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Ist Freiburg eine Green City? Deutscher Nachhaltigkeitspreis / Lob und Kritik / Eine BUND - Information

07.12.2012

Aktueller Einschub:


NACHHALTIGKEITSPREIS FÜR FREIBURG: NACHHALTIG NACHDENKLICHES LOB VOM BUND

Freiburg hat gestern den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Großstädte gewonnen. Die Jury überzeugten im Fall Freiburg „die Konzepte zur Nachhaltigkeit sowie die bereits erreichten Ziele“.

Der Freiburger Ortsverband des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und der BUND Regionalverband gratulieren den engagierten BürgerInnen und der Stadt Freiburg für diese erneute Auszeichnung.

Die Freiburger Bürgerinnen und Bürger, Umweltorganisationen und Umweltfirmen, aber auch eine engagierte Verwaltung und Stadtpolitik haben in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit in Freiburg manches erreicht und es gibt auch viele Gründe, stolz auf das Erreichte zu sein. Dieser Erfolg hat seine Wurzeln auch in den erfolgreichen ökologischen Konflikten der Vergangenheit, beispielsweise im Wyhler Wald. Freiburg ist in wichtigen Teilbereichen tatsächlich ein wenig nachhaltiger als viele andere Kommunen. Die Stadt ist auf dem richtigen Weg die ersten Schritte gegangen.

Gerade aber in den Bereichen Verkehrs- und Siedlungspolitik und Flächenverbrauch gibt es noch viel zu tun und auch die Debatte um die Kappler Altlasten zeigt, dass noch viele Probleme zu lösen sind. Der Rohstoff- und Energieverbrauch, die CO2- Produktion der FreiburgerInnen ist auch nicht ansatzweise nachhaltig und zukunftsfähig und lässt sich keinesfalls auf den "Rest der Welt" übertragen.

Eigentlich dürften in Deutschland keine „Nachhaltigkeitspreise“ verliehen werden. Nachhaltig und zukunftsfähig ist in Deutschland noch keine Kommune. Es gibt, auch in Freiburg, vorsichtige Schritte in Richtung Nachhaltigkeit. Es gibt für den BUND in Freiburg keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen, denn von echter Nachhaltigkeit und tatsächlicher Zukunftsfähigkeit ist auch die Green City noch weit entfernt.

Susanne Miethaner, Vorsitzende, Ortsverband Freiburg

Axel Mayer, Geschäftsführer, Regionalverband Südlicher Oberrhein













Freiburg, die Stadt im Süden am Oberrhein, hat einen guten Ruf. Sie gilt als die Ökohauptstadt, gelegen im Sonnengürtel der Republik, der "Toscana Deutschlands". Hier wurde in Sachen Ökologie tatsächlich viel erreicht und doch bedeutet "Umwelthauptstadt" eigentlich nicht mehr, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse in Freiburg ein wenig langsamer ablaufen als anderswo.

Immer wieder erhielt die Stadt mit ihren rund 215.000 EinwohnerInnen, darunter etwa 30.000 Studierenden, überregionale Umweltpreise:
1992 wurde sie als Ökohauptstadt, im Jahr 2004 als zukunftsfähige Kommune ausgezeichnet. Im bundesweiten Vergleich der Städte mit über 100 000 Einwohnern hat Freiburg (mit seinen 1800 jährlichen Sonnenstunden) auch schon mehrfach den ersten Platz in der Solarbundesliga gewonnen. "Bundeshauptstadt im Klimaschutz" ist Freiburg seit dem Jahr 2010. Die Stadt gewann den Wettbewerb in der Kategorie "Über 100.000 Einwohner" vor Frankfurt am Main und Heidelberg.

Die Wurzeln dieser positiven Entwicklung liegen einige Jahrzehnte zurück. Noch bis 1962 war Freiburg eine eher verschlafene, konservativ - katholische Bischofs- und Universitätsstadt. Die Randlage in Deutschland und die Kriege mit Frankreich hatten dazu geführt, dass große umweltbelastende Betriebe in Freiburg und Südbaden nicht angesiedelt wurden.

Um das Jahr 1975 gab es in dieser, trotz SPD Bürgermeister, politisch eher konservativen Region massive ökologische Konflikte. So wurden nicht weit von Freiburg entfernt ein umweltbelastendes Bleichemiewerk im französischen Marckolsheim und drei Atomkraftwerke in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) durch Bauplatzbesetzungen verhindert. Der BUND und die Bürgerinitiativen organisierten 1976 die weltweit erste, große Ausstellung zu alternativen Energien, die "Sonnentage" in Sasbach am Kaiserstuhl.

Aus diesem erfolgreichen "Nein" zur Atomenergie und dem frühen "Ja" zu den zukunftsfähigen Energieträgern entstanden regionale Netzwerke von UmweltschützerInnen.
Wichtige Wurzeln des Freiburger Ökoinstitutes, des Bund für Umwelt und Naturschutz, der Partei die GRÜNEN und der heutigen Freiburger Umwelt- und Energiefirmen liegen in diesen ersten großen, ökologischen Konflikten am Oberrhein.
Kritische und engagierte Menschen erzeugten so über viele Jahre hinweg immer wieder den nötigen politischen Druck, um ökologische Fortschritte zu erreichen und dies schlug sich auch in den Freiburger Wahlergebnissen nieder.

Schon 1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und bedroht vom französischen AKW Fessenheim, hat Freiburg, als eine der ersten deutschen Städte, ein lokales Energieversorgungskonzept zum städtischen Klimaschutz verabschiedet: Energie-, Wasser- und Rohstoffverbrauch sollten gemindert, die Nutzung erneuerbarer Energien sowie der Einsatz neuer Energietechnologie vorangetrieben werden. Heute engagiert sich die Stadt in Sachen Klimaschutz.

