch eine Umwelt- und Wertzerstörungsprämie und der Begriff “Umweltprämie” war orwellsches Neusprech. Viele der neuen Autos haben einen nur geringfügig niedrigeren Energieverbrauch und Schadstoffausstoß als die Altfahrzeuge. Die Energiemengen und Rohstoffe, die bei der Produktion eines Autos verbraucht werden, die damit verbundene Umweltzerstörung und die Schadstoffemissionen spielten in dieser Debatte keine Rolle. Ein Mittelklasse-Auto wiegt 1000 bis 2000 Kilogramm. Industrieprodukte haben einen "ökologischen Rucksack", der rund 30-mal so schwer ist - wenn man etwa den Abraum bei der Erzgewinnung für Stahl und Blech hinzurechnet.

Zitat:
"Eingebaute Obsoleszenz ist bei elektronischen Gütern absolut geplant und in gewissem Sinne auch notwendig: Die hohen Investitionskosten für die Entwicklung der Produkte müssen über neuen Konsum wieder hereingeholt werden."
Lucia Reisch, Wirtschaftsprofessorin Copenhagen Business School, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung


"Geplante Obsoleszenz" oder "Sinnvolle Gebrauchsdauer"
In unserer Neusprech- Zeit, in der

Müllverbrennung - Thermische Abfallbehandlung
Folter - Umstrittene Verhörmethode
und Streubomben - Intelligente Wirksysteme


genannt werden, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass es auch für die Verkürzung der Produktlebensdauer einen schönen grünwaschenenden Begriff gibt. „Sinnvolle Gebrauchsdauer“ ist die neue Wortschöpfung, die selbstverständlich nicht die Frage klärt, für wen es „sinnvoll“ sein soll, wenn Güter nach Ablaufen der Garantie kaputt gehen. Für den Verbraucher und die Umwelt wohl eher nicht.

Mehr arbeiten, schneller kaufen, schneller wegwerfen, weniger gut leben
passt als selbstzerstörerisches Konsum- und Lebensprinzip perfekt in die unsere rastlos-beschleunigte Endphase exponentiellen Wachstums. Der gehetzte, unsichere "ich kaufe, also bin ich" Mensch definiert sich über den schnellen Konsum von immer idiotischeren, unnützen und kurzlebigen Gütern. Er arbeitet und konsumiert immer mehr und immer hektischer und wird gleichzeitig immer unzufriedener.

Aktueller Einschub: Der Club of Rome beschreibt die Folgen des Überkonsums


Der vom Club of Rome im Mai 2012 veröffentlichte Report "2052" beschreibt die Folgen des Überkonsums und der Verschwendungswirtschaft:
„Die Menschheit hat die Ressourcen der Erde ausgereizt und wir werden in einigen Fällen schon vor 2052 einen örtlichen Kollaps erleben. Der Klimawandel wird dem Bericht zufolge sogar noch drastisch zunehmen: Die Treibhausgasemissionen werden erst 2030 ihren Höhepunkt erreicht haben. Das sei zu spät, um den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich viele Staaten vorgenommen haben, sagte Randers. "Wir stoßen jedes Jahr zweimal so viel Treibhausgas aus wie die Wälder und Meere der Erde absorbieren können."
"Der Meeresspiegel wird um 0,5 Meter höher sein, das Arktiseis im Sommer verschwinden und das neue Wetter wird Landwirte und Urlauber treffen", so Randers. Bis 2080 werde sich die Temperatur um 2,8 Grad erhöhen, was einen sich selbst verstärkenden Klimawandel auslösen könne.“

Die gezielte Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft durch die Produktion von kurzlebigen Produkten beschleunigt diese Zerstörungsprozesse und ist unverantwortlich.


Erste Überlegungen zu Forderungen an die Politik:
Maßnahmen gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer müssten eigentlich für das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Ohne den Druck der Umwelt- und Verbraucherverbände und der Medien wird dies nicht geschehen. Angesichts der globalen Verknappung von Energie und Rohstoffen kann auch die Energiewende nur mit guten, langlebigen Produkten funktionieren. Die Parteien müssen erkennen: "Die Produktion langlebiger Produkte und Reparaturbetriebe schaffen Arbeit in Deutschland und Europa und nicht die längst nach China und Indien ausgelagerte Massenproduktion billiger Wegwerfartikel.

Forderungen:
  • Politik und Parteien müssen das Thema erkennen und aufgreifen
  • Ein Ansatz, gegen die geplante Obsoleszenz anzugehen, ist die massive Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Das Ministerium für Verbraucherschutz sollte in regelmäßigen Abständen für jedes Produkt die "durchschnittliche Lebensdauer" ermitteln und eine ein Drittel darüber liegende Mindestgarantiezeit fest legen. Dies würde den technischen Fortschritt nachhaltig beschleunigen.
  • Werbung und Werbeanzeigen ohne die Angabe von Garantiezeiten darf es nicht mehr geben.
  • Das Papier, auf dem die Garantie aufgedruckt ist, muss eine längere Lebensdauer als das Produkt haben


Wenn wir die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer
von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen, Computern, Bahnhöfen (Stuttgart 21), Gebäuden und anderen Dingen einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... Nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen...

Die Macht der VerbraucherInnen
gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer war bisher zumindest einmal erfolgreich. Der US-Konzern Apple wurde 2003 von tausenden Kund­Innen per Sammelklage vor ein Gericht gebracht. Im iPod waren Akkus mit sehr kurzer Lebensdauer installiert, die natürlich nicht austauschbar waren. Es kam zu keinem Urteil, weil Apple sich außergerichtlich mit den KlägerInnen einigte. Dennoch war die Klage ein erster Erfolg im Kampf für nachhaltige Produkte.

