Eine Einführung: Wachstum und Wachstumskritik

Wachstumskritik & Finanzkrise
Die ökonomischen "Gesamtverluste" der aktuellen Finanz- und Wirtschaftkskrise
schätzte der IWF im April 2009 auf 4,054 Billionen US-Dollar (3093 Mrd. Euro). Eine Zahl, die das menschliche Vorstellungsvermögen sprengt. Millionen Arbeitslose und Millionen von zusätzlichen Hungernden sind eine indirekte Folge dieser Krise.
Der Hintergrund der Probleme ist nicht nur die Habgier und Dummheit einiger Weniger, auch wenn dies jetzt gerne so dargestellt wird. Wir leben in einem System das nur funktioniert wenn es wächst und sich damit zwangsläufig selber zerstört.
Wieviel Prozent Wachstum
hätten Sie denn gerne? Fragen Sie einen Politiker von CDU/FDP/SPD und Sie werden vermutlich keinen finden, der nicht ein langfristiges Wachstum von mehr als 5% anstrebt. Mindestens 3% Wirtschaftswachstum seien nötig, um die Arbeitslosenzahlen zu senken. Vollbeschäftigung ließe sich frühestens ab 5% jährlichem Wachstum erreichen, werden Ihnen auch viele PolitikerInnen der GRÜNEN und der Demokratischen Linken vorrechnen.
Doch hinter solchen Aussagen,
Wahlkampfparolen, Wirtschaftsinteressen, Wünschen und Problemlösungsansätzen stehen unhinterfragte Mythen und der alte, zerstörerische Irrglaube, unbegrenztes Wachstum sei dauerhaft möglich.

Wachstum & Wachstumskritik
Bei einem anhaltenden Wachstum
von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre. Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung. Als Problemlösungsansatz kann es langfristig und global nicht dienen. Durch die periodischen Kriege im Laufe der Menschheitsgeschichte wurde das bisherige Wachstum immer wieder unterbrochen. Es wäre anzustreben, die aktuellen Probleme ohne großen (und damit vermutlich letzten) Krieg in den Griff zu bekommen.
Aktueller Einschub: Wachstumsbeschleunigungsgesetz
Wachstumsbeschleunigungsgesetz
Schuldenwachstumsbeschleunigungsgesetz
Genkartoffelwachstumsbeschleunigungsgesetz
Atommüllwachstumsbeschleunigungsgesetz
Straßenundflugverkehrwachstumsbeschleunigungsgesetz
Klimawandelwachstumsbeschleunigungsgesetz
Abstandzwischenarmundreichwachstumsbeschleunigungsgesetz
Axel Mayer

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Raubbauökonomie und Ökologie
sind immer noch unvereinbare Gegensätze, auch wenn immer wieder fälschlicherweise und vielstimmig das Gegenteil behauptet wird.
Immer wieder werden in der öffentlichen Debatte
andere Länder benannt, die ein stärkeres, „vorbildhaftes“ Wachstum haben. Vor dem Jahr 1990 wurde Japan als das „große Vorbild“ dargestellt. Die boomende japanische Wirtschaft wurde idealisiert und den deutschen Arbeitnehmern sagten Medien und Politik, sie sollten sich die Japaner endlich als Vorbild nehmen. Dann platzte 1990 in Japan (als Folge exponentiellen Wachstums) die Immobilienblase, die Börse ging in den Keller und von einem Tag auf den anderen war in Deutschland das „Vorbild Japan“ kein Thema mehr. Aufgearbeitet wurde dieser Medienflopp nie. Und die Staatsverschuldung mancher Länder, die uns heute als Vorbild dienen sollen, ist für die Medien wieder kein Thema.
Die Weltwirtschaftskrise des Jahres 2008 führt dazu, dass einige neoliberale Politiker, Journalisten und Wirtschaftsbosse kurzfristig "in Deckung" gehen. Nach kurzer Zeit sind sie wieder da...
Unser Wirtschaftswachstum
ist immer noch nicht ganz abgekoppelt von einem erhöhten Energie- und Rohstoffverbrauch. Das Ende des Öl- und Uranzeitalters ist absehbar und wird durch den Export unseres Verschwendungssystems nach China und Indien noch verstärkt.
Deutlich wird dies u.a. durch die erkennbare Verknappung der fossilen Rohstoffe und damit aktuell beim Benzinpreis. Das weltweit knapper werdende Öl löst beim abhängigen Patienten Mensch klassische Suchtsymptome aus. Statt Energie zu sparen und Alternativen zu fördern, rufen wachstumsgläubige Politiker nach einer intensiveren Ölförderung und nach der noch härteren Energiedroge Atomenergie.
Die Umweltbewegung in Deutschland
hat viel erreicht. Luft und Wasser sind tatsächlich sauberer geworden und auch sonst gab es viele Erfolge. Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse hier ein wenig langsamer ablaufen als anderswo. Immer noch gehören auch wir in Deutschland zum zumeist unzufrieden gehaltenen, kleinen „reichen“ Teil der Menschheit, der aber den Großteil der Energie und Rohstoffe verschwendet und damit hauptsächlich für die weltweite Umweltverschmutzung verantwortlich ist.