Ein wichtiges Freiburger Vorzeigeprojekt ist der ökologisch ausgerichtete, neue Stadtteil Vauban mit seiner energie- und flächensparenden Bauweise. Die mehrfach ausgezeichnete BUND-Ökostation im Freiburger Seepark ist ein umweltpädagogisches Bildungsprojekt mit bundesweiter Ausstrahlung.

Hinter diesen und anderen erfreulichen Freiburger Erfolgen steht die Arbeit engagierter Menschen, wie z.B. Solararchitekt Rolf Disch, Solarpionier Georg Salvamoser, Heide Bergmann von der BUND-Ökostation, der kritische Vordenker der Anti-Atom-Bewegung Walter Mossmann, Nik Geiler vom AK Wasser des BBU, von BürgerInnen, Menschen in der Freiburger Politik und Verwaltung, engagierten Leuten in den Umweltorganisationen und einer Medienlandschaft, die zumeist aufgeschlossener als anderswo über die Themenbereiche Mensch, Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit berichtet. Doch wo Licht ist ist auch Schatten. So lebte der Marinestabsrichter und Ministerpräsident Hans Filbinger bis zu seinem Tod in Freiburg. In der NS Zeit war an vier Todesurteilen beteiligt. Weit über Freiburg hinaus bekannt ist Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwissenschaft an der Albert-Ludwigs-Universität, ein neoliberaler Konzern-Lobbyist und Deregulierer, der gerne in den Medien als unabhängiger Experte auftritt, ohne seine berufliche Verknüpfung mit den Finanz-Konzernen aufzuzeigen.

Das jahrzehntelange umweltpolitische Engagement der BürgerInnen hat sich ökologisch und ökonomisch gelohnt. Führende Solarforschungsinstitute sind in Freiburg zu finden, neben einer Vielzahl an kleinen und mittleren Betrieben, die sich in unterschiedlichster Form der Förderung und dem Einsatz der regenerativen Energien widmen.

Mit Fahrraddemos und anderen Protesten forderten vor Jahrzehnten die Menschen die Einführung einer kostengünstigen Umweltkarte für den ÖPNV. Die vorbildliche Regiokarte zur Nutzung des ÖPNV in Freiburg und den Kreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald ist heute eine Selbstverständlichkeit.
Auch in die sonstige Förderung des umweltverträglichen Verkehrs haben Stadt und Region viel investiert. Der Anteil der Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel gegenüber dem Auto erreicht in Freiburg inzwischen Spitzenwerte. Freiburg möchte auch den Klimaschutz in den nächsten Jahren voranbringen: Bis 2030 will die Stadt die klimaschädlichen Emissionen um 40 Prozent senken.

Ökostrom für alle Privathaushalte Das ökologische Engagement der Menschen und die Ablehnung von Atomstrom in Freiburg schlägt bis in die Geschäftspolitik des Freiburger Energieversorgers Badenova durch. Seit dem 1.1.2008 beziehen alle Freiburger Tarif-Kunden der Badenova keinen EnBW-Atomstrom, sondern Strom der zu
25 % aus erneuerbaren Energien und zu 75 % aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gewonnen wird. Die Tarifkunden beziehen etwa die Hälfte des von Badenova gehandelten Stroms. Der Anteil des Atomstroms ist im Unternehmensmix auf 22 % gesunken, die Großkunden beziehen von Badenova folglich jetzt einen höheren Atomstrom-Anteil.

Aus den Anfängen der Umweltbewegung am Oberrhein hat sich eine große Dichte verschiedenster Umwelteinrichtungen entwickelt: Das Öko-Institut hat hier eine Geschäftsstelle, der Internationale Rat für Umweltinitiativen sein Europasekretariat, außerdem ist Freiburg Sitz des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und des Weltdachverbandes Solarenergie.

Auch in einer Ökohauptstadt ist nicht alles grün was glänzt.


Um das Jahr 1990, als regional und bundesweit eine mächtige Lobby für gewinnbringende und zumeist überdimensionierte Müllverbrennungsanlagen und gegen biologisch-mechanische Abfallbehandlungsanlagen kämpfte, war die Verbrennungslobby in Freiburg geschickter und einflussreicher als die VertreterInnen der kostengünstigeren und ökologischeren Variante.


Eines der großen Umweltthemen am Oberrhein ist der zunehmende massive Flächenverbrauch. Während in anderen Gebieten Deutschlands die Bevölkerung abnimmt, boomt die Region und der Wachstumstraum und Wachstumswunsch ist insbesondere in den Landkreisen um Freiburg ungebrochen. Wer wollte nicht in der Ökohauptstadt, in der "Toscana Deutschlands" und im Sonnengürtel der Republik wohnen? So führt gerade der gute Ruf der Ökoregion zu Flächenverbrauch, Zersiedelung und einer Verscheußlichung der Landschaft am Oberrhein.

Der von Protesten begleitete Ausbau der B 31 durch Freiburg wurde mit einem massiven Polizeiaufgebot durchgesetzt. Strassenausbau führt immer zu mehr Verkehr. Stadt und Region leiden unter dem zunehmenden Transitverkehr durch Freiburg (B 31) und auf der europäischen Nord - Südtrasse (Autobahn).