Ein Wirtschaftssystem, in dem Firmen auf die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten setzen, ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Die Firmen setzen gezielt auf die Dummheit und Manipulierbarkeit der VerbraucherInnen. Laufzeitverkürzte Produkte sind eine beleidigende Unverschämtheit und damit allerdings auf der Höhe der Zeit.

Axel Mayer, BUND Geschäftsführer




Informationsblätter zum Thema geplante Obsoleszenz gibt´s
zum Selbstkostenpreis (90 Stck = 4€) hier.

Den Flyer zur geplanten Obsoleszenz können Sie als PDF-Datei auch hier herunterladen.













Geplante Obsoleszenz - Unbegrenztes Wachstum - Multiple Krisen


Ein Redebeitrag von BUND-Geschäftsführer Axel Mayer vom 5. Februar 2013 im Kommunalen Kino in Freiburg:

Schneller kaufen - Schneller wegwerfen – Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz –



Das Thema des Abends ist die geplante Obsoleszenz
die „gezielte Lebensdauerverkürzung von Produkten“ aber auch die vielen anderen Formen von Obsoleszenz.


Als BUND-Geschäftsführer möchte ich das Thema in einen größeren gesellschaftspolitischen und umweltpolitischen Rahmen einordnen

Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in Krisen und einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums

Ich muss zugeben
Seit 39 Jahren bin ich im Umweltschutz aktiv,
aber bis vor einem ¾ Jahr kannte ich den Begriff „Geplante Obsoleszenz“ nicht

Ich saß vor einem ¾ Jahr mit der Fernsehjournalistin Sigrid Faltin zusammen und wir diskutierten eine Sonderform der Obsoleszenz

Den Abriss der Freiburger Unibibliothek nach nur 33 Jahren

Abends kam die Mail von Sigrid: Zu dem Thema läuft ein sehenswerter Film auf Arte

Seither beschäftige ich mit diesem Thema:
  • Internet: 22.000 Zugriffe auf unsere Seiten
  • Viele Medienanfragen
  • Versuch, das Thema in den BUND und in die bundesweite Umweltbewegung zu tragen


„Seither beschäftige ich mit diesem Thema“ ist eigentlich falsch ausgedrückt

Wir haben das Pferd immer nur vom anderen Ende her aufgezäumt.
Die wünschenswerte und notwendige Langlebigkeit von Produkten war immer schon ein BUND-Thema. Nur die gezielte Kurzlebigkeit nicht...

Noch einmal:
Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums. Es ist ein Puzzelestück
in den aktuellen multiplen globalen Krisen


1932 veröffentlichte der damalige General-Motors-Chef Bernard Londons sein Buch „Ending the depression through planned Obsolescence“.
Die Idee war, dass eine verkürzte Haltbarkeit von Produkten den Konsum anheizen würde und so der Wirtschaft aus der Depression helfe.

Zwei Fragen ans Publikum:

  • 1) Wie viel Wachstum hätten Sie denn gerne?
    (wie viel Wachstum brauchen wir, um aus der Krise zu kommen?)

    Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre...
    Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit.


  • 2) Wie viele Dinge haben Sie in Ihrem Haushalt?

    Eine durchschnittliche Mitteleuropäerin oder ein Mitteleuropäer besitzt heute zwischen 10 000 und 13 000 Dingen, und es werden (Dank Wachstum & Werbung) täglich mehr


Jetzt stellen Sie sich die Menge der Dinge vor, die Sie besitzen und ein dauerhaftes Wachstum von 3%
Ist schnelles Wegwerfen die Problemlösung?

Uns wird gesagt:
Chinesen & Deutsche arbeiten recht effizient und produzieren viel

Uns wird gesagt:
Die Finanz- und Wirtschaftskrise soll dadurch gelöst werden, dass Griechen, Spanier und der Rest der Welt so effizient arbeiten und produzieren wie Chinesen & Deutsche...

Ich frage Sie:
  • Wohin dann mit den ganzen Produkten? (Jährlich kommen in Deutschland 1,7 Mio. Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte auf den Markt)
  • Wer soll den ganzen Scheiß kaufen und woher sollen Energie und Rohstoffe für die Produktflut kommen?
  • Ist es sinnvoll und erfüllend unter immer größerem Stress immer mehr zu arbeiten um immer kurzlebigere und dümmere Produkte zu kaufen?


"Früher" gab es diese Probleme nicht
  • Wir produzierten nicht so effizient
  • Es gab alle zwanzig dreißig Jahre einen großen Krieg und viele der Überlebenden besaßen nach dem Krieg nur noch 200 Dinge...


Wir sollten versuchen, unsere Probleme ohne Krieg zu lösen

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

  • Früher haben sich die Menschen über den Besitz von Dingen, über das „Haben“ definiert
  • Heute definiert sich eine werbeerzogene „Ich kaufe, also bin ich - Generation“ nicht mehr über den langen Besitz eines Produkts, über das „Haben“, sondern über den kurzen Vorgang des Kaufs

Und das Verrückte: Wir kaufen und kaufen und sind zunehmend unzufrieden, krank, ausgebrannt

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums und globalen Raubbaus spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

Doch unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme
Das Versprechen vom unbegrenzten Wachstum ist nicht haltbar und beschleunigt die globale Krisen

Unsere globale Raubbauwirtschaft führt zu:
  • Klimawandel
  • Ausbeutung (nicht nur) armer Länder
  • zur absehbaren Endlichkeit der Energie- und Rohstoffvorräte
    "In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat."
  • zu Peak Oil, Peak Gas, Peak Kupfer, langfristig Peak Everything


Auch für unsere Handy- und Computerwegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg im Kongo.

