Diese Seite ausdrucken

Freiburg und Umwelt: Alles Öko in der Umwelthauptstadt / Ökohauptstadt / Green City? Eine BUND - Information

Auch in einer Ökohauptstadt ist nicht alles grün was glänzt












Freiburg, die Stadt im Süden am Oberrhein, hat einen guten Ruf. Sie gilt als die Ökohauptstadt, gelegen im Sonnengürtel der Republik, der "Toscana Deutschlands". Hier wurde in Sachen Ökologie tatsächlich viel erreicht und doch bedeutet "Umwelthauptstadt" eigentlich nicht mehr, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse in Freiburg ein wenig langsamer ablaufen als anderswo.

Immer wieder erhielt die Stadt mit ihren rund 215.000 EinwohnerInnen, darunter etwa 30.000 Studierenden, überregionale Umweltpreise:
1992 wurde sie als Ökohauptstadt, im Jahr 2004 als zukunftsfähige Kommune ausgezeichnet. Im bundesweiten Vergleich der Städte mit über 100 000 Einwohnern hat Freiburg (mit seinen 1800 jährlichen Sonnenstunden) auch schon mehrfach den ersten Platz in der Solarbundesliga gewonnen.

Die Wurzeln dieser positiven Entwicklung liegen einige Jahrzehnte zurück. Noch bis 1962 war Freiburg eine eher verschlafene, konservativ - katholische Bischofs- und Universitätsstadt. Die Randlage in Deutschland und die Kriege mit Frankreich hatten dazu geführt, dass große umweltbelastende Betriebe in Freiburg und Südbaden nicht angesiedelt wurden.

Um das Jahr 1975 gab es in dieser, trotz SPD Bürgermeister, politisch eher konservativen Region massive ökologische Konflikte. So wurden nicht weit von Freiburg entfernt ein umweltbelastendes Bleichemiewerk
im französischen Marckolsheim und drei Atomkraftwerke in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) durch Bauplatzbesetzungen verhindert. Der BUND und die Bürgerinitiativen organisierten 1976 die weltweit erste, große Ausstellung zu alternativen Energien, die "Sonnentage" in Sasbach am Kaiserstuhl.

Aus diesem erfolgreichen "Nein" zur Atomenergie und dem frühen "Ja" zu den zukunftsfähigen Energieträgern entstanden regionale Netzwerke von UmweltschützerInnen.
Wichtige Wurzeln des Freiburger Ökoinstitutes, des Bund für Umwelt und Naturschutz, der Partei die GRÜNEN und der heutigen Freiburger Umwelt- und Energiefirmen liegen in diesen ersten großen, ökologischen Konflikten am Oberrhein.
Kritische und engagierte Menschen erzeugten so über viele Jahre hinweg immer wieder den nötigen politischen Druck, um ökologische Fortschritte zu erreichen und dies schlug sich auch in den Freiburger Wahlergebnissen nieder.

Schon 1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und bedroht vom französischen AKW Fessenheim, hat Freiburg, als eine der ersten deutschen Städte, ein lokales Energieversorgungskonzept zum städtischen Klimaschutz verabschiedet: Energie-, Wasser- und Rohstoffverbrauch sollten gemindert, die Nutzung erneuerbarer Energien sowie der Einsatz neuer Energietechnologie vorangetrieben werden. Heute engagiert sich die Stadt in Sachen Klimaschutz.

Ein wichtiges Freiburger Vorzeigeprojekt ist der ökologisch ausgerichtete, neue Stadtteil Vauban mit seiner energie- und flächensparenden Bauweise. Die mehrfach ausgezeichnete BUND-Ökostation im Freiburger Seepark ist ein umweltpädagogisches Bildungsprojekt mit bundesweiter Ausstrahlung.