Jetzt soll die "Green City" Freiburg auch noch eine Stadtautobahn bekommen. Mit der Umetikettierung der B 31 wollen die Planer den lange geforderten Stadttunnel mit Vollanschluss bei der Ganter-Brauerei möglich machen." berichtete die Badische Zeitung am 24. Mai 2012. Ein Stadttunnel bringt nach Ansicht des BUND zweifellos eine Entlastung für die direkt betroffenen AnwohnerInnen. Ein Autobahnteilstück wird aber einen Bumerang-Effekt erzeugen, denn eine Autobahnsackgasse zieht noch mehr Durchgangsverkehr nach Freiburg, ins Dreisamtal und den Schwarzwald und schafft gezielt Sachzwänge für den Weiterbau. Auch die Freiburger Freude, dass jetzt "Andere" für den Tunnel zahlen, ist typisch für die Politik in diesem Lande, denn die "Anderen" sind doch immer wir alle als SteuerzahlerInnen. Im Zeitalter der Klimaveränderung und in einer Zeit, in der die teure Endlichkeit des Erdöls immer deutlicher wird, sollte nicht in Straßen, sondern in den öffentlichen Nah- und Fernverkehr investiert werden.

Während jede größere neue Solaranlage gebührend gefeiert wird, ist die Verschwendung von 50 Megawatt Abwärme in der TREA Breisgau (hier wird auch der Freiburger Müll verbrannt) beinahe kein Thema in der Ökohauptstadt. Die TREA gibt seit dem Jahr 2004(!) täglich ungenutzt eine Wärmemenge an die Umwelt ab, die 120 000 Litern Erdöl entspricht. Erst nach und nach bewirkt unsere Kritik hier Veränderungen.

Der Anteil erneuerbarer Energien ist immer noch gering. Freiburg hat die auf das Jahr 2010 geplanten Energieziele weit verfehlt. Die Stadt wollte zehn Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen und den Stromverbrauch ebenfalls um zehn Prozent senken. Statt zehn werden bislang jedoch nur 3,7 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt. Zudem ist der Stromverbrauch nicht gesunken, sondern um drei Prozent gestiegen. Da nützt auch rot-grünes städtisches Wollen wenig, den unter der alten Landesregierung wurde die Energiepolitik des Landes Baden-Württemberg in der Konzernzentrale der EnBW entschieden, die massiv gegen privat gebaute Windräder intervenierte.

Unter den Alt-Bürgermeistern Eugen Keidel und Rolf Böhme wurde auch in Freiburg zu protzig gebaut und nicht an die Folgekosten gedacht. Im Jahr 2011, nur 33 Jahre nach dem Neubau musste die Freiburger Universitätsbibliothek fast vollständig abgerissen werden. Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen.

Die Gefahren der Gentechnik werden im so genannten "Gentec-Biovalley" am Oberrhein nicht gerne diskutiert. Nicht nur an der Uni Freiburg will man an allem verdienen, am Umweltschutz, am Umwelttourismus und an der Gentechnik.

Ökologie, Klimaschutz und Umwelt sind heute in Freiburg insbesondere dann große Themen, wenn sich damit Geld verdienen lässt. Selbstfindung und weit entfernte umweltpolitische "Modethemen" scheinen heute wichtiger als die Ausdehnung der umweltbelastenden elsässischen Schwerindustriezone in der Hauptwindrichtung. Greenwash, ein "grünes Mäntelchen" für umweltbelastende Industrieanlagen, ist am Oberrhein weit fortgeschritten, wo selbst die Atomkonzerne EnBW und EDF mit "aufildurhin" einen industriegelenkten "Umwelt"verband gegründet haben.

Die zentrale Zukunftsfrage nach den "Grenzen des Wachstums" wird auch in Freiburg nicht gerne gestellt.

Der weltweite ökologischen Fußabdruck der Green City Freiburg
wird bei der Betrachtung der Stadt gerne übersehen. Unter dem ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den (auch in Freiburg verschwenderischen) Lebensstil eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Viele Güter und alle Rohstoffe die in Freiburg ver- und gebraucht werden, werden weit entfernt abgebaut und produziert. Sie belasten zwar nicht in der “Ökohauptstadt” die Umwelt sondern weit von ihr entfernt, dürfen aber bei einer objektiven Bewertung der Freiburger Ökobilanz nicht vergessen werden.

Zukunftsfähige Kommune und Ökohauptstadt Freiburg heißt noch lange nicht: "Vorwärts zu Ökologie und Nachhaltigkeit". Ökohauptstadt Freiburg bedeutet, dass es unter Mühen regional gelungen ist die weltweiten Zerstörungsprozesse zu verlangsamen. Der Rohstoff- und Energieverbrauch, die Atommüll- und CO2- Produktion der FreiburgerInnen ist auch nicht ansatzweise nachhaltig und zukunftsfähig und lässt sich keinesfalls auf den "Rest der Welt" übertragen. Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit sind auch in Freiburg ohne soziale Gerechtigkeit nicht zu erreichen.

Die Menschen in Freiburg, Umweltorganisationen und Umweltfirmen, aber auch eine engagierte Verwaltung haben in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit manches erreicht und es gibt auch viele Gründe, stolz auf das Erreichte zu sein. Freiburg ist in wichtigen Teilbereichen tatsächlich umweltfreundlicher als viele andere Kommunen. Die Stadt ist auf dem richtigen Weg die ersten Schritte gegangen und man kann von Freiburg lernen.

Doch der berechtigte Stolz führt manchmal auch zu einer gewissen Behäbigkeit, zu einem Nachlassen der Anstrengungen und zum Irrglauben, (fast) alle Umweltziele erreicht zu haben. Auch der wichtige, fortschritts- beschleunigende Druck der Umweltbewegung hat nachgelassen. Doch es gibt gerade auch in Freiburg keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen, denn von echter Nachhaltigkeit und tatsächlicher Zukunftsfähigkeit ist auch die Green City Freiburg noch weit entfernt.