Ein Teil des bisher „unterentwickelten“ Rests der Welt
(insbesondere China und Indien) ist gerade gerade dabei, unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen und zu einer ernstzunehmenden industriellen Konkurrenz zu werden. Wie in Deutschland nach dem Krieg wird auf niedrige Lohnkosten und geringe Sozial- und Umweltstandarts gesetzt. Der beginnende Autoboom in diesen Ländern wird in unseren Medien immer noch unkritisch bejubelt. Die Folgen dieses Booms für Ökologie und Weltklima sind kein Thema. In China und Indien läuft zur Zeit das "spannendste ökologische Belastungsexperiment" der Menschheitsgeschichte. Und ist es den Menschen in Asien zu verdenken, dass sie unserem schlechten Beispiel nacheifern?

Hundertfünfzig Jahre Industrialisierung
haben dazu geführt, dass die in vielen Millionen Jahren geschaffenen Energievorräte und die Rohstoffreserven der Welt zur Neige gehen und wir gleichzeitig u.a. mit Atommüll Gifte produziert haben, die über eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen. Während sich bei uns in diesen 150 Jahren zumindest einige regulierende Gegenkräfte entwickelt haben (Gewerkschaften, Umweltbewegung, etc.) um die schlimmsten Folgen des krebsartigen Wachstums für die Menschen abzumildern, wuchern die Metastasen des Industriesystems in China, Indien und den so genannten „Tigerstaaten“ ungehemmt, mit enormen Folgen für die Umwelt, die Sozialsysteme und die Menschen
Die Prognosen des Club of Rome
über die Grenzen des Wachstums aus dem Jahr 1972 haben sich bisher nur zum Teil erfüllt. Doch zum damaligen Zeitpunkt waren die Wachstumsgesellschaften Indiens, Chinas und Südostasiens auch noch im Embrionalzustand. Jetzt, wo diese großen Märkte für ihr Wachstum immer mehr Energie und Rohstoffe verbrauchen, zeigt sich wie richtig die Thesen des Club of Rome waren.
Die Folgen unseres Handelns
sind weltweit nicht zu übersehen. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre nimmt zu und das Weltklima verändert sich. Die so genannte friedliche Nutzung der Kernenergie gefährdet durch Unfälle, Terrorismusbedrohung und die Weiterverbreitung von Atomwaffen unsere Zukunft. Alles Wissen um Umweltfragen verhindert nicht den massiven Raubbau an den letzten Urwäldern der Erde und am beschleunigten Artensterben. Während der überentwickelte Teil der Welt mit den Folgen von übermäßigem Konsums und Wohlstandsverwarlosung zu kämpfen hat, sterben nach einem Bericht für die UNO täglich 100 000 Menschen wegen fehlender Nahrung. Im Jahr 2004 litten 842 Millionen Menschen an chronischer Unterernährung.
Innenweltverschmutzung
Die größer werdende Ungleichheit zwischen den Nationen und den Menschen verstärkt die Kriminalität und ergibt einen fruchtbaren Nährboden für Fundamentalismus und Terrorismus. Zur weltweiten Umweltzerstörung kommen im Zeitalter der Globalisierung ein zunehmend ungehemmter Konsumismus, eine Gefährdung der Demokratie u.a. durch die zunehmende politische Macht der Konzerne, soziale Ungerechtigkeit und Sozialabbau. Habgier und Egoismus als gefördertes und gewünschtes Lebensmodell zerstört die Gesellschaft. Die Unwirtlichkeit der Vorstädte, Ghettobildung, vor allem aber die ungleiche Verteilung von Arbeit und Chancen führt in vielen Ländern zu sozialer Entwurzelung und Gewalt. Brennende Autos und gewalttätige Aufstände der Entwurzelten, schon lange nicht mehr nur in weit entferneten Ländern, sondern auch in Paris und Straßburg, sind deutliche Zeichen einer mit der Umweltzerstörung einhergehenden Innenweltverschmutzung. Bewachte Ghettos für verängstigte Reiche nach amerikanischem Vorbild sprechen auch nicht für eine hohe Lebensqualität im selbstgewählten Käfig. Es gibt keine Nachhaltigkeit und kein gutes Leben ohne Gerechtigkeit.
"Der real existierende Sozialismus war immerhin so freundlich, 1989 „not with a bang, but with a wimper“ zusammenzubrechen. Es ist zu hoffen, aber keineswegs sicher, daß der Kasinokapitalismus seinen Ab- und Untergang mit ebenso viel Feingefühl und Anstand inszeniert."
Zitat: Thomas Hoof, Manufactum Hausnachrichten, Herbst 2007
Das Denken des größten Teils der politischen Klasse,
der Medien und auch der Menschen beruht auf Mythen und Illusionen:
- Unbegrenztes Wachstum sei dauerhaft möglich
- Wir alle könnten irgendwann genau so verschwenderisch und zerstörerisch leben wie die Menschen in den USA
- Der arme "Rest der Welt" könnte unser verschwenderisches und zerstörerisches Wohlstandsmodell übernehmen
- ungehemmter Konsum würde glücklich und zufrieden machen
Doch wenn unser System unbegrenzt wächst,
wenn weiterhin weltweit Energie, Rohstoffe und gesellschaftliche Reichtümer verschwendet werden, dann stellt sich nicht die Frage, ob das System kollabieren könnte, sondern nur noch die Frage, wann dieser Crash kommt. Woher sollen Rohstoffe und Energie kommen, wenn sich der American Way of Life weltweit verbreitet? Wer soll all die Produkte kaufen, wenn unsere Produktivität sich weltweit verbreitet? Und sind die Menschen, die heute den so genannten „hohen „Lebensstandard“ haben, tatsächlich zufrieden und glücklich, oder wachsen mit zunehmendem Wohlstand nicht sogar Habgier und Unzufriedenheit?