Es gibt ein Politikproblem
In Sachen Wachstumsglaube und geplante Obsoleszenz gibt es fast keinen Unterschied zwischen der neoliberalen Rechten und strukturkonservativen Linken.

Der berühmte Satz: „Wir müssen die Binnenkonjunktur ankurbeln“ heißt doch nichts anderes als - schneller kaufen - schneller wegwerfen

Die Abwrackprämie / Umweltprämie war eine klassische Form von staatlich organisierter geplanter Obsoleszenz und eigentlich leider auch alt-sozialdemokratisch...

Wer sein über 10 Jahre altes Auto verschrottete, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltprämie von 2500 Euro.
Hans Magnus Enzensberger gab der „Umweltprämie“ den richtigen Namen: „Die Abwrackprämie ist eine Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt diese Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet.“ (Zitatende)

Was tun?
Sie warten jetzt auf die berühmt berüchtigten Appelle der Umweltbewegung ans Gewissen und an den guten Menschen:

„Ändert Euer Leben: Kauft langlebige Produkte“

Nach fast vier Jahrzehnten in der Umweltbewegung habe ich immer weniger Lust auf solche Appelle.

Es ist gut, ökologisch sinnvoll zu handeln, aber Appelle reichen nicht und nützen wenig.

Wir müssen gegen die zerstörerische Logik eines Raubbausystems angehen.

Was tun?
Die Macht der VerbraucherInnen gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer war bisher zumindest einmal erfolgreich:

Der US-Konzern Apple wurde 2003 von tausenden KundInnen per Sammelklage vor ein Gericht gebracht. Im iPod waren Akkus mit sehr kurzer Lebensdauer installiert, die natürlich nicht austauschbar waren. Es kam zu keinem Urteil, weil Apple sich außergerichtlich mit den KlägerInnen einigte. Dennoch war die Klage ein erster Erfolg im Kampf für nachhaltige Produkte. Gegen Obsoleszenz durch "immer Neues kaufen müssen" hat das Urteil wenig genützt

Was tun?
  • Der Kampf gegen die geplante Obsoleszenz ist ein unbeachteter, wichtiger Aspekt der Energie- und Rohstoffwende
  • Wir müssen Fortschritt menschengerecht definieren und dürfen den Begriff nicht den Gierigen überlassen
  • Wir brauchen die massive Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Das Ministerium für Verbraucherschutz sollte in regelmäßigen Abständen für (fast) jedes langlebige Produkt die "durchschnittliche Lebensdauer" ermitteln und eine ein Drittel darüber liegende Mindestgarantiezeit fest legen. Dies würde den technischen Fortschritt nachhaltig beschleunigen.
  • Werbung und Werbeanzeigen ohne die Angabe von Garantiezeiten sollte es nicht mehr geben.
  • Das Papier, auf dem die Garantie aufgedruckt ist, muss eine längere Lebensdauer als das Produkt haben (Kein Thermopapier)
  • Informieren Sie sich.


Was können wir gewinnen?
  • Aus einem Puzzlestück der globalen Krise könnte ein Puzzlestück der Problemlösung werden
  • Langlebige, schöne, reparaturfähige Produkte
  • Eine Verringerung der Lebensarbeitszeit (die dann aber auch global und national besser verteilt werden muss)
  • Eine Verringerung der Energie- und Rohstoffverschwendung, der Umweltverschmutzung und des Klimawandels
  • Zukunftsfähigkeit und echte Nachhaltigkeit
  • Einen Ansatz für das „Gute Leben“ mit einem massiv verringerten Input an Energie- Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft


"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier." Ghandi

Axel Mayer, BUND Geschäftsführer
(Es gilt das gesprochene Wort)




Erste gute Fachgeschäfte
beginnen sich mit Informationsarbeit gegen den eingebauten Verschleiß zu wehren. Das Fachgeschäft für Outdoorprodukte, der BoofeLaden in Chemnitz, informiert seine Kunden und hat Produkte mit geplanter Obsoleszenz aus dem Vertrieb geworfen. Info

Hier ein Auszug aus der KundInneninformation:
Wie wird Obsoleszenz erreicht?
Durch negative Beeinflussung der Qualität oder gezielten moralischen Verschleiß. Erreicht wird dies, indem schlechtere Qualität verbaut wird als möglich ist und/oder Produkte und Farben permanent erneuert werden.
Hinweis: eine mindere Qualität ist nicht nur der geplanten Obsoleszenz geschuldet, sondern auch der Nachfrage der Kunden nach immer billigerer Ware. Problem ist, dass der Kunde dem Hersteller damit indirekt ein Alibi für die Obsoleszenz liefert.