Hinter diesen und anderen erfreulichen Freiburger Erfolgen steht die Arbeit engagierter Menschen, wie z.B. Solararchitekt Rolf Disch, Solarpionier Georg Salvamoser, Heide Bergmann von der BUND-Ökostation, Nik Geiler vom AK Wasser des BBU, von BürgerInnen, Menschen in der Freiburger Politik und Verwaltung, engagierten Leuten in den Umweltorganisationen und einer Medienlandschaft, die zumeist aufgeschlossener als anderswo über die Themenbereiche Mensch, Natur, Umwelt und Nachhaltigkeit berichtet.

Das jahrzehntelange umweltpolitische Engagement der BürgerInnen hat sich ökologisch und ökonomisch gelohnt. Führende Solarforschungsinstitute sind in Freiburg zu finden, neben einer Vielzahl an kleinen und mittleren Betrieben, die sich in unterschiedlichster Form der Förderung und dem Einsatz der regenerativen Energien widmen.

Mit Fahrraddemos und anderen Protesten forderten vor Jahrzehnten die Menschen die Einführung einer kostengünstigen Umweltkarte für den ÖPNV. Die vorbildliche Regiokarte zur Nutzung des ÖPNV in Freiburg und den Kreisen Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald ist heute eine Selbstverständlichkeit.
Auch in die sonstige Förderung des umweltverträglichen Verkehrs haben Stadt und Region viel investiert. Der Anteil der Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel gegenüber dem Auto erreicht in Freiburg inzwischen Spitzenwerte. Freiburg möchte auch den Klimaschutz in den nächsten Jahren voranbringen: Bis 2030 will die Stadt die klimaschädlichen Emissionen um 40 Prozent senken.

Ökostrom für Alle Das ökologische Engagement der Menschen und die Ablehnung von Atomstrom in Freiburg schlägt bis in die Geschäftspolitik des Freiburger Energieversorgers Badenova durch. Seit dem 1.1.2008 beziehen alle Freiburger Kunden der Badenova keinen EnBW-Atomstrom, sondern Strom der zu 25 % aus erneuerbaren Energien und zu 75 % aus Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gewonnen wird.

Aus den Anfängen der Umweltbewegung am Oberrhein hat sich eine große Dichte verschiedenster Umwelteinrichtungen entwickelt: Das Öko-Institut hat hier eine Geschäftsstelle, der Internationale Rat für Umweltinitiativen sein Europasekretariat, außerdem ist Freiburg Sitz des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme und des Weltdachverbandes Solarenergie.

Auch in einer Ökohauptstadt ist nicht alles grün was glänzt.


Um das Jahr 1990, als regional und bundesweit eine mächtige Lobby für gewinnbringende und zumeist überdimensionierte Müllverbrennungsanlagen und gegen biologisch-mechanische Abfallbehandlungsanlagen kämpfte, war die Verbrennungslobby in Freiburg geschickter und einflussreicher als die VertreterInnen der kostengünstigeren und ökologischeren Variante.


Eines der großen Umweltthemen am Oberrhein ist der zunehmende massive Flächenverbrauch. Während in anderen Gebieten Deutschlands die Bevölkerung abnimmt, boomt die Region und der Wachstumstraum und Wachstumswunsch ist insbesondere in den Landkreisen um Freiburg ungebrochen. Wer wollte nicht in der Ökohauptstadt, in der "Toscana Deutschlands" und im Sonnengürtel der Republik wohnen? So führt gerade der gute Ruf der Ökoregion zu Flächenverbrauch, Zersiedelung und einer Verscheußlichung der Landschaft am Oberrhein.

Der von Protesten begleitete Ausbau der B 31 durch Freiburg wurde mit einem massiven Polizeiaufgebot durchgesetzt. Strassenausbau führt immer zu mehr Verkehr. Stadt und Region leiden unter dem zunehmenden Transitverkehr durch Freiburg (B 31) und auf der europäischen Nord - Südtrasse (Autobahn).