Das Wachstum im Bereich der Alternativen Energien,
gehört zu den wenigen hoffnungsvollen Zeichen der Zeit. Von 1995 bis 2005 haben sich die Preise für atomar-fossile Energien mehr als verdoppelt, während sie sich für erneuerbare Energien halbiert haben. Windstrom ist global die am schnellsten expandierende Energienutzung. In der EU gingen im Jahr 2005 alle zwei Monate 1000 MW neue Windenergie ans Netz. In Kilowatt (Leistung) entspricht dies einem neuen AKW Gösgen (CH), in Kilowattstunden (Produktion) wird damit ein Atomreaktor der Grösse Beznau(CH) ersetzt - und dies alle 60 Tage. Und genau dieses positive Wachstum der zukunftsfähigen Energien wird von den Anhängern der atomar-fossilen Energiegewinnung massiv bekämpft.
Wir haben Technologien und Waffen enwickelt,
welche die Zukunft der Menschheit bedrohen. Gleichzeitig zeigen aber manche Fortschritte, nicht nur bei Sonnen- und Windenergie, dass der technische Fortschritt dem Menschen auch nützen kann. Nicht alle Rationalisierungtechnologien schaffen Probleme. Mit der heute verfügbaren Technik, mit der Produktion von reparaturfähigen, langlebigen Produkten könnten wir, größtenteils befreit von stupiden Tätigkeiten, ein „gutes“ Leben führen. „Gut leben statt viel haben“ muss der heutigen „Ich kaufe, also bin ich“- Ideologie entgegengesetzt werden. Das bedeutet weniger bezahlte Erwerbsarbeit und die gerechtere Verteilung des durch die Rationalisierung zurückgehenden Arbeitspensums auf mehr Menschen. Weniger Arbeit und gleichzeitig mehr Lohn und Konsum wird es dann aber nicht geben. Das aktuelle Motto auch der politischen Linken: „Leute, kauft mehr kurzlebigen Scheiß, um die Wirtschaft anzukurbeln“ ist kurzsichtig und zerstörerisch.
Es kann auch nicht angehen hohe Löhne beziehen zu wollen und gleichzeitig am liebsten billige Produkte zu kaufen, die unter Sklavenhalterbedingungen in den armen Ländern produziert wurden.
Eine Gefährdung der Demokratie
und eine zunehmende Einschränkung der Freiheitsrechte geht einher mit der neoliberalen Globalisierung. Mit Greenwash, Public Relations, Werbung, mit „Konsum und Spielen“ werden die Menschen unmündig gehalten. Silvio Berlusconie ist nur ein Beispiel für die demokratiegefährdende Verbindung von Wirtschaftsmacht, Medienmacht und Politik. Kriege um Öl werden von Werbeagenturen psychologisch vorbereitet und mit Lügen begründet. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Volksvertreter in den Parlamenten ab und die Zahl der Industrievertreter zu. Menschenrechtsverletzungen in anderen Ländern sind kein Problem, wenn die entsprechenden Diktaturen wirtschaftsfreundlich sind. Großkonzerne und neoliberale Eliten und eine zunehmende Selbstzensur, häufig industrienaher Medien gefährden die Demokratie.
Nur wenn es uns gelingt
mit einem wesentlich verringerten Input von Energie, Rohstoffen und Arbeitszeit ein gutes Leben zu führen, könnten auch die Länder des Südens an den Reichtümern der Welt gleichberechtigt teilhaben. Ohne einen gleichberechtigten Zugang aller Menschen zu den Ressourcen der Welt, ohne Abrüstung, Demokratie und Menschenrechte gibt es keine nachhaltige Zukunft.
Die schwierigste Zukunftsaufgabe der Umweltbewegung
wird es sein, aufzuzeigen, dass unbegrenztes Wachstum begrenzte Systeme zerstört. "Gut leben statt viel haben" ist die Zukunftsdevise. Es gilt, eine tatsächlich nachhaltige Entwicklung einzuleiten und Wege für ein gutes, nachhaltiges Leben aufzuzeigen. Die größten Einschränkungen auf diesem Weg sind die ökonomischen Widerstände und die Tatsache, dass dieser zukunftsfähige Weg Vernunft und ein massives Umdenken voraussetzt.
Das Beispiel der Osterinsel zeigt, wie Menschen es in der Vergangenheit geschafft haben, ihren überschaubaren Lebensraum zu entwalden, die Insel zu verwüsten und die Grundlagen für ein gutes Leben zu vernichten.
Wir müssen aus der Geschichte lernen und die sich beschleunigenden, weltweiten Zerstörungsprozesse beenden.
Axel Mayer
Quelle: Radio France International
Artikel vom 03.06.2009
"Décroissance"
Verzicht und Lebensfreude
Christine Siebert
Politiker und Unternehmen aller Welt setzen alles aufs Wirtschaftswachstum. Die französischen Wachstumsverweigerer wollen jedoch das genaue Gegenteil: "Décroissance", Schrumpfung von allem was Stress produziert und die Umwelt kaputt macht. Für die Décroissance machen sich immer mehr französische Intellektuelle, Künstler, aber auch einfache Leute stark - doch die Mainstream-Medien berichten kaum über diese Bewegung. Dafür umso mehr die unabhängigen Zeitungen. Eine Gruppe von Lyoner Werbe-Gegnern, "Les casseurs de pub" [2] erscheint jeden Monat mit einer Auflage von über 40 000 Exemplaren.