Axel Mayer
(Der Autor ist BUND-Geschäftsführer in Freiburg, Kreisrat und Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzverband TRAS)




Universitätsbibliothek Freiburg: alte Bausünden, rückwärtsgewandter Fortschrittsglaube, Abriss & Verschwendung


Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg gegenüber dem fast hundert Jahre alten Kollegiengebäude I nach Plänen des Universitätsbauamts am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unibibliothek. “Hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben muss das Bibliotheksgebäude saniert werden.”, steht beschönigend bei Wikipedia und fast genau so beschönigend ist die Diskussion in der “Green City” Freiburg, denn manche Abrissgründe werden öffentlich nicht diskutiert. Neben den "offiziell" genannten und diskutierten Abrissgründen scheint es "nicht diskutierte" weitere Abrissgründe zu geben, u.a. die von Anfang an nicht richtig funktionierende Klimaanlage und den hohen Krankenstand der MitarbeiterInnen der Bibliothek...

Realität ist, dass im Jahr 2011, 33 Jahre nach dem Neubau, der oberirdische Teil des Gebäudes fast vollständig abgerissen werden muss, während das gegenüber stehende Kollegiengebäude I aus dem Jahr 1911 vermutlich noch einmal hundert Jahre älter werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird.


Es kann nicht darum gehen, heute so zu bauen wir vor 100 Jahren. Aber 1978, in einer Zeit, in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, hätte es doch möglich sein müssen, neue Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibelfunktional und schön zu bauen.

Nein! Unser Herzblut hängt nicht an dem zeitgeist-scheußlich-parkhausähnlichen Gebäude der alten Unibibliothek. Wir kritisieren nicht den vermutlich leider notwendigen Abriss, wohl aber die traurige Notwendigkeit abreißen zu müssen. Der Abriss der wenige Jahrzehnte jungen Unibibliothek in Freiburg ist ein Beispiel für nicht nachhaltiges, verschwenderisches öffentliches Bauen (nicht nur) in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 44 Millionen Euro muss jetzt das Um- und Neubauprojekt kosten.


Die Großbaustelle der maroden Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.

Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen.

Und relativ neue, mittlerweile sanierungsbedürftige Straßen, Flachdächer, Schulen, Brücken und andere öffentliche Gebäude gibt es im ganzen Land. Es gibt zu diesem Thema und zu dieser unglaublichen Milliardenverschwendung, die die öffentlichen Haushalte schwer belastet, allerdings keine politische Debatte, nicht einmal in der „Green City“.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht für Nachhaltigkeit, das heißt, nachfolgende Generationen sollen nicht mit den Langzeitwirkungen des heutigen Raubbaus belastet werden.

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten haben bei vielen öffentlichen Bauten der letzten Jahrzehnte keine große Rolle gespielt und weil es keine Debatte dazu gab und gibt ist dies auch heute teilweise noch so. Die deutsche Staatsverschuldung liegt bei über 2.067.000.000.000 Euro und das hat auch mit dieser unhinterfragten verschwenderischen Art des Bauens in der Vergangenheit und der Gegenwart zu tun. Wenn die Sünden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, dann werden aus den Fehlern keine Lehren gezogen.

Wenn wir die habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Strumpfhosen, Computern, Gebäuden und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen.


Immer noch wird bei öffentlichen Planungen und Bauten hauptsächlich auf die aktuellen Baukosten und viel zu wenig auf langlebigkeit und die künftig anfallenden Reparaturen geachtet. Wenn an der B3, zwischen den Gemeinden Wasser und Denzlingen, auf 3,3 Kilometern Bundesstraße sechs teilweise unnötige Brücken und Unterführungen gebaut wurden, wenn in Stuttgart ein funktionsfähiger Bahnhof abgerissen wird, dann sind solche Planungen nicht zukunftsfähig. Bei allen (nicht nur staatlichen Bauten) müssen diese Aspekte in die Planungen mit einfließen und die Forschung über die Langzeitfolgen der unbedingt notwendigen Gebäudeisolierung sollte dringend verstärkt werden.

Wir erleben nicht nur am Oberrhein und in Freiburg, wie das Land mit einer teuren Infrastruktur, mit Beton und Asphalt überzogen wird, wie der Flächenverbrauch anhält und Natur verschwindet, während gleichzeitig Städte, Land und Bund nicht in der Lage sind, die bestehende Infrastruktur zu unterhalten.

Wenn Stadt, Staat und Bahn kein Geld, sondern einen Schuldenberg haben, dann muss erst einmal (wenn möglich) die vorhandene Infrastruktur unterhalten und nicht Unnötiges neu gebaut werden. Neue Gebäude sollten funktional, schön, energiesparend, ressourcenschonend und dauerhaft-langlebig gebaut werden. Über das “Schön” darf dann gerne öffentlich gestritten werden, über das “Funktional, Langlebig, Energiesparend und Dauerhaft” nicht.

Axel Mayer, Geschäftsführer


Nachträge:
Wir wissen, dass die damaligen Politiker und Bürgermeister nicht mehr an der Macht, aber immer noch mächtig sind, dass Architekten und schönschreibende Journalisten von damals noch leben. Dennoch wollen wir die Debatte heute führen und nicht noch einmal 30 Jahre warten.


Wir haben zu wenig Informationen um den Neubau der Unibibliothek konstruktiv zu bewerten. Auffallend ist allerdings die „Fast-Nur-Fassadendisskussion“ in Freiburg. Ob es beispielsweise ausreicht, angesichts der zu erwartenden Preisexplosion bei Heizkosten, den Energieverbrauch „nur“ um 60% zu senken, ist offen. Beschränkte „Fassadendiskussionen“ lenken von den Nachhaltigkeitsaspekten des Neubaus ab. Hoffentlich wurde wegen des schönen Scheins nicht wieder zu viele Kompromisse gemacht. Auch wenn es dem Zeitgeist nicht entspricht sind uns die "Inneren Werte" eines Gebäudes wichtiger als der "Schöne Schein". Wenn sich beides in einem neuen Gebäude vereinen lässt, dann ist das höchste Architekten- und Ingenieurskunst. Wir sind gespannt...