Beispiele:
  • a) Bei der Verarbeitung eines Baumwollgarnes wird eine kürzere Baumwollfaser verwendet. Diese verschleißt schneller - der Stoff sieht schneller abgenutzt aus und ist nicht mehr so sehr belastungsfähig. Wer kennt nicht die Jeans, die hundert Jahre halten soll und schon nach hundert Tagen in der Tonne gelandet ist. Oder die robuste Trekkinghose, die wegen einer schlechten Naht auseinanderfällt.
  • b) Bei der Verarbeitung von Polyamiden, also der Nylonfaser, werden Stabilisatoren gegen UV entzogen und/oder anders chemisch angeordnet (z.B. Perlon statt Nylon, 6.0 statt 6.6). Das Ergebnis ist ein schnellerer Verschleiß.
  • c) Fleece: die ersten Henkelfleece von Polartec, eine Art geschnittenes Frottee, waren nahezu unzerstörbar. Viele Firmen verwenden mittlerweile sogenannte Flachfleece, also aufgekratzte Stoffe, die durch Peeling schneller den Weg in die Tonne finden.
  • d) Schuhe, die mindestens 10 Jahre halten könnten, werden mit zu dünnem oder ungeeignetem Leder gefüttert und scheuern sich binnen 2 Jahren an der Ferse auf, so dass man sie nicht mehr tragen kann. Oder die Sohle löst sich bereits nach wenigen Monaten. Schade um den Schuh und schade auch um den Ruf der Schuhmacher.



Geplante Obsoleszenz: Gier, Umsatz & Wachstumszwang - die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten





Links zum Thema Geplante Obsoleszenz




Literatur zum Thema Geplante Obsoleszenz:






Ein Redebeitrag / Manuskript von BUND-Geschäftsführer Axel Mayer zum Thema Geplante Obsoleszenz vom 11.7.14 im Freiburger Vauban


Schneller kaufen - Schneller wegwerfen – Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz –

Das Thema des Abends ist die geplante Obsoleszenz
die „gezielte Lebensdauerverkürzung von Produkten“ aber auch die vielen anderen Formen von Obsoleszenz.

Jürgen Reuß der das Buch „Kaufen für die Müllhalde“ geschrieben hat wird heute Abend hier lesen.
Ich mache nur die etwas umfangreichere Einführung ins Thema

Eine Veranstaltung vom Stadtteilverein Vauban und BUND Regionalverband

Ich möchte mit einem aktuellen Beispiel beginnen:
Wir erleben gerade das Supportende von Windows XP
Auf knapp 30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit läuft die Software
Das Ende von Windows XP auch das Ende für einen Großteil der "30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit" bedeuten könnte.
Nur wegen des Endes von XP werden weit über hundert Millionen Computer weggeworfen
Was sind das für Mengen an verschwendeter Energie, Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft

Als BUND-Geschäftsführer möchte ich das Thema Obsoleszenz in einen größeren gesellschaftspolitischen und umweltpolitischen Rahmen einordnen

Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in Krisen und einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums

Ich muss zugeben
Seit 39 Jahren bin ich im Umweltschutz aktiv,
aber bis vor zwei Jahren kannte ich den Begriff „Geplante Obsoleszenz“ nicht

Ich saß vor einem Jahr mit der Fernsehjournalistin Sigrid Faltin zusammen und wir diskutierten eine Sonderform der Obsoleszenz

Den Abriss der Freiburger Unibibliothek nach nur 33 Jahren

Abends kam die Mail von Sigrid: Zu dem Thema läuft ein sehenswerter Film auf Arte

Seither beschäftige ich mit diesem Thema:
Internet: 46.000 Zugriffe auf unsere Seiten
Viele Medienanfragen (Japan Asai Shinbum)
Versuch, das Thema in den BUND und in die bundesweite Umweltbewegung zu tragen

„Seither beschäftige ich mit diesem Thema“ ist eigentlich falsch ausgedrückt

Wir haben das Pferd immer nur vom anderen Ende her aufgezäumt.

Die wünschenswerte und notwendige Langlebigkeit von Produkten war immer schon ein BUND-Thema. Nur die gezielte Kurzlebigkeit nicht...

Noch einmal:
Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums.

Es ist ein Puzzele-Stück in den aktuellen multiplen globalen Krisen

1932 veröffentlichte der damalige General-Motors-Chef Bernard Londons sein Buch „Ending the depression through planned Obsolescence“.

Die Idee war, dass eine verkürzte Haltbarkeit von Produkten den Konsum anheizen würde und so der Wirtschaft aus der Depression helfe.

Zwei Fragen ans Publikum:
1) Wie viel Wachstum hätten Sie denn gerne?
(wie viel Wachstum brauchen wir, um aus der Krise zu kommen?)

Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre...
Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit.

2) Wie viele Dinge haben Sie in Ihrem Haushalt?
Eine durchschnittliche Mitteleuropäerin oder ein Mitteleuropäer besitzt heute zwischen 10 000 und 13 000 Dingen, und es werden (Dank Wachstum & Werbung) täglich mehr

Jetzt stellen Sie sich die Menge der Dinge vor, die Sie besitzen und ein dauerhaftes Wachstum von 3%

Ist schnelles Wegwerfen die Problemlösung unserer Krisen?

Uns wird gesagt:
Chinesen & Deutsche arbeiten recht effizient und produzieren viel

Uns wird gesagt:
Die Finanz- und Wirtschaftskrise soll dadurch gelöst werden, dass Griechen, Spanier und der Rest der Welt so effizient arbeiten und produzieren wie Chinesen & Deutsche...

Ich frage Sie:
Wohin dann mit den ganzen Produkten? (Jährlich kommen in Deutschland 1,7 Mio. Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte auf den Markt)
Wer soll den ganzen Scheiß kaufen und woher sollen Energie und Rohstoffe für die Produktflut kommen?
Ist es sinnvoll und erfüllend unter immer größerem Stress immer mehr zu arbeiten um immer kurzlebigere und dümmere Produkte zu kaufen?