Während jede größere neue Solaranlage gebührend gefeiert wird, ist die Verschwendung von 50 Megawatt Abwärme in der TREA Breisgau (hier wird auch der Freiburger Müll verbrannt) beinahe kein Thema in der Ökohauptstadt. Die TREA gibt täglich ungenutzt eine Wärmemenge an die Umwelt ab, die 120 000 Litern Erdöl entspricht. Für diese Energieverschwendung tragen auch manche regionalen Medien Mitverantwortung, die lieber über weit entfernte Umweltprobleme berichten.

Der Anteil erneuerbarer Energien in Freiburg ist immer noch gering. (siehe Nachtrag unten auf dieser Seite) Da nützt auch rot-grünes städtisches Wollen wenig, wenn die Energiepolitik des Landes Baden-Württemberg in der Konzernzentrale der EnBW entschieden wird. Das Regierungspräsidium Freiburg wacht, dass die Freiburger Windenergiepläne einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Energieversorgung nicht in den Himmel wachsen.

Die Gefahren der Gentechnik werden im so genannten "Gentec-Biovalley" am Oberrhein nicht gerne diskutiert. Nicht nur an der Uni Freiburg will man an allem verdienen, am Umweltschutz, am Umwelttourismus und an der Gentechnik.

Ökologie, Klimaschutz und Umwelt sind heute in Freiburg insbesondere dann große Themen, wenn sich damit Geld verdienen lässt. Selbstfindung und weit entfernte umweltpolitische "Modethemen" scheinen heute wichtiger als die Ausdehnung der umweltbelastenden elsässischen Schwerindustriezone in der Hauptwindrichtung. Greenwash, ein "grünes Mäntelchen" für umweltbelastende Industrieanlagen, ist am Oberrhein weit fortgeschritten, wo selbst die Atomkonzerne EnBW und EDF mit "aufildurhin" einen industriegelenkten "Umwelt"verband gegründet haben.

Die zentrale Zukunftsfrage nach den "Grenzen des Wachstums" wird auch in Freiburg nicht gerne gestellt.

Der weltweite ökologischen Fußabdruck der Green City Freiburg
wird bei der Betrachtung der Stadt gerne übersehen. Unter dem ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den (auch in Freiburg verschwenderischen) Lebensstil eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. Viele Güter und alle Rohstoffe die in Freiburg ver- und gebraucht werden, werden weit entfernt abgebaut und produziert. Sie belasten zwar nicht in der “Ökohauptstadt” die Umwelt sondern weit von ihr entfernt, dürfen aber bei einer objektiven Bewertung der Freiburger Ökobilanz nicht vergessen werden.

Zukunftsfähige Kommune und Ökohauptstadt Freiburg heißt noch lange nicht: "Vorwärts zu Ökologie und Nachhaltigkeit". Ökohauptstadt Freiburg bedeutet, dass es unter Mühen regional gelungen ist die weltweiten Zerstörungsprozesse zu verlangsamen. Der Rohstoff- und Energieverbrauch, die Atommüll- und CO2- Produktion der FreiburgerInnen ist auch nicht ansatzweise nachhaltig und zukunftsfähig und lässt sich keinesfalls auf den "Rest der Welt" übertragen. Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit sind auch in Freiburg ohne soziale Gerechtigkeit nicht zu erreichen.

Die Menschen in Freiburg, Umweltorganisationen und Umweltfirmen, aber auch eine engagierte Verwaltung haben in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit manches erreicht und es gibt auch viele Gründe, stolz auf das Erreichte zu sein. Freiburg ist in wichtigen Teilbereichen tatsächlich umweltfreundlicher als viele andere Kommunen. Die Stadt ist auf dem richtigen Weg die ersten Schritte gegangen und man kann von Freiburg lernen.

Doch der berechtigte Stolz führt manchmal auch zu einer gewissen Behäbigkeit, zu einem Nachlassen der Anstrengungen und zum Irrglauben, (fast) alle Umweltziele erreicht zu haben. Auch der wichtige, fortschritts- beschleunigende Druck der Umweltbewegung hat nachgelassen.
Doch es gibt gerade auch in Freiburg keinen Grund, die Hände in den Schoß zu legen, denn von echter Nachhaltigkeit und tatsächlicher Zukunftsfähigkeit ist auch die Green City Freiburg noch weit entfernt.