Nachdem die oben stehenden Texte (und das Infoblatt) geschrieben waren sind wir auf einen lesenswerten Fachartikel im Internet gestoßen. In diesem Beitrag von Uta Hassler und Niklaus Kohler wird die These vorgetragen, daß Thema der Zukunft - und eines ressourcenschonenden Wirtschaftens - nicht der, wie auch immer optimierte, Neubau sein wird, sondern im Zentrum unseres Denkens und Handelns der Bestand stehen muß - und der Umbau dessen, was schon existiert. Hier weiter lesen





Jetzt gibt es diesen Text beim BUND in der Freiburger Wilhelmstraße 24a. (Hinterhaus) auch als Flugblatt. Wir suchen dringend ehrenamtliche InfoblattverteilerInnen für einzelne Straßen und Stadtviertel.




Nachtrag:



Freiburg, Südbaden, Oberrhein: Wie grün ist die Region?



Green Region – wie nachhaltig ist die Region?
Von Lena Schwoerer und Björn Slawik

Seit Anfang 2007 schmückt sich Freiburg mit dem Label „Green City“. Aus der ganzen Welt kommen Delegationen nach Freiburg und in die Region südlicher Oberrhein, um sich vorbildliche Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, der Energieeffizienz oder des öffentlichen Nahverkehrs anzuschauen.
Ohne Zweifel hat die Region eine Vielzahl an Leuchtturmprojekten vorzuweisen, doch wie „grün“ sind wir wirklich? In wie fern ist unsere Region nachhaltig im ökologischen Sinne? Errungene Erfolge sollen hier in keiner Weise geschmälert werden, aber sie sollten erst recht nicht dazu verleiten sich schulterklopfend zurückzulehnen. Denn erstens gibt es europaweit eine Vielzahl von Städten, die inzwischen in vielen Bereichen ähnlich vorbildlich sind und zweitens sind die errungenen Lorbeeren bei genauerer Betrachtung gar nicht so berauschend wie gedacht.

Nachhaltigkeitsbilanzierung

Um die Nachhaltigkeit des Lebensstils einer Stadt oder Region zu beurteilen ist der ökologische Fußabdruck ein etablierter wissenschaftlicher Ansatz. Unter diesem Maß wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter Fortführung heutiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Nach groben Berechnungen des Regio Wasser e.V. aus dem Jahr 2002 braucht derzeit beispielsweise ein Einwohner der „Green City“ Freiburg eine Fläche von zirka vier Hektar, um seinen Lebensstandard zu unterhalten, was nur unwesentlich unter dem deutschen Durchschnitt von 4,3 Hektar liegt. Diese Zahl entsteht, wenn nicht nur die Fläche berücksichtigt wird, die durch Häuser, Straßen und Gewerbe, sozusagen auf einem Stadtplan, belegt ist, sondern auch der Naturraum, der an ganz anderer Stelle durch den Konsum von Gütern in Anspruch genommen wird.

Leben über die Verhältnisse

Die Welt ist jedoch nicht so groß, wie sie uns manchmal erscheint. Bei einer biologisch produktiven Landfläche von 7,3 Milliarden Hektar auf der Erde und einer Weltbevölkerung von etwa 6 Milliarden Menschen stünde uns nur eine Flächeninanspruchnahme von ca. 1,2 Hektar pro Erdenbürger zur Verfügung. Freiburg und mit Sicherheit auch die Region benötigen somit nach wie vor ein Vielfaches des ökologisch Verträglichen. 80 Prozent der in Anspruch genommenen Fläche dienen hierbei der Versorgung mit fossilen Brennstoffen und Ackerland.

Verträglichere Wege

Das muss nicht so bleiben. Der Energieverbrauch fossiler Energien der Region kann beispielsweise schon jetzt durch Energiespar- und Substitutionsmaßnahmen etwa halbiert beziehungsweise um 11.750 Gigawattstunden pro Jahr gesenkt werden. 60 Prozent davon entfallen auf Energieeinsparung und Effizienzmaßnahmen und rund 40 Prozent auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Die Potentiale sind vorhanden nur müssen sie auch dynamisch erschlossen werden. Wenn beispielsweise alle Freiburger so energie- und flächensparend wie auf Vauban wohnten, ließe sich die Flächeninanspruchnahme um durchschnittlich 1,5 ha verringern.

Neben Energieeffizienz und erneuerbaren Energien sollte darüber hinaus viel stärker als bisher die Effektivität des Wirtschaftens unter Beachtung der Ressourcen- und Klimaschutzziele in den Planungsfokus rücken. Die Herausforderungen lassen sich nur dann bewältigen, wenn Gesellschaften stärker als bisher auch ihr Produktions-, Konsum- und Mobilitätsverhalten hinterfragen.

Ein um die Hälfte verringerter Fleischkonsum könnte allein etwa 0,3 bis 0,4 Hektar pro Person an virtueller Flächeninanspruchnahme einsparen. Bei einem stärkerem Umstieg vom Auto auf öffentlichen Nahverkehr und die eigene Muskelkraft ließe sich der deutsche Durchschnitt noch einmal um einen halben oder sogar einen ganzen Hektar pro Person reduzieren.

Weniger ist mehr

Um einen deutlichen Rückgang des Ressourcen- und Umweltverbrauchs in der Region zu erreichen, müssen wir lernen genügsam mit unseren Rohstoffen umzugehen und auch gewillt sein, auf manche Dinge ganz einfach zu verzichten - auch wenn das kaum jemand hören möchte. Denn es geht bei realistischer Betrachtung längst nicht mehr allein um das Anders oder Besser, sondern auch um das Weniger. Stärker als bisher muss die Politik darauf hinwirken, die Rahmenbedingungen so zu verändern, dass negative Auswirkungen auf Klima und Umwelt von vornherein vermieden werden. Hier steht auch die „Green Region“ noch vor einer Menge Arbeit.