"Früher" gab es diese Probleme nicht
  • Wir produzierten nicht so effizient
  • Es gab alle zwanzig dreißig Jahre einen großen Krieg und viele der Überlebenden besaßen nach dem Krieg nur noch 200 Dinge...


Wir sollten versuchen, unsere Probleme ohne Krieg zu lösen

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

Früher haben sich die Menschen über den Besitz von Dingen, über das „Haben“ definiert
Heute definiert sich eine werbeerzogene „Ich kaufe, also bin ich - Generation“ nicht mehr über den langen Besitz eines Produkts, über das „Haben“, sondern über den kurzen Vorgang des Kaufs

Und das Verrückte: Wir kaufen und kaufen und sind zunehmend unzufrieden, krank, ausgebrannt

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums und globalen Raubbaus spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

Doch unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme
Das Versprechen vom unbegrenzten Wachstum ist nicht haltbar und beschleunigt die globale Krisen

Unsere globale Raubbauwirtschaft führt zu:
  • Klimawandel
  • Ausbeutung (nicht nur) armer Länder
    zur absehbaren Endlichkeit der Energie- und Rohstoffvorräte
    "In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat."
  • zu Peak Oil, Peak Gas, Peak Kupfer, langfristig Peak Everything


Ist schneller kaufen schneller wegwerfen vielleicht einer Sonderform der berühmten „spätrömischen Dekadenz“?

Die Eliten der Griechen und Römer waren vor dem Zusammenbruch ihrer Reiche sehr verschwenderisch
Sie haben Kriege geführt und beinah den gesamten Mittelmeerraum abgeholzt, um damit ihre Kriegs- und Handelschiffe zu bauen.

Menschengemachte Verwüstung ist häufig ein Vorzeichen zusammenbrechender Hochkulturen.

Und wir?
Ich sage nur drei Stichworte:
Obsoleszenz, Atomkraft und Fracking

Auch für unsere Handy- und Computerwegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg im Kongo.

Es gibt ein Politikproblem
In Sachen Wachstumsglaube und geplante Obsoleszenz gibt es fast keinen Unterschied zwischen der neoliberalen Rechten und strukturkonservativen Linken.
Der berühmte Satz: „Wir müssen die Binnenkonjunktur ankurbeln“ heißt doch nichts anderes als - schneller kaufen - schneller wegwerfen

Die Abwrackprämie / Umweltprämie war eine klassische Form von staatlich organisierter geplanter Obsoleszenz und eigentlich leider auch alt-sozialdemokratisch...

Wer sein über 10 Jahre altes Auto verschrottete, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltprämie von 2500 Euro.
Hans Magnus Enzensberger gab der „Umweltprämie“ den richtigen Namen: „Die Abwrackprämie ist eine Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt diese Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet.“ (Zitatende)

Der Wachstumsglaube führt aktuell auch zu einem der größten umwelt- und sozialpolitischen Fehler:
Das geplante Freihandelsabkommen.
Das Das Transatlantische Freihandelsabkommen ( TTIP) wird die demokratiegefährdende Macht der Konzerne verstärken.
Es öffnet die europäischen Türen für Genfood, Hormonfleisch, Fracking, Sozialdumping, geheime Schiedsgerichte, Monsanto und andere US-Konzerne.
Konzerne die schon jetzt in Europa viel Geld verdienen, aber im Gegensatz zu Dir fast keine Steuern bezahlen, werden noch mächtiger.

Der Natur- und Umweltschutz arbeitet liebevoll am kleinen Detail, die Genlobby, Chemiekonzerne & Umweltzerstörer arbeiten am großen Ganzen.
Wenn wir uns jetzt nicht gegen TTIP wehren, werden wir den ökologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte zu verspielen.

Was tun?
Sie warten jetzt auf die berühmt berüchtigten Appelle der Umweltbewegung ans Gewissen und an den guten Menschen:

„Ändert Euer Leben: Kauft langlebige Produkte“

Nach fast vier Jahrzehnten in der Umweltbewegung habe ich immer weniger Lust auf solche Appelle.

Es ist gut, ökologisch sinnvoll zu handeln, aber Appelle reichen nicht und nützen wenig.

Wir müssen gegen die zerstörerische Logik eines Raubbausystems angehen.

Was tun?
Die Macht der VerbraucherInnen gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer war bisher zumindest einmal erfolgreich:

Der US-Konzern Apple wurde 2003 von tausenden KundInnen per Sammelklage vor ein Gericht gebracht. Im iPod waren Akkus mit sehr kurzer Lebensdauer installiert, die natürlich nicht austauschbar waren. Es kam zu keinem Urteil, weil Apple sich außergerichtlich mit den KlägerInnen einigte. Dennoch war die Klage ein erster Erfolg im Kampf für nachhaltige Produkte. Gegen Obsoleszenz durch "immer Neues kaufen müssen" hat das Urteil wenig genützt

Was tun?
Reparaturwerkstätten sind ein guter individueller Ansatz
Aber es ist auch die berühmte individuelle Nische
Wir brauchen die Nische, wir brauchen aber auch den politischen Ansatz