Redaktionssitzung am runden Esstisch mit wild gemusterter Wachstuchdecke. Das Redaktionsteam von "La décroissance, le journal de la joie de vivre" braucht für seine Lebensfreude keine Designermöbel. Für Sophie Divry, Ende Zwanzig, zählt vor allem die finanzielle und somit inhaltliche Unabhängigkeit der Zeitschrift:
"Als ich die 'casseurs de pub', die Reklamezerstörer, also die Gründer der Zeitschrift, kennen gelernt habe, da habe ich mir gesagt: es ist also möglich, eine Zeitung ohne Werbung und ohne People-News zu machen... und davon zu leben. Wo man mir doch in der Journalistenschule immer beigebracht hat, ein kleiner diensteifriger Presse-Soldat zu sein, der auf nichts Einfluss hat, und der so gut wie möglich die ihm gestellten Aufgaben erfüllt. Aber inzwischen weiß ich: es ist möglich eine alternative Zeitschrift herauszubringen. Die Franzosen warten nur auf so etwas, denn die Ansichten, die die Mainstream-Medien verbreiten, sind immer dieselben."
Um die 30 000 Exemplare verkauft "casseurs de pub" jeden Monat. Von den Einnahmen werden vier feste und mehrere freie Mitarbeiter bezahlt, sagt Publikationsleiter Vincent Cheynet:
"Und dann haben wir Autoren, die unentgeltlich mitarbeiten. Zum Beispiel Jacques Testard [3], der berühmte französische Wissenschaftler, der 'Vater' des ersten 'Retortenbabys'. Der schreibt regelmäßig eine Chronik für uns. Außerdem haben wir eine ganze Reihe Helfer, die sich für die Sache engagieren. Die kommen zum Beispiel einmal im Monat hier in die Redaktion, um die Abo-Exemplare einzutüten. Das ist jedesmal ein Highlight: man tauscht sich aus, man freut sich, andere Wachstumsverweigerer zu treffen."
Wachstumsverweigerung - ein weites Feld. "La décroissance" steht für einen ganzen Gesellschaftsentwurf, der sich auf den ersten Blick in eine Reihe "Neins" übersetzen lässt: Nein zum Wirtschaftswachstum um seiner selbst willen, Nein zur Vergeudung, Nein zur Maßlosigkeit dessen, was ein durchschnittlicher Europäer der Erde abverlangt - sprich: nein zum überproportionalen ökologischen Fußabdruck, Nein zum Konsumwahn. Noch einmal Vincent Cheynet:
"Jeden Monat haben wir die Rubrik 'Der Ramsch, den wir diesen Monat nicht kaufen'. Heute sind ja alle Magazine voll von Kauftipps. Und wir machen das Gegenteil. Dabei versuchen wir, so oft wie möglich den Lesern das Wort zu geben. Gerade diese 'Anti-Kauf-Tipps' schicken uns oft die Leser zu - und wir machen uns eine Freude daraus, ihre Prosa zu veröffentlichen."
Mit viel Humor nimmt "La décroissance" auch Greenwasher, also falsche Umweltschützer aller Art, auseinander, bis hin zu jenem französischen People-Magazin, das mit 600 Litern roter Farbe sein Logo auf Grönlands Eis schreibt - angeblich um sich für den Klimaschutz einzusetzen. Vincent Cheynet:
"Außerdem haben wir die Rubrik 'Der Öko-Heuchler des Monats'. Das sind oft reiche, berühmte Leute, Fernsehstars, die die Umwelt total verschmutzen, die jedoch den einfachen Leuten Umweltlektionen erteilen."
Viel Ironie also, aber auch gründlich recherchierte Dossiers zu politischen und Umweltthemen - und Denkansätze für eine neue Gesellschaft im Sinne der "Décroissance": universelles Basiseinkommen, radikale Arbeitszeitverkürzung, Relokalisierung der Wirtschaft. Das Magazin erinnert an frühe Vordenker wie Ivan Illich [4] und André Gorz [5] und gibt den heutigen Verfechtern das Wort: Wirtschaftswissenschaftlern, Politologen, Philosophen. Und einfachen Leuten, die schon mal anfangen, neue Ideen im eigenen Wohnzimmer umzusetzen: Schluss mit TV und Junkfood, neue Träume statt dem von Rolex und Jet Set. Es sind bevorzugt Zeitgenossen, die mitten in der Gesellschaft stehen. "Auszusteigen" sollte man sich in der heutigen Lage nicht mehr leisten, findet jedenfalls Sophie Divry:
"Wenn ein Sarkozy mit 37 Millionen Stimmen gewählt wird - und das mit einem Programm, dessen Inhalt ist: Ich gebe euch Geld, ich liebe Geld, ich repräsentiere das Geld - da reagieren natürlich manche Ökos damit, dass sie aufs Land ziehen, ihre kleine Kommune gründen und sagen: Meine Zeitgenossen können mir egal sein, die interessieren sich ja nur für ihr Auto und für ihr Einfamilienhaus. Aber wir finden: So kann's auch nicht gehen! Wir haben ein gemeinsames Schicksal. Da sitzen sie auf dem Land und essen ihr Biogemüse und eines Tages führt eine Autobahn direkt an ihrem Garten vorbei. Oder nebenan explodiert ein Atomkraftwerk und da stellen Sie fest: Ja - ich lebe in der Welt, die mich umgibt."
Quelle: Archipel
Altikel vom 29.9.2009
Wachstumsverweigerung als Programm
von Ernst Schmitter
An einer wachstumskritischen Veranstaltung Anfang Mai in Lyon wurde Sarkozys Wachstumspolitik der Kampf angesagt. In Frankreich sind sie seit Jahren lästige Störenfriede. Im deutschen Sprachraum hat man sie bisher kaum wahrgenommen, die französischen Wachstumsverweigerer.