Wir bedanken uns bei den Autoren und der Redaktion der SolarRegion für die Erlaubnis diesen Artikel abdrucken zu dürfen.
Quelle: SolarRegion Ausgabe 3 2008 (Wir danken für die Abdruckerlaubnis)


Die Verscheußlichung des Breisgaus: Flächenverbrauch, Zersiedelung & Siedlungsbrei.
Regionale Umweltgeschichte
Freiburg & Environment: Ecological Capital - Environmental Capital - Solar City - Sustainable City - Green City?
Fribourg en Brisgau et les environs: Tout „vert“ dans la capitale écologique/Green City? Une information du BUND
Green City Freiburg in Japanese (PDF)

Freiburg - Green City & Flächenverbrauch: Alles Öko in der Umwelthauptstadt? / Ökohauptstadt? / Eine BUND - Information



21.11.2011 Pressemitteilung Ökoinstitut

Freiburg 2050 – auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt



Freiburg kann bis zum Jahr 2050 zu einer klimaneutralen Stadt werden. Das ist das Fazit einer Studie des Öko-Instituts, die unter Beteiligung der Energieagentur Regio Freiburg und des Fraunhofer ISE entstand. Um dieses äußerst ehrgeizige Ziel zu erreichen, müssen in Freiburg der Energieverbrauch massiv reduziert und die Energieversorgung einschließlich des Verkehrsbereichs nahezu vollständig auf Erneuerbare Energien umgestellt werden. „Die Vision einer klimaneutralen Stadt kann nur dann verwirklicht werden, wenn wir und alle verantwortlichen Handlungsträger heute bereits die Rahmenbedingungen schaffen“, betont Oberbürgermeister Dieter Salomon. Die große Herausforderung könne nur dann gestemmt werden, wenn wir vom Land, vom Bund und auch von der EU massiv unterstützt werden, so Salomon weiter.

Im Gegensatz zum Klimaschutzkonzept 2007 müssen weitaus mehr Faktoren zusammen kommen, um das Ziel, ein klimaneutrales Freiburg, erreichen zu können. „Hohe technische Standards erfordern auch zusätzliche finanzielle Anstrengungen in den kommenden Jahren“, erläutert Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik bei der Vorstellung der Studie des Öko-Instituts. „Klimaneutrale Stadtteile und ein modernes Mobilitätsmanagement seien wichtige künftige Aufgaben für Freiburg. In diesem Bereich werden wir uns verstärkt engagieren“, so Baubürgermeister Martin Haag. Der Weg in ein so genanntes Post-Öl-Zeitalter wird eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte. Wenn heute nicht gehandelt wird, werden die volkswirtschaftlichen Kosten in der Zukunft ein Vielfaches von dem betragen, wie wenn man jetzt aktiv würde. Deshalb müssen die in der Studie des Öko-Instituts berechneten Investitionen immer auch in Bezug zu den möglichen Folgekosten des Nichthandelns gesetzt werden, dies aber auch auf nationaler Ebene.

Ausgangslage
Freiburg bewarb sich 2010 beim baden-württembergischen Wettbewerb „Klimaneutrale Kommune“. In dem Wettbewerb sollten Städte und Kommunen eigene Strategien aufzeigen, wie sie ihren Strom- und Wärmebedarf sowie ihren Energiebedarf für Mobilität bis 2050 weitgehend CO2-neutral bereitstellen können. Außer Freiburg sind acht weitere Städte und Gemeinden ausgewählt worden, darunter auch die südbadischen Städte Staufen, Emmendingen und Lörrach.

Studie „Freiburg 2050 - auf dem Weg zur Klimaneutralität

Um verlässliche Daten für den Wettbewerb zu erhalten, beauftragte die Stadt das Öko-Institut. Die jetzt vorgelegte Studie geht einen neuen Weg. Es wird nicht der Weg von heute aus in die Zukunft prognostiziert und daraus mögliche Maßnahmen, Auswirkungen und Kosten entwickelt, sondern die Experten nehmen den umgekehrten Weg: Die Vision einer klimaneutralen Stadt Freiburg im Jahr 2050 ist Ausgangsbasis.

In der Studie werden der gesamte Energieverbrauch der Privathaushalte, von Gewerbe, Industrie und Verkehr sowie die Energieumwandlung für 2050 abgeleitet. Zwei Szenarien werden angenommen: Das Referenzszenario, das die heutigen Aktivitäten von Bund, Land und Kommunen für den Klimaschutz fortschreibt, und ein Zielszenario „klimaneutrale Stadt“. Als Zielmarke für dieses Szenario nimmt die Studie an, dass die Emissionen von Treibhausgasen aus dem Energiebedarf im Stadtgebiet bis 2050 um mindestens 90 Prozent (gegenüber dem Basisjahr 1992) zurückgehen. In einem Rückblick aus der Zukunft, dem „back-casting“, beschreibt die Studie dann, welche Voraussetzungen und Entwicklungen nötig wären, damit Freiburg im Jahr 2050 diese Vision der klimaneutralen Stadt erreichen kann. Das Zielszenario ist daher keine Prognose für die Zukunft, sondern beschreibt eine plausible Entwicklung bei Eintreten der getroffenen Annahmen für 2050.

Rahmendaten und Voraussetzungen für eine klimaneutrale Stadt
In der Studie wurden zahlreiche allgemeine Rahmendaten fortgeschrieben, wie beispielsweise die Entwicklung der Bevölkerung und die Wohnflächen oder die wirtschaftliche Entwicklung in Freiburg und Annahmen dazu. Eine wesentliche Annahme ist die nahezu gänzlich mit erneuerbaren Energien ausgestattete Stromversorgung bundesweit.