Was tun?
  • Der Kampf gegen die geplante Obsoleszenz ist ein unbeachteter, wichtiger Aspekt der Energie- und Rohstoffwende
  • Wir müssen TTIP verhindern
  • Wir müssen Fortschritt menschengerecht definieren und dürfen den Begriff nicht den Gierigen überlassen
  • Wir brauchen die massive Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Das Ministerium für Verbraucherschutz sollte in regelmäßigen Abständen für (fast) jedes langlebige Produkt die "durchschnittliche Lebensdauer" ermitteln und eine ein Drittel darüber liegende Mindestgarantiezeit fest legen. Dies würde den technischen Fortschritt nachhaltig beschleunigen.
  • Werbung und Werbeanzeigen ohne die Angabe von Garantiezeiten sollte es nicht mehr geben.
  • Das Papier, auf dem die Garantie aufgedruckt ist, muss eine längere Lebensdauer als das Produkt haben (Kein Thermopapier)
  • Informieren Sie sich. (dafür sind Sie heute hier)
  • Reparieren Sie und lassen Sie reparieren



Was können wir gewinnen?
  • Aus einem Puzzlestück der globalen Krise könnte ein Puzzlestück der Problemlösung werden
  • Langlebige, schöne, reparaturfähige Produkte
  • Eine Verringerung der Lebensarbeitszeit (die dann aber auch global und national besser verteilt werden muss)
  • Eine Verringerung der Energie- und Rohstoffverschwendung, der Umweltverschmutzung und des Klimawandels
  • Zukunftsfähigkeit und echte Nachhaltigkeit
  • Einen Ansatz für das „Gute Leben“ mit einem massiv verringerten Input an Energie- Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft


"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier." Ghandi



Axel Mayer, BUND Geschäftsführer






Die geplante Obsoleszenz ist Teil einer Produktstrategie.
Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden.
Häufig wird gleichzeitig dafür gesorgt, dass eine Reparatur übermäßig teuer wäre oder gar nicht möglich ist. Der Kunde will oder muss daher das Produkt durch ein neues ersetzen.
Die Obsoleszenz ist unabhängig vom Produktlebenszyklus, der sich nicht auf die Haltbarkeit eines einzelnen Produktes bezieht, sondern auf den Zeitraum von der Entwicklung bis zum Verkaufsende.
Zu geplanter Obsoleszenz gehören auch Maßnahmen, die nicht auf die (Zer-)Störung der eigentlichen Funktionalität abzielen, sondern bewusst Möglichkeiten der Abnutzung einbauen. So kann durch entsprechende Materialwahl das Aussehen und die Haptik eines Produkts derart beeinflusst werden, dass (etwa) nach Ablauf der Gewährleistungsfrist ein direkter Vergleich mit Neuprodukten letztere erheblich besser dastehen lässt, als es bei einem bloßen Funktionsvergleich der Fall wäre. Bei Mobiltelefonen werden beispielsweise bewusst leicht einzudrückende Schalen oder Gehäuse mit Kunstlederanteilen eingesetzt, die nach einiger Zeit deutlich abgegriffen sind.
Möglich ist auch der Einbau eines Mechanismus, welcher nach einer gewissen Betriebsstundenzahl, die größer als die Garantiezeit sein sollte, entweder eine Zerstörung wichtiger Funktionskomponenten hervorruft oder eine Betriebsstörung vortäuscht. Das Gerät kann dann nur durch eine in der Gebrauchsanleitung nicht beschriebene Aktion, welche nur Servicetechnikern bekannt sein sollte, wieder in Gang gebracht werden. Letzteres war (und ist womöglich noch) bei manchen PC-Druckern der Fall. Gerne als Beispiel für eine geplante Obsoleszenz herangezogen wird das 1924 gegründete und de facto bis heute wirkende Phöbuskartell, in dem die nominale Brenndauer von Glühlampen international auf 1000 Stunden festgelegt wurde. Der Begriff geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung Ending the Depression Through Planned Obsolescence von 1932.

Zitat: Wikipedia






Geplante Obsoleszenz: Kaufen für die Müllhalde


Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft."
Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden.
Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden. Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.

(ARTE Frankreich, 2010, 75mn)
Erstausstrahlungstermin: Di, 24. Jan 2012, 20:17
Leider gibt´s den absolut beeindruckenden ARTE Film nicht mehr auf der ARTE-Homepage. Schade!





Unibibliothek Freiburg: Abriss nach 33 Jahren oder die Verkürzung der Produktlebensdauer von Gebäuden


Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg gegenüber dem fast hundert Jahre alten Kollegiengebäude I nach Plänen des Universitätsbauamts am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unibibliothek. “Hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben muss das Bibliotheksgebäude saniert werden.”, steht beschönigend bei Wikipedia und fast genau so beschönigend ist die Diskussion in der “Green City” Freiburg, denn manche Abrissgründe werden öffentlich nicht diskutiert. Neben den "offiziell" genannten und diskutierten Abrissgründen scheint es "nicht diskutierte" weitere Abrissgründe zu geben, u.a. die von Anfang an nicht richtig funktionierende Klimaanlage und den hohen Krankenstand der MitarbeiterInnen der Bibliothek...

Realität ist, dass im Jahr 2011, 33 Jahre nach dem Neubau, der oberirdische Teil des Gebäudes fast vollständig abgerissen werden muss, während das gegenüber stehende Kollegiengebäude I aus dem Jahr 1911 vermutlich noch einmal hundert Jahre älter werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird.


Es kann nicht darum gehen, heute so zu bauen wir vor 100 Jahren. Aber 1978, in einer Zeit, in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, hätte es doch möglich sein müssen, neue Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibelfunktional und schön zu bauen.