Axel Mayer
(Der Autor ist BUND-Geschäftsführer in Freiburg, Kreisrat und Vizepräsident im Trinationalen Atomschutzverband TRAS)


Nachtrag:


Ökostrom in Freiburg / Ist das Glas halb voll oder halb leer?
“Auf Freiburgs Dächern sind ab dem jahr 2008 Sonnenkraftwerke mit einer Leistung von 10 Megawatt installiert — die liefern pro Jahr rund 10 Millionen Kilowattstunden Solarstrom und können den Bedarf von knapp 4000 Kleinhaushalten decken. Freiburg produziert im Jahr 2008 in etwa so viel Solarstrom wie die beiden Länder Portugal und Griechenland zusammen. Hinter dem neuen Rekordwert stehen rund 1000 Solaranlagen, deren Solarmodule eine Fläche von 80 000 Quadratmetern erreichen. Das entspricht der Größe von immerhin zehn Fußballfeldern. Da in Freiburg pro Jahr rund eine Milliarde Kilowattstunden an Strom verbraucht wird, deckt der Solarstrom nun ein Prozent dieses Bedarfs — und drei Prozent des Bedarfs des Verbrauchs von Privatkunden. Insgesamt sind in Freiburg rund 50 Millionen Euro in die Solaranlagen investiert worden, rechnet Badenova vor. Seit dem Jahr 2003 hat sich der Anteil des Solarstroms an der Stromerzeugung mehr als verdreifacht.
Was bringen die übrigen erneuerbaren Energien in und für Freiburg? Die Wasserkraftanlagen im Stadtgebiet liefern rund 1,4 Millionen Kilowattstunden pro Jahr — 350 000 Kilowattstunden kommen noch dazu, wenn Ende des Monats am Sandfangweg die neue Anlage in Betrieb geht. Der Anteil der Wasserkraft am Gesamtstrombedarf beträgt damit — inklusive der neuen Anlage — 0,17 Prozent. Die große Biomasse-Anlage an der Tullastraße und kleine, aber störanfällige Anlage in Vauban lieferten zuletzt rund 7,3 Millionen Kilowattstunden Strom. Das entspricht einem Anteil von 0,7 Prozent.
Ganz anders schlägt sich in der Ökobilanz die Windkraft nieder. Wenn man die am Rosskopf auf Gundelfinger Gemarkung stehende Mühle aus der Rechnung nimmt, lieferten die fünf Windmühlen auf Freiburger Terrain (Rosskopf und Holzschlägermatte) im vergangenen Jahr 12,9 Millionen Kilowattstunden — also 1,29 Prozent des Freiburger Strombedarfs. Alle sechs Mühlen lieferten 2007 eben jene 15,5 Millionen Kilowattstunden — das hat der Umwelt 16 800 Tonnen Kohlendioxid erspart. Der Ertrag der Windmühlen ist eineinhalb mal so hoch wie der aller Solaranlagen in Freiburg zusammen. Die Investitionssumme lag bei 13 Millionen Euro — im Vergleich zu den 50 Millionen bei Solar.”
Quelle: Badische Zeitung 12. Juni 2008
Die Verscheußlichung des Breisgaus: Flächenverbrauch, Zersiedelung & Siedlungsbrei.
Regionale Umweltgeschichte
Freiburg & Environment: Ecological Capital - Environmental Capital - Solar City - Sustainable City - Green City?


Dieser Artikel wurde 2406 mal gelesen und am 13.6.2008 zuletzt geändert.
Richtig wichtig! Ihnen gefällt diese Seite? Legen Sie doch einen Link:
<a href="http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/freiburg-oekohauptstadt-umwelthauptstadt.html">Freiburg und Umwelt: Alles Öko in der Umwelthauptstadt / Ökohauptstadt / Green City? Eine BUND - Information</a>