Im Zielszenario wird ebenfalls beschrieben, welche Voraussetzungen im Energiebereich bis 2050 erfüllt sein müssen, um das Ziel der Klimaneutralität erreichen zu können. Die wichtigsten Voraussetzungen sind:

  • Raumwärme der Privathaushalte: Energieeinsparung von 71 Prozent und vollständiger Ersatz fossiler durch erneuerbare Energieträger. Dazu müssen rund 90 Prozent des Gebäudebestandes saniert und dabei hohe Sanierungsstandards erreicht werden, ebenso müssen alle Neubauvorhaben sehr hohe energetische Standards erreichen. Bis 2020 müssen in Freiburg ein Viertel der Wohnflächen hochwertig saniert werden.
  • Gewerbe, Handel und Dienstleistungen: Energieeinsparung von 55 Prozent und ein Anteil von 96 Prozent erneuerbarer Energieträger. Große Einsparpotenziale resultieren auch hier aus der Verbesserung der energetischen Sanierung der Gebäude. Der Strombedarf sinkt kaum, vor allem wegen zunehmender elektrischer Klimatisierung und Lüftung.
  • Industrie: Energieeinsparung von 35 Prozent und ein Anteil von 91 Prozent erneuerbarer Energieträger. Zu erwarten sind branchenübergreifend effizientere Querschnittstechnologien, Optimierung der Produktionsprozesse sowie die Entwicklung von Produkten und Prozessen, die die Energieintensität verringern.
  • Verkehr: Erhebliche Energieeinsparung von 62 Prozent, da Fahrzeuge effizienter werden sowie Kfz-Nutzung auf umweltfreundliche Verkehrsträger verlagert wird. Intensiver Ausbau von Stadtbahn, S-Bahn und Radwegen. Verbleibender Kfz-Verkehr wird zu 85 Prozent mit erneuerbarer Energie betrieben, Pkws vorrangig elektrisch, Linienbusse mit Brennstoffzellen und Straßen-Güterverkehr mit Biokraftstoffen
  • Energieträger und Energie-Infrastruktur: fast vollständiger Ersatz fossiler durch erneuerbare Energieträger (Heizöl und Kohle) bis 2030; Nutzung von Erdgas bis 2050 in dezentralen Anlagen nur noch in geringem Umfang; Nahund Fernwärme müssen ausschließlich regenerativ erzeugt werden. Der bundesdeutsche Strommix besteht zu 97 Prozent aus erneuerbar erzeugtem Strom, der Freiburger Stromverbrauch muss durch höhere Effizienz auf rund 65 Prozent des heutigen Verbrauchs gesenkt werden, 71 Prozent davon müssen in der Stadt aus erneuerbaren Quellen erzeugt werden. Für Freiburg bedeutet dies bis zum Jahr 2020 zwei neue moderne Windkraftanlagen sowie eine Verdoppelung der Stromerzeugung aus Fotovoltaik.


„Wenn sich die Zuwächse wie in den letzten Jahren fortsetzen lassen können, ist dies im Solarbereich ein nicht zu ambitioniertes Ziel,“ so Christof Timpe, Projektleiter für die Studie im Öko-Institut. Darüber hinaus müssen aber auch Wärmenetze weiter konsequent ausgebaut werden.

Vergleich mit dem Freiburger Klimaschutzkonzept 2007
Die Anforderungen an die Endenergieeinsparung und Treibhausgas-Emissionen, um Freiburg zur Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 zu bringen, liegen deutlich über denen des Szenarios der Klimaschutz-Strategie von 2007.

Grundsätzlich kann und muss, so die Studie, der Endenergieverbrauch bis 2050 um rund 52 Prozent gesenkt werden. Der Endenergieverbrauch wird dabei zu etwa 94 Prozent mit erneuerbaren Energien gedeckt werden müssen und damit die Treibhausgas-Emissionen insgesamt um rund 93 Prozent reduziert. (gegenüber dem Basisjahr 1992).

Investitionen
Für Gebäudemodernisierungen und energetische Sanierungen müssen bis 2050 durchschnittlich 71 Millionen Euro jährlich zusätzlich gegenüber den Referenzszenario aufgebracht werden. Der Anteil nur für energetische Sanierungen beträgt zwei Drittel. Von 2012 bis 2020 müssen in der Summe etwa 1,5 Mrd. Euro mehr als für das Referenzszenario aufgebracht werden, von 2012 bis 2050 beträgt die Differenz zum Referenzszenario rund 2,8 Mrd. Euro. Von 2012 bis 2020 muss bereits knapp ein Viertel der Gebäudesanierung realisiert werden. Die Investitionskosten für bestimmte zusätzliche Maßnahmen zum Ausbau der Wärmenetze und zur Umrüstung der Heizkraftwerke betragen zwischen 2012 und 2050 etwa 36 Millionen Euro, die Summe der zusätzlichen Investitionskosten im Bereich des Personenverkehrs beträgt rund 470 Millionen Euro.

Demgegenüber stehen enorme Einsparungen bei den Ausgaben für den Import von fossilen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas, die bislang zu einem Abfluss erheblicher Finanzmittel aus Deutschland führen. Anstelle des teuren Bezugs von Energie aus dem Ausland stehen Investitionsmittel für die den lokalen Wirtschaftskreislauf zur Verfügung, verbunden mit einer Schaffung von Arbeitsplätzen.

Trotz der Schwierigkeit, für Jahrzehnte im Voraus zuverlässige Aussagen zu treffen, zeigen diese Beispiele die Dimension der Aufgaben und der Investitionen, damit Freiburg zu einer klimaneutralen Stadt wird.

Besonders bei der Gebäudesanierung müssen dazu finanzielle Förderungen in weitaus größerem Ausmaß vor allem auf Bundesebene bereitgestellt werden, um die erforderlichen hohen Sanierungsziele für ein klimaneutrales Freiburg erreichen zu können.