Unter dem sperrigen Titel «Contre-Grenelle» fand Anfang Mai in Lyon die zweite Auflage eines wachstumskritischen Treffens statt (nach einer ersten im Jahre 2007). Im Vertrag von Lissabon, der künftigen EU-Verfassung, soll die Verpflichtung zum Wirtschaftswachstum verankert werden. Sarkozy hat die Ratifizierung dieses Vertrags durch Frankreich am Volk vorbeigeschleust. Gegen die schon bald verfassungsmässige Verpflichtung auf Wachstum wehren sich in Frankreich seit langem die Wachstumsverweigerer und mit ihnen immer mehr Linkskräfte. Die Veranstaltung «Contre-Grenelle» hat dies unmissverständlich vorgeführt.
Die Zielsetzung von Sarkozys Umwelt-Grenelle
Rue de Grenelle war der Ort in Paris, wo am 27. Mai 1968, mitten im Generalstreik, ein Abkommen zwischen der französischen Regierung, den Gewerkschaften und den Unternehmern abgeschlossen wurde. Es führte zu starken Lohnerhöhungen für die Arbeitenden und galt später als wichtige Etappe von Mai 68. Seither werden in Frankreich Abkommen, die auf einer breiten Basis ausgehandelt werden, oft als «Grenelle» bezeichnet. Für Sarkozy war die Etikette «Grenelle» ein Muss, weil er für seinen grünen Umbau des französischen Kapitalismus möglichst viele politische Kräfte in sein Boot holen wollte. Im Oktober 2007 präsidierte er eine Konferenz unter dem Titel «Umwelt-Grenelle» (Grenelle de l'environnement).
Erklärtes Ziel: grünes Wirtschaftswachstum. Nur wenige politische Kräfte hatten den Mut, sich nicht vereinnahmen zu lassen. Dabei geht es offensichtlich um ein gigantisches Greenwashing des forcierten Wachstumskurses, den Sarkozy dem Land verordnet hat. Das zeigt sich z.B. darin, dass er den Bereich Nukleartechnologie von vornherein als nicht verhandelbar ausklammerte. Die Konferenz beschloss 268 Massnahmen, darunter den Bau neuer Autobahnen und TGV-Linien. So sollen über zehn Jahre hinweg Investitionen von 440 Milliarden Euro ausgelöst werden. Allein die Umsetzung der Konferenzbeschlüsse in Gesetzestexte dauert Jahre. Die Zielsetzung selbst - grünes Wirtschaftswachstum - ist tabu.[1] New-Green-Deal scheint somit frankreich- und europaweit zum neuen Dogma zu werden, da sich mit unverhüllt neoliberalen Grundsätzen in den nächsten Jahren keine salonfähige Politik machen lässt. Die glanzvolle Wiederwahl des Grünen Daniel Cohn-Bendit ins Europaparlament ist für diese Entwicklung symptomatisch. Cohn-Bendit hatte im Wahlkampf die Wachstumsverweigerer als «cinglés» (Spinner) bezeichnet.
Die Gegenveranstaltung Contre-Grenelle 2
In diesem Klima wurde in Lyon das Contre-Grenelle 2 durchgeführt. Die ReferentInnen hielten ihre Vorträge zweimal: einmal in einem berstend vollen Theatersaal und einmal im Freien für all jene, die drinnen keinen Platz gefunden hatten. Sie schilderten aus verschiedenen Perspektiven die Illusionen und Gefahren eines grünen Kapitalismus. Drei Beispiele: Der Journalist Aurélien Bernier legte dar, warum der Markt mit den CO2-Emissionsrechten in einigen Jahren Grössenordnungen erreichen wird, wie sie der Finanzmarkt vor der Krise 2008 hatte. Die Ausweitung dieses Markts auf neue Bereiche, bis hin zu den individuellen Verschmutzungsrechten, wird unter Umgehung der demokratischen Entscheidungsmechanismen eingeführt. Wir werden, Bernier zufolge, eines Tages feststellen, dass mit Klimapapieren nicht transparenter spekuliert wird als bisher mit irgendwelchen Derivaten. Der Schriftsteller und Dokumentarfilmer Philippe Godard warnte vor den Gefahren einer Ökodiktatur, die die Menschen instrumentalisiert als Teile einer Megamaschine, wie sie Lewis Mumford [2] beschrieben hat. Die Ärztin Catherine Levraud sprach von der Verschwiegenheit der Pharma- und Medizinlobby, wenn es um die Profite geht, die sie der Zerstörung unseres Lebensraums verdankt.
Wer steht hinter Contre-Grenelle 2?
Wer sind die französischen Wachstumsverweigerer, die für die Veranstaltung verantwortlich waren? Es ist eine heterogene Gruppe von Frauen und Männern mit drei gemeinsamen Überzeugungen, die auf der Feststellung gründen, dass unbegrenztes Wachstum in einer begrenzten Welt unmöglich ist. Da der Kapitalismus unter Wachstumszwang steht, sind sie erstens grundsätzlich antikapitalistisch. Zweitens soll die Wirtschaft nach ihrer Meinung ein Mittel sein, nicht ein Zweck. Wachstum müsste auch in einer egalitären Gesellschaft bekämpft werden, wenn es zu einem Selbstzweck würde und nicht dem Zusammenleben der Menschen diente. Drittens fordern sie, dass der Schutz der Umwelt und des Klimas nicht auf Kosten der Schwachen geht. Daraus ergibt sich die Forderung, Einkommen und Arbeit zu entkoppeln und die Einkommen nach unten und oben zu begrenzen.