Nein! Unser Herzblut hängt nicht an dem zeitgeist-scheußlich-parkhausähnlichen Gebäude der alten Unibibliothek. Wir kritisieren nicht den vermutlich leider notwendigen Abriss, wohl aber die traurige Notwendigkeit, abreißen zu müssen. Der Abriss der wenige Jahrzehnte jungen Unibibliothek in Freiburg ist ein Beispiel für nicht nachhaltiges, verschwenderisches öffentliches Bauen (nicht nur) in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 44 Millionen Euro muss jetzt das Um- und Neubauprojekt kosten.


Die Großbaustelle der maroden Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.

Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen.

Und relativ neue, mittlerweile sanierungsbedürftige Straßen, Flachdächer, Schulen, Brücken und andere öffentliche Gebäude gibt es im ganzen Land. Es gibt zu diesem Thema und zu dieser unglaublichen Milliardenverschwendung, die die öffentlichen Haushalte schwer belastet, allerdings keine politische Debatte, nicht einmal in der „Green City“.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht für Nachhaltigkeit, das heißt, nachfolgende Generationen sollen nicht mit den Langzeitwirkungen des heutigen Raubbaus belastet werden.

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten haben bei vielen öffentlichen Bauten der letzten Jahrzehnte keine große Rolle gespielt und weil es keine Debatte dazu gab und gibt ist dies auch heute teilweise noch so. Die deutsche Staatsverschuldung liegt bei über 2.067.000.000.000 Euro und das hat auch mit dieser nicht hinterfragten, verschwenderischen Art des Bauens in der Vergangenheit und der Gegenwart zu tun. Wenn die Sünden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, dann werden aus den Fehlern keine Lehren gezogen.

Wenn wir die habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Strumpfhosen, Computern, Gebäuden und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen.


Immer noch wird bei öffentlichen Planungen und Bauten hauptsächlich auf die aktuellen Baukosten und viel zu wenig auf Langlebigkeit und die künftig anfallenden Reparaturen geachtet. Wenn an der B3, zwischen den Gemeinden Wasser und Denzlingen, auf 3,3 Kilometern Bundesstraße sechs teilweise unnötige Brücken und Unterführungen gebaut werden, wenn in Stuttgart ein funktionsfähiger Bahnhof abgerissen wird, dann sind solche Planungen nicht zukunftsfähig. Bei allen (nicht nur staatlichen) Bauten müssen diese Aspekte in die Planungen mit einfließen und die Forschung über die Langzeitfolgen der unbedingt notwendigen Gebäudeisolierung sollte dringend verstärkt werden.

Wir erleben nicht nur am Oberrhein und in Freiburg, wie das Land mit einer teuren Infrastruktur, mit Beton und Asphalt überzogen wird, wie der Flächenverbrauch anhält und Natur verschwindet, während gleichzeitig Städte, Land und Bund nicht in der Lage sind, die bestehende Infrastruktur zu unterhalten.

Wenn Stadt, Staat und Bahn kein Geld, sondern einen Schuldenberg haben, dann muss erst einmal (wenn möglich) die vorhandene Infrastruktur unterhalten und nicht Unnötiges neu gebaut werden. Neue Gebäude sollten funktional, schön, energiesparend, ressourcenschonend und dauerhaft-langlebig gebaut werden. Über das “Schön” darf dann gerne öffentlich gestritten werden, über das “Funktional, Langlebig, Energiesparend und Dauerhaft” nicht.

Wir haben zu wenig Informationen, um den Neubau der Unibibliothek konstruktiv zu bewerten. Auffallend ist allerdings die „Fast-Nur-Fassadendisskussion“ in Freiburg. Ob es beispielsweise ausreicht, angesichts der zu erwartenden Preisexplosion bei Heizkosten, den Energieverbrauch „nur“ um 60% zu senken, ist offen. Beschränkte „Fassadendiskussionen“ lenken von den Nachhaltigkeitsaspekten des Neubaus ab. Hoffentlich wurden wegen des schönen Scheins nicht wieder zu viele Kompromisse gemacht. Auch wenn es dem Zeitgeist nicht entspricht, sind uns die "Inneren Werte" eines Gebäudes wichtiger als der "Schöne Schein". Wenn sich beides in einem neuen Gebäude vereinen lässt, dann ist das höchste Architekten- und Ingenieurskunst. Wir sind gespannt...

Axel Mayer, Geschäftsführer


Nachträge:
Wir wissen, dass die damaligen Politiker und Bürgermeister nicht mehr an der Macht, aber immer noch mächtig sind, dass Architekten und schönschreibende Journalisten von damals noch leben. Dennoch wollen wir die Debatte heute führen und nicht noch einmal 30 Jahre warten.


Nachdem die oben stehenden Texte (und das Infoblatt) geschrieben waren, sind wir auf einen lesenswerten Fachartikel im Internet gestoßen. In diesem Beitrag von Uta Hassler und Niklaus Kohler wird die These vorgetragen, dass das Thema der Zukunft - und eines ressourcenschonenden Wirtschaftens - nicht der, wie auch immer optimierte, Neubau sein wird, sondern im Zentrum unseres Denkens und Handelns der Bestand stehen muß - und der Umbau dessen, was schon existiert. Hier weiter lesen


Kaufen (und produzieren) für die Müllhalde
Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".
Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen, erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt, und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden.
Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden. Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.
Hier geht´s zum absolut beeindruckenden ARTE Film
(Frankreich, 2010, 75mn)





Jetzt gibt es diesen Text beim BUND in der Freiburger Wilhelmstraße 24a. (Hinterhaus) auch als Flugblatt. Wir suchen dringend ehrenamtliche InfoblattverteilerInnen für einzelne Straßen und Stadtviertel.