Handlungsempfehlungen der Studie
Die Studie schlägt zahlreiche Maßnahmen vor, um die Klimaneutralität in Freiburg bis 2050 zu erreichen. Der unbestritten größter Handlungsbedarf besteht in der Gebäudesanierung. Hier sollte als Zwischenziel bis 2020 ein Viertel der Wohnfläche hochwertig saniert werden. Neben den Wohngebäuden sind hier auch die Liegenschaften des Landes Baden-Württemberg in Freiburg von Bedeutung, die in Summe einen deutlich höheren Anteil an den Treibhausgas-Emissionen aufweisen als die städtischen Gebäude. Weitere Empfehlungen der Studie sind unter anderem, dass das Volumen der städtischen Förderung erhöht und im Rahmen einer langfristigen Strategie jeweils auf bestimmte Gebiete fokussiert werden soll, die vorhandenen Fernwärmenetze optimiert und die erneuerbaren Energien weitreichend ausgebaut werden. Das Zwischenziel bis 2020 lautet hier: Verdoppelung der Fotovoltaik und Vervierfachung der Windkraft (gegenüber 2010). Eine umfassende Treibhausgas-Reduktion im Verkehrsbereich ist nur durch eine intelligente Verkehrspolitik, einen deutlich stärkeren Vorrang für Fuß- und Radverkehr und den öffentlichen Nahverkehr sowie den Einsatz effizienterer Fahrzeuge mit Kraftstoffen aus nachhaltigen, Erneuerbaren Energien erreichbar.

Die Studie zeigt, dass die Treibhausgas-Emissionen Freiburgs aus dem Verbrauch von Energie und aus dem Verkehr bis zum Jahr 2050 um etwa 93 Prozent reduziert werden könnten. Dazu sind jedoch außerordentlich hohe energie- und verkehrstechnische sowie finanzielle Anstrengungen erforderlich, die weit über die heutigen Klimaschutzbemühungen hinausgehen. Dies kann die Stadt nicht alleine realisieren. Freiburg kann das Ziel der Klimaneutralität nur erreichen, wenn die klimapolitischen Rahmenbedingungen in der Region, beim Land, beim Bund und in der EU grundsätzlich geändert werden.

Stadt legt zwei konkrete Projekte beim Land Baden- Württemberg vor
Ein Freiburger Stadtteil soll zum energetischen Vorbild- Wohnquartier entwickelt werden. Die vorhandene Energieversorgung soll optimiert und die Gebäude auf einen hohen energetischen Standard saniert werden. Neue Finanzierungsmodelle müssen dazu entwickelt und alle möglichen Fördermittel ausgeschöpft werden.

Ein modernes weitgefasstes Verkehrskonzept für ein langfristiges regionales Mobilitätsmanagement soll entwickelt werden. Ziel ist vor allem eine Reduzierung des Autoverkehrs – besonders im Stadt-Umland-Verkehr - durch eine Stärkung der klimafreundlichen Alternativen. Neben der Schaffung neuer Angebote im klassischen Umweltverbund (ÖPNV, Fuß- und Radverkehr) sollen Schnittstellen zwischen den einzelnen Verkehrsarten verbessert werden, damit die jeweiligen Vorteile der verschiedenen Verkehrsträger optimal miteinander kombiniert werden können. Dazu gehören auch neue Mobilitätsangebote wie Carsharing oder Carpooling und ein breites Informationsangebot.

Beide Projekte wird die Stadtverwaltung beim Land zur Förderung vorlegen. Die Förderung durch das Land Baden- Württemberg beträgt maximal 50 Prozent. Mit einer Entscheidung ist im Frühjahr 2012 zu rechnen.

Weiteres Vorgehen
Die Verwaltung wird die Studie „Freiburg 2050 - auf dem Weg zur Klimaneutralität“ dem Land vorlegen und die Förderung der beiden ausgewählten Projekte beantragen. Als weiteren Schritt steht die Fortschreibung des Klimaschutzkonzepts 2007 an. Auch soll 2012 mit den weiteren Teilnehmerstädten des Wettbewerbes, Lörrach, Emmendingen und Staufen, ein Austausch über die konkrete Umsetzung stattfinden. Darüber hinaus ist eine öffentliche Veranstaltung zur Diskussion mit den Bürgerinnen und Bürgern vorgesehen.

Anforderungen an Bund und Land
Angesichts der allgemein finanziell schwierigen Situation kommen nach Einschätzung des Öko-Instituts neben steuerfinanzierten Förderprogrammen besonders Förderfonds auf Bundesebene in Frage, wie sie im Bereich der Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien bereits erfolgreich genutzt werden. Die Förderung einer weitgehend energetischen Sanierung des Gebäudebestands stellt eine völlig neue volkswirtschaftliche Herausforderung dar, die nur gesamtstaatlich gelöst werden kann. Darüber hinaus werden jedoch auch neue Finanzierungsinstrumente zur Nutzung der regionalen Finanzressourcen gebraucht.

Bund und Land müssen aber auch ihrer Vorbildfunktion bei ihren eigenen Liegenschaften gerecht werden. Ergebnisse der Studie zeigen, dass gerade die Landesliegenschaften einen wesentlichen Anteil an den Energieverbräuchen in Freiburg haben. Hier sollte das Land Baden-Württemberg die vorbildliche Sanierung von Landesliegenschaften in Freiburg pilothaft umsetzen.

Weitere Informationen
Präsentation "Freiburg 2050 - Auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt" (PDF)

Quelle: Pressemitteilung Ökoinstitut vom 21.11.2011


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Dieser Artikel wurde 15940 mal gelesen und am 7.12.2012 zuletzt geändert.