Würde die Wachstumsverweigerung in ein politisches Programm übersetzt, so hätte der dritte Punkt Vorrang. In erster Linie strebt die Bewegung eine entschlossene Bekämpfung der sozialen Ungleichheiten an. Sie fordert vor allem die Einführung eines gesetzlichen Höchsteinkommens und die Schaffung eines existenzsichernden Grundeinkommens. Allein dieser Programmpunkt kommt einer Umkrempelung heutigen Wirtschaftens gleich, die weit über die Zielsetzungen gegenwärtiger Linkspolitik hinausgeht.
Wachstumsverweigerung, das ist in Frankreich vor allem die Bewegung rund um die Monatszeitschrift «La Décroissance» (Auflage 45'000), die in Lyon herausgegeben wird; das sind auch die «Casseurs de pub», eine Gruppe, die nach dem Vorbild der kanadischen Adbusters mit spektakulären Aktionen von sich reden macht; das sind HochschullehrerInnen, Medienleute und Intellektuelle, die in den letzten Jahren mehrere Dutzend Bücher publiziert haben; und das sind Tausende von Leuten, die sich in ihrem Alltag dem Wachstumsdogma entgegenstellen. Es ist Zeit, dass man sie auch ausserhalb des französischen Sprachraums zur Kenntnis nimmt.
Wachstumsverweigerung bedeutet nicht Rezession
Seit dem Ausbruch der Krise müssen die Wachstumsverweigerer oft den Vorwurf hören, wir hätten jetzt die Wirtschaftsschrumpfung, die sie schon lange forderten. Aber kein Wachstumskritiker käme auf die Idee, eine systemimmanente Krise gleichzusetzen mit einer bewusst gesteuerten Wachstumsrücknahme. Die Krise ist eine Katastrophe, ein Kollateralschaden unseres Wirtschaftens im Dienste des Kapitals. Wachstumsrücknahme ist eine zukunftsfähige Politik im Dienste der Menschen.
Wachstumsrücknahme bedeutet, dass man die wirtschaftliche Globalisierung, die von Washington aus spätestens seit Reagan diktiert und gesteuert wurde, rückgängig macht. Diese Globalisierung ist kein Naturgesetz. Sie ist umkehrbar, wenn der politische Wille zur Umkehr besteht. Die Umkehr hätte zwar in vielen Ländern einen Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIP) zur Folge. Aber ein solcher Rückgang bedeutet nicht Krise, wenn er Teil einer umsichtig durchgeführten Politik ist. Die Décroissance-Bewegung strebt eine allgemeine Entschleunigung der Gesellschaft an. In der langen Liste der Massnahmen, die sie dazu vorschlägt, hat beispielsweise die gezielte allmähliche Senkung der Arbeitsproduktivität einen wichtigen Platz. Der französische Autor Christian Jacquiau hat in seinem Buch «Les coulisses de la grande distribution» (Albin Michel, Paris, 2000) gezeigt, dass jeder Arbeitsplatz, der in einem Supermarkt geschaffen wird, das Verschwinden von fünf Arbeitsplätzen in Quartierläden zur Folge hat. Supermärkte haben eine höhere Arbeitsproduktivität als Quartierläden. Man darf deshalb behaupten - und die Wachstumsverweigerer tun das -, dass eine klug organisierte Umstellung auf Wachstumsrücknahme die Schaffung neuer Arbeitsplätze ermöglichen würde.
[1] Zum unauflösbaren Widerspruch des grünen Wachstums vgl. Bertrand Méheust, La politique de l'oxymore, éd. Découverte, 2009
[2] Lewis Mumford (1895-1990: US-amerikanischer Architekturkritiker und Wissenschaftler. Eine nähere Kategorisierung als Historiker, Philosoph, Soziologe oder gar Schriftsteller wird dem interdisziplinären Charakter von Mumfords vielfältigem Schaffen kaum gerecht. Der Begriff der «Megamaschine»wurde in seinem Werk «Mythos der Maschine» geprägt. Der Mensch ist der autoritären Monotechnik unterworfen, die sich durch zentralistische Gewalt, Macht und Bürokratie ausweist und den Menschen funktionalisiert.
Quelle: Archipel
Artikel vom 29.9.2009
Die Wachstumsverweigerer in der Westschweiz
von Ernst Schmitter
Jahrelang herrschte Funkstille. Die Schweiz, selbst die Westschweiz, schien die Décroissance (Wachstumsverweigerungs) -Bewegung nicht zur Kenntnis zu nehmen, die in Lyon, 150 km westlich von Genf, seit Jahren aktiv war.
Eine Monatszeitschrift mit einer Auflage von 45'000, mehrere Websites, eine politische Partei, spektakuläre Aktionen gegen die Werbung, Wochen ohne Fernsehen, Märsche gegen die Formel 1, eine rasch wachsende Bibliothek wachstumskritischer Publikationen, Intellektuelle, die das Personal einer Hochschule für Wachstumskritik bilden könnten - dies alles schien man schon in Genf nicht wahrzunehmen, geschweige denn diesseits der Saane.
Aber im August 2008 ließen sich in Genf einige Jugendliche (vor allem junge Grüne) vom Genfer Professor Jacques Grinevald zur Gründung eines wachstumskritischen Netzwerks motivieren. Das ROC (Réseau objection de croissance) wurde gegründet. Dann ging alles sehr rasch.