Das Flugblatt zum Download als PDF-Datei gibt es hier


Universitätsbibliothek Freiburg: Den "Fortschritt" kritisch hinterfragen, damit er den Menschen dient. Axel Mayer





Umweltbundesamt | Pressemitteilung 33/2013
Defekte Elektrogeräte – zufällig oder geplant?



Umweltbundesamt beauftragt Studie zu Obsoleszenz

Fast jedem ist es schon einmal passiert: Das Mobiltelefon oder die teure Digitalkamera fallen vor der prognostizierten Lebensdauer aus und können nicht mehr repariert werden, höchstens mit hohen Kosten. Dieses Phänomen, bei dem ein Produkt auf natürliche oder künstlich beeinflusste Art verschleißt, nennt man Obsoleszenz. Der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Jochen Flasbarth: „Bei der Obsoleszenz gibt es viele Spielarten: geplant, psychologisch und technisch. Fakt ist: der vorzeitige Verschleiß von Produkten, egal wie er zustande kommt, wirkt sich negativ auf unseren Ressourcenverbrauch aus.“ In der Öffentlichkeit wird das Phänomen viel diskutiert, insbesondere im Zusammenhang mit Elektro- und Elektronikgeräten. Da es zur vorzeitigen Alterung von Produkten kaum belastbare wissenschaftliche Daten gibt, lässt das UBA diese Problematik genauer untersuchen. Die dafür beauftragte Studie beschäftigt sich unter anderem mit der Frage wie lange ein Produkt in Stand bleiben und funktionsfähig sein muss. Außerdem soll geklärt werden, inwiefern der vorzeitige Defekt eines Produktes durch den Hersteller in Kauf genommen oder sogar bewusst durch eingebaute Sollbruchstellen – als geplante Obsoleszenz – erzeugt wird. „Da die derzeitige Diskussion zu Obsoleszenz fast ausschließlich exemplarisch geführt wird, ist das Ziel der Studie vor allem die Ermittlung systematischer Informationen, um eine angemessene Beurteilung des Phänomens zu ermöglichen und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten“, sagt Jochen Flasbarth.

Warum ein Gerät vorzeitig ausfällt oder sich schlecht reparieren lässt, kann viele Ursachen haben. So können die Elektrolytkondensatoren in Computern, Fernsehgeräten und anderen elektronischen Geräten unterdimensioniert oder die Materialien bei mechanischen Bauteilen, wie Zahnräder in Mixern oder Lager in Waschmaschinen, zu wenig belastbar sein. Ein anderes bekanntes Problem: Die Bauteile in mobilen Geräten wie Tablet-PCs oder Smartphones sind verklebt und deren Akkus lassen sich nicht austauschen. Abgesehen von diesen Erfahrungswerten liegen derzeit kaum systematische Informationen und Daten vor, die erlauben das Phänomen Obsoleszenz tatsächlich zu beurteilen. Um die wissenschaftliche Grundlage zu verbessern, hat das UBA nun das Öko-Institut e.V. zusammen mit der Universität Bonn mit einer Studie beauftragt. Diese wird im September dieses Jahres beginnen, im kommenden Jahr erste Ergebnisse liefern und im Frühjahr 2015 abgeschlossen sein.

In der Studie werden vor allem Elektro- und Elektronikgeräte untersucht. Bei diesen besteht am häufigsten der Verdacht, vorzeitig zu altern oder kaputt zu gehen. Außerdem ändert sich deren Design und Produktpalette besonders dynamisch. Im Rahmen der Studie soll nun ermittelt werden, ob und wie sich die durchschnittliche Lebensdauer und die Ausfallwahrscheinlichkeit von diesen Geräten in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Durch Interviews werden dabei auch die Erfahrungen von Reparaturbetrieben, Testinstituten und weiteren Akteuren einfließen.

Das Forschungsprojekt dient auch dazu, neue Verfahren zu entwickeln, mit denen die Lebensdauer von Produkten besser überprüft werden kann. Während sich die Brenndauer bei Lampen auf Basis vorhandener Prüfstandards messen lässt, ist beispielsweise eine Lebensdauermessung für Kühlschränke, unter Realbedingungen aufgrund der Zeitdauer kaum zu realisieren. In Fallstudien für drei noch auszuwählende Produktgruppen sollen daher die Datenerhebung vertieft und Möglichkeiten der Lebensdauerprüfung identifiziert werden. Aus den Ergebnissen der Studie wird das UBA dann Vorschläge für eine möglichst lange Produktlebensdauer – wie Qualitätsstandards für Produkte oder Verbraucherinformationen – ableiten.

Untersucht wird auch, wie sich sowohl die Herstellerentscheidungen als auch das Verbraucherverhalten auf die durchschnittliche Lebensdauer der Produkte auswirken. So kann die Wahl des Designs und der Software die technische Lebensdauer eines Produktes verlängern. Die Art und Weise, wie Menschen dieses im Alltag nutzen, kann die technisch mögliche Lebensdauer wiederum verkürzen. Jochen Flasbarth: „Die möglichst lange Lebens- und Nutzungsdauer von Produkten ist seit langem ein Kernanliegen des produktbezogenen Umweltschutzes. So sind die Anforderungen an die Gebrauchstauglichkeit und die Verfügbarkeit von Ersatzteilen eine standardmäßige Anforderung für die Vergabe des Umweltzeichens Blauer Engel.“





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Dieser Artikel wurde 16631 mal gelesen und am 10.7.2014 zuletzt geändert.