Mehr als ein Trend
Vorträge und Filmabende wurden organisiert. Der Kaufnichtstag - bisher eine Aktion junger Christen - wurde plötzlich von mehreren Linksbewegungen unterstützt. Am Autosalon gab es die kritische Aktion «L'autre salon», die die Autolobby nicht verhindern konnte. In Zeitungen und bei Radio Suisse romande wurde Décroissance zum Thema. In Lausanne entstand ein lokales ROC. Das ROC Neuenburg ist in Gründung begriffen.
In Genf hat das ROC mittlerweile 120 Mitglieder, in Lausanne 80. Die Jugend ist stark vertreten. Aber auch Berufstätige und RentnerInnen arbeiten mit. Die politische Strategie ist die gleiche wie in Frankreich: Man strebt nicht primär die Gründung einer neuen Partei an, sondern verbündet sich mit antiproduktivistischen Kräften in der gesamten Linksbewegung. Dabei achtet man sorgfältig darauf, dass nicht geschäftstüchtige Trittbrettfahrer, womöglich gar rechtskonservative Umweltfreunde, die Bewegung für ihre Zwecke missbrauchen. Lorédan Füeg, einer der Gründer des ROC Genf, beschreibt die Situation so: «Décroissance ist gegenwärtig ein Trend. Aber wir wollen dafür sorgen, dass es nicht ein bloßer Trend bleibt, der wieder verschwindet. Wir wollen eine gesellschaftliche Veränderung.»
Informationen auf www.decroissance.ch
Quelle: Archipel
Artikel vom 29.9.2009
"Das Wirtschaftsgeschehen hat eine Zeitachse"
Jacques Grinevald unterrichtet am Institut de hautes études internationales et du développement in Genf. Er arbeitet fächerübergreifend, vor allem in den Themenbereichen nachhaltige Entwicklung und ökologische Ökonomie. Sein 2007 veröffentlichtes Buch «La biosphère de l'anthropocène» ist zu einem wertvollen Arbeitsinstrument für all jene geworden, die sich wissenschaftlich mit Fragen des menschengemachten Klimawandels und der Wachstumsrücknahme beschäftigen.
Ernst Schmitter, der das folgende Gespräch führte, beschäftigt sich in der Schweiz mit Wachstumskritik.
Herr Grinevald, können Sie kurz Ihren Werdegang als Fachmann im Bereich der Wachstumsrücknahme erzählen?
1974 arbeitete ich im Pressedienst der Universität Genf. Ich bekam den Auftrag, einen Vortrag von Nicholas Georgescu-Roegen zu organisieren, dessen Werke ich zum Teil kannte. Nach seinem Genfer Vortrag entwickelte sich zwischen ihm und mir eine dauerhafte Freundschaft. Georgescu-Roegen betrachtete mich als seinen ersten Schüler in Europa, wohl zu Recht. Ich habe viele seiner Texte ins Französische übersetzt und publiziert. Unter der Leserschaft dieser Publikationen hat sich eine Art Netzwerk gebildet, lange bevor die heutige Décroissance-Bewegung entstand.
Stimmt es, dass der Begriff «Décroissance» Ihre Erfindung ist?
Ja. Ich habe den Ausdruck benutzt, um das englische Wort «decline» (Rückgang) zu übersetzen, das sich bei Georgescu-Roegen findet, aber auch schon bei Adam Smith vorkommt. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass das Wort «décroissance» jetzt im Englischen oft mit «degrowth» wiedergegeben wird.
Georgescu-Roegen ist seit Jahrzehnten ein Geheimtipp. Warum ist er so wichtig?
Er hat die Bedeutung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik für die Wirtschaft erkannt und den Begriff der Entropie in die Wirtschaftswissenschaft eingeführt. Das hat zur Folge, dass die Ökonomen sich vom mechanistischen Weltbild verabschieden müssen, das bis heute ihr Paradigma geblieben ist. Die Wirtschaft ist nicht wie ein Pendel, bei dem es egal ist, ob es hin oder zurück schwingt. Das Wirtschaftsgeschehen hat eine Zeitachse mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Nichts lässt sich ungeschehen machen. Die Schäden, die die Wirtschaft jetzt dem Klima zufügt, kann sie nicht reparieren. Die neoklassischen Ökonomen fürchten diese Wahrheit, wie die katholische Kirche Galileis Erkenntnisse fürchtete, weil sie den irrationalen Charakter ihrer Lehre entlarvt. Deshalb ist Georgescu-Roegen bis heute ein Geheimtipp geblieben.
Hatten Sie nie Schwierigkeiten mit den Bildungsinstitutionen, wenn Sie Unterrichtsinhalte wie Entropie, Biosphäre oder Wachstumsrücknahme in juristische oder technische Studiengänge einführten?
Oh doch! In meiner Karriere - wenn ich überhaupt von Karriere sprechen kann - gibt es manchen Knick! Ich bin dreimal wegen meines Unterrichts entlassen worden. Dreimal! Details erspare ich Ihnen. Nur eine Anekdote: In den Achtzigerjahren verlangte man an der ETH Lausanne von mir, dass ich künftig in meinem Unterricht auf den Begriff der Biosphäre verzichte. Begründung: «Die Industrie hat das nicht gern.» Ich habe nicht darauf verzichtet. Das hat mir einigen Ärger gebracht.
Wie bewältigen Sie den Spagat zwischen Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit und der Dringlichkeit des umweltpolitischen Engagements?
Wie gesagt: Ich habe diesem Spagat einen Teil meiner Karriere geopfert. Aber ich habe zwei Grundregeln beachtet und die Zerreißprobe immer wieder ausgehalten: Erstens blieb ich allen politischen Institutionen gegenüber auf Distanz. Ich war z.B. nie Mitglied einer Partei. Und zweitens war ich immer zurückhaltend und höflich. Das ist hilfreich!
Kann man die Wirtschaft von ihrem zerstörerischen Wachstumszwang abbringen?
Die Frage ist nicht, ob man kann. Man muss! Es gibt keine andere Lösung. Vielleicht finden wir den Weg leichter, wenn wir bedenken, dass es nicht nur um die Überwindung des Kapitalismus geht. Es geht um die Überwindung eines Machtstrebens, das untrennbar zum ökonomischen Denken gehört. Die Ökonomen wollen nicht nur Wachstum, sie wollen Wachstum des Wachstums, im Zweifelsfall lieber eine Explosion als Stillstand oder Rückschritt. Sie wollen Eroberung. Ihr Fach ist von einer kriegerischen Mentalität geprägt. Es geht aber gerade darum, dass wir lernen, Gewaltfreiheit zu einem Grundprinzip unseres Handelns, auch unseres wirtschaftlichen Handelns, zu machen. Unsere gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit ist heute von Gewalt und Gewaltdenken beherrscht. Das gilt es zu überwinden.
Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik die Dringlichkeit dieser Anliegen meist ignorieren?
Von den allermeisten Verantwortlichen ist keine Lösung zu erwarten; sie sind ja selbst das Problem. Es müsste sich ein externes Element finden lassen, das die Situation deblockiert. Ich sehe gegenwärtig kein solches Element. Aber ich sage Ihnen offen: Ich habe ein fast bedingungsloses Vertrauen ins Leben. Wir dürfen uns in Bezug auf die Zukunft nicht auf unser Hoffen und Bangen verlassen, und auf Wahrscheinlichkeiten schon gar nicht. Meine Zuversicht ist viel grösser als die mathematische Wahrscheinlichkeit einer lebbaren Zukunft. Es gibt ein französisches Sprichwort, dem ich voll zustimme: Das Schlimmste ist nicht stets gewiss.
Fünf Vordenker der Wachstumsverweigerung
Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994):
Mathematiker und Ökonom. Er hat den Widerspruch erkannt, der zwischen dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und dem Anspruch auf unbegrenztes wirtschaftliches Wachstum besteht. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass die vollständige Umwandlung von Arbeit in Wärme nicht umkehrbar ist. Deshalb spielt sich unser Wirtschaften in einer ständig sich verschlechternden Ressourcenlage ab. Wenn die Menschheit möglichst lange überleben will, muss sie Wirtschaftsschrumpfung anstreben. Solange die Wirtschaftswissenschaft dies bestreitet, ist sie grundsätzlich lebensfeindlich. Ein wichtiges Werk von Georgescu-Roegen: The Entropy Law and the Economic Process, 1971 (es gibt keine deutsche Ausgabe).
André Gorz (1923-2007)
Philosoph und Journalist. Er hat schon 1977 in seinem Werk «Ecologie et liberté» gezeigt, dass ein Sozialismus, der auf wirtschaftlichem Wachstum aufbaut, in den Widersprüchen des kapitalistischen Konsumverhaltens gefangen bleibt. Wichtige Werke: Ökologie und Politik. Beiträge zur Wachstumskrise, Rowohlt, Reinbek, 1977. Kürzlich publiziert: Auswege aus dem Kapitalismus, Beiträge zur politischen Ökologie, Rotpunktverlag, Zürich, 2009 (enthält Texte aus den Jahren 1975-2007).
Hans Jonas (1903-1993)
Philosoph. Sein Hauptwerk heißt «Das Prinzip Verantwortung» (zuerst Insel, Frankfurt, 1979). Jonas zufolge benötigen wir für einen angemessenen Umgang mit den Ungewissheiten der technischen Entwicklung eine «Heuristik der Furcht». (Heuristik ist die Kunst des Problemlösens.) Von ihm stammt der Satz: «Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen.»
Ivan Illich (1926-2002)
Philosoph und Theologe. Er hat gezeigt, dass Fortschritt in Teilbereichen unserer Gesellschaft eine Eigendynamik entwickeln kann, die ihn kontraproduktiv werden lässt: Das Auto sollte dem Zeitgewinn dienen und bedeutet in Wirklichkeit oft Zeitverlust. Die Schule soll ein Instrument der Aufklärung sein und dient nicht selten der Manipulation. Hightech-Medizin kann krank machen. Die Kommunikationslawine behindert Information. Usw. Illich stellt unserer Gesellschaft mit ihren Scheinfortschritten das Bild einer Gesellschaft gegenüber, die sich in einer kopernikanischen Wende von Wachstumszwang und Produktivismus befreit. Wichtiges Werk: Selbstbegrenzung, eine politische Kritik der Technik, Rowohlt, Reinbek, 1980.
Serge Latouche (Jahrgang 1940)
Wachstumskritischer Ökonom. Er hat in Paris unterrichtet. Sein wichtigster Beitrag zur Wachstumskritik ist der Gedanke, dass wachstumsorientierte Entwicklung nicht die Lösung unserer Probleme ist, sondern das Problem selbst. Wichtiges Werk: Le pari de la décroissance, Fayard, Paris, 2006 (deutsch nicht erhältlich